Vea Kaiser. Foto: Pertramer

DIESE SEHNSUCHT NACH DER WELT

Vea Kaisers Roman »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam«

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

St. Peter am Anger ist das, was man ein Kaff nennt. Ein abgelegenes Bergdorf in den »mittelhoch-peripher-zentralen Alpen«, das seit Jahrhunderten der Welt und der Veränderung entrückt ist; selbst die Pest und der Dreißigjährige Krieg ließen St. Peter links liegen. Es ist eine kleine, hermetische Welt, in der der Holzschnitzer Johannes Gerlitzen und, Jahrzehnte später, sein Enkel Johannes A. Irrwein leben und aufwachsen. Beide eint die Sehnsucht nach der Welt, nach Zivilisation und Bildung. Für Gerlitzen ist es ein 14,8 Meter langer Bandwurm, der ihn Ende der 1950er Jahre befällt und für die Wissenschaft einnimmt – er verlässt das Dorf, um Jahre später als Doktor zurückzukehren. Sein Enkel tut es ihm gleich, begeistert sich für die Wissenschaft, das Altgriechische und besucht als einziger Sohn des Dorfes das Gymnasium im Tal. Ähnlich seinem Vorbild Herodot wird er Historiograf von St. Peter und seinen »Bergbarbaren«, was nicht nur ihn verändern wird, sondern das ganze Dorf.

Auch wenn Johannes A. Irrwein die Berge »wie Kerkerwände« vorkommen – ein Frösteln im Sinne Thomas Bernhards stellt sich in Vea Kaisers Debüt nicht ein. Im Gegenteil: »Blasmusikpop« ist eine tragikomische Liebeserklärung an jene »Bergbarbaren« mit ihrem scheinbar begrenzten Horizont. Im Buch findet sich ein siebenseitiges Personenverzeichnis, in dem 67 Dorfbewohner aufgelistet sind. Bemerkenswerterweise ist ständiges Hin- und Herblättern nicht nötig, so leicht bewegt man sich durch die wuchernden Handlungsstränge. »Das Schreiben war für mich wie Lego-spielen«, hat Vea Kaiser in einem Interview über die unangestrengte Komplexität ihres Romans bekannt, in dem auch immer wieder die antike Geisteswelt der Griechen aufblitzt, allen voran Irrweins Lebensmensch Herodot. Als Irrwein seinen Frieden mit St. Peter gemacht hat, notiert er ein Zitat des Historikers: »Denn viele (Orte) waren früher groß, von denen viele klein wurden. Die aber, die zu meiner Zeit groß waren, waren früher klein. Denn das menschliche Glück verbleibt, wie ich weiß, niemals im selben Zustand.«


Vea Kaiser, »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam« Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 496 S., 19,99 Euro

Lesungen am 23. Oktober 2012 im Blue Shell, Köln und am 29. Oktober 2012 im Buchladen Sülzburgstraße, Köln.

 

Literatur
10 / 2012

DIESE SEHNSUCHT NACH DER WELT

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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