»Einen Monolog über den Zustand der Welt, kann ich nicht.«

Maren Kames’ Debüt »halb taube halb pfau«, zu hören beim Düsseldorfer Poesie-Fest.  

INTERVIEW ANDREJ KLAHN

Maren Kames’ 2016 im Secession Verlag erschienenes Debüt »halb taube halb pfau« gehört unbedingt zu jener Sorte Bücher, die man ungern wieder aus der Hand legt – und das schon vor der Lektüre. Der silbergraue Einband produziert Moiré-Effekte, die Textgestalt ist aufgeräumt und selbst die QR-Codes, die hier und da auf den Seiten verteilt sind, sehen sehr schmuck aus. Es lohnt sich, den zur Dekodierung notwendigen Scanner auf dem Smartphone zu installieren, um sich während der Lektüre auf Soundcollagen und Musikvideos verlinken zu lassen. 

Die Kritik hat für diesen multimedialen Ansatz den treffenden Begriff »Konzeptalbum« gefunden. Auch die Jury des seit 2016 vom Heine Haus Düsseldorf vergebenen »PoesieDebütPreis« war begeistert und zeichnete Maren Kames nach Julia Trompeter als zweite Preisträgerin aus. Verliehen wird der Preis am 1. Oktober im Rahmen des Poesiefestes 2017. Auftreten werden neben Marion Kames u.a. Marion Poschmann, Nico Bleutge und Raoul Schrott.

k.west: »halb taube halb pfau« kommt ohne Gattungsbezeichnung aus. Mit welchem Etikett würden Sie selbst das Buch versehen?
KAMES: Mit genau dem, das es jetzt auch trägt: keinem. Eines der ersten schönen Erlebnisse mit meinem Verlag war, dass wir uns darüber praktisch ohne Worte einig waren. Bei »halb taube halb pfau« wäre jede dieser Einordnungen eben nur halb richtig, letztlich eine einschränkende Zuschreibung gewesen. Genrestempel sagen mir aber auch generell wenig, auch wenn ich andere Texte lese.

k.west: Das Buch liest sich wie eine Partitur. Haben Sie mehrere Stimmen im Kopf, wenn Sie schreiben? 
KAMES: Ja. Ich glaube Polyphonie im Sinne von Vielstimmigkeit, aber auch im Sinne eines Stimmengewirrs aus Rede und Gegenrede, Hinterfragen oder Widersprechen, ist eine Art Grundmodus in meinem Kopf. Stimmlichkeit ist auch insofern präsent im Schreiben, als dass ich Sätze häufig laut spreche, um zu wissen, ob sie stimmen. Mein Anspruch war, diese Vielstimmigkeit so zu Papier zu bringen, dass sie einen fast physisch anspricht. Darin ähnelte die Arbeit an »halb taube halb pfau« ganz stark dem Komponieren.

k.west: Es gibt im Buch QR-Codes, die auf Soundcollagen verlinken. In welchem Verhältnis stehen diese Hörstücke zum gedruckten Text?
KAMES: Das soll ein Angebot sein. Eine Vertonung muss nicht zwingend genau so klingen, aber es ist ein Versuch, das, was klanglich und musikalisch in den Texten enthalten ist, hörbar zu machen und so die im Text evozierte Landschaft in einen Klangraum zu übersetzen. 

k.west: Für die Soundcollagen haben Sie den Text neu und anders zusammengesetzt. Das könnte vermuten lassen, dass die Geschlossenheit des einzelnen Gedichts gar nicht so wichtig ist, dass es um einzelne Sätze geht? 
KAMES: Richtig, es ist ein bisschen wie ein Baukasten, dessen Partikel sich immer wieder anders zusammensetzen lassen. Wenn ich selbst lese, bleibe ich auch in Romanen manchmal an einzelnen Sätzen hängen, aus denen eine Art komprimiertes Echo wird. »halb taube halb pfau« ist einerseits schon der ganze Text, das Textgewebe, so wie es aufgeschrieben ist. Es lassen sich aber ebenso Fragmente herausgreifen, die für sich stehen können. Man muss nicht dem vorgeschriebenen Weg folgen, sondern kann sich seine eigene Route durch die Landschaft suchen.

k.west: Durch die QR-Codes sind auch Musikvideos in »halb taube halb pfau« eingebunden. Ist Popkultur als Bezugssystem für Sie wichtiger als Lyrikgeschichte?
KAMES: Zumindest gibt es für mich keine Hierarchien in dem Sinne, dass ein wie auch immer gearteter lyrischer Kanon wichtiger wäre als popkulturelle Referenzen. Ich kann mich an einen Songtext oder eine Filmsequenz genauso andocken wie an Texte. 

k.west: »halb taube halb pfau« liest sich sehr durchkomponiert. Hatten Sie von Anfang an die Idee für ein Konzeptalbum?
KAMES: Im Gegenteil, zu Beginn gab es eine relativ wüste oder freie Materialsammlung aus Texten, Textfetzen und Notizen. Im Zuge meiner Abschlussarbeit für den Schreibstudiengang in Hildesheim stand sozusagen der Imperativ eines Projekts mit klar erkennbaren Zusammenhängen im Raum, den ich zunächst als Zwang empfunden habe. Bei einem ersten Gespräch meinte mein Dozent auch, ein solcher Zusammenhang sei für ihn nicht im Ansatz erkennbar. Er schlug mir vor, ich solle eine Art Anti-Projekt machen, die Texte in einem großen weißen Zettelblock anordnen, in dem markiert ist, dass es keine Wegweiser gibt. Von da an hat sich die Sache seltsamerweise zu einem ganz starken formalen Konzept hin entwickelt. Aus den Motiven der Orientierungslosigkeit und der Leerstellen habe ich angefangen, einen Parcours anzulegen, die Suche nach einem Zusammenhang selbst in Text umzusetzen. 

k.west: Das Weiß der Antarktis, das in Ihrem Buch von großer Bedeutung ist, legt natürlich sofort nahe, es als Schreibmetapher zu verstehen. »Eine Ausbreitung ungeheurer Leerstellen«, heißt es an einer Stelle. »Ich bin dem Weiß überlassen, wie das Weiß mir überlassen ist. Hier bin ich der Angst ausgesetzt, hier ist die Angst ausgesetzt.« Ängstigt Sie das weiße, unbeschriebene Papier? 
KAMES: Ist das nicht die Grundbedingung jedes literarischen Schreibens? Gerade erst hab ich Peter Handke in einem Interview sagen hören, Schreiben sei ein Tabubruch. Das finde ich ein bisschen pathetisch formuliert, aber es kommen ja tatsächlich von außen häufig eher erstaunte Reaktionen. Mindestens die Rückmeldung, dass sich auf Literatur kein Leben aufbauen lasse. Als sogenannter realistischer Lebensinhalt wird Schreiben oft nicht ernst genommen oder zumindest skeptisch betrachtet. Dagegen muss man sich behaupten. 

k.west: Ist die ökonomische Unzuverlässigkeit des Schreibens der einzige Grund, Angst vor dem weißen Papier zu haben?
KAMES: Nein, natürlich nicht. Viel stärker ist vermutlich die Angst vor dem Scheitern oder Verstummen, vor den Lücken und Leerstellen im Erleben. Davor, dass Impulse von Außen fehlen, die sich in eigene Worte umsetzen lassen. Diese Art Stumpfheit kenne ich gut. Momente, in denen ich den Eindruck habe, ich kann sprachlich etwas greifen, sind dann umso großartiger. Das Anliegen in »halb taube halb pfau« war auch, seine Bauweise und Entstehungsgeschichte mit zu erzählen, die Leerstellen sichtbar zu machen. Einen dreihundertseitigen Monolog über meinen Zustand und den der Welt, den kann ich nicht. 

k.west: Sie sprechen in Ihrem Buch vom »anästhetisierten Blick«, gegen den es »widerspenstige Sätze« zu finden gilt. Was betäubt unsere Wahrnehmung?
KAMES: Schon zum Beispiel die viel zitierte Überflutung mit Reizen, Bildern, Sprache, Nachrichten. Ich habe in »halb taube halb pfau« versucht, dem Reduktion entgegenzusetzen. Auf einigen Seiten steht nur ein einziger Satz. Dahinter steht auch die Idee oder Probe, ob sich nicht mit einem solchen kondensierten Satz oder einer einzelnen Beobachtung unter Umständen mehr anfangen lässt, als wenn man sich drei Stunden lang durch Nachrichtenportale klickt und am Ende auch nicht schlauer ist als zuvor.

k.west: Ist Schreiben ein Sensibilisierungsprogramm – nicht zuletzt für Sie selbst?
KAMES: Das würde ich mir wünschen. Sensibilisierung im Sinne von: genau hinhören oder stolpern über bestimmte sprachliche Wendungen oder Perspektiven, die mich Dinge anders denken lassen. Im Schreiben heißt das, sich sehr vorsichtig, aber präzis herantasten an das, was ich versuche, mit der Pinzette zu greifen.

Literatur
09 / 2017

»Einen Monolog über den Zustand der Welt, kann ich nicht.«

Von: Andrej Klahn


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