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Gespräch mit Brigitte Glaser

Mit ihrem neuen Roman »Rheinblick« erkundet Brigitte Glaser weiter die bundesrepublikanische Geschichte. Sascha Westphal hat sie in Köln getroffen.

Ein Angelausflug ins Windecker Ländchen. Der letzte Versuch einer jungen Krankenschwester und Logopädin, an ihren prominenten Patienten heranzukommen und ihn aus seiner Erstarrung zu reißen. Der Plan geht auf. Willy Brandt, der knapp zwei Wochen zuvor mit seiner SPD einen historischen Wahlsieg errungen hat, findet am Ufer der Sieg tatsächlich inneren Frieden und damit auch etwas von seiner Stärke zurück. Aber auch für sie hat dieser Morgen des 1. Dezember 1972 etwas Befreiendes. Während der Bundeskanzler, der nach einer Operation nicht sprechen darf, mit einem seiner Personenschützer angelt, zieht die Landschaft Sonja in ihren Bann. Etwas an dieser abgelegenen Flussbiegung in der Nähe der kleinen Ortschaft Schladern kommt ihr vertraut vor. Als sie sich schließlich erinnert, tritt alles andere, selbst die Gedanken an ihren Patienten, in den Hintergrund. Sie war schon einmal an diesem Angelplatz. Vor Jahren, als Kind, mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem verhassten, gewalttätigen Vater, den sie nur noch »den Erzeuger« nennt. Aber damals an der Sieg war für ein paar Stunden alles anders. Wie nun Willy Brandt hat auch ihr Vater beim Angeln so etwas wie Frieden empfunden. Diesen einen Tag lang war er der Mann, den sie sich als Vater gewünscht hätte. Nun, da sie sich an diese kurzen glücklichen Stunden erinnert, fällt es ihr leichter, einen Schlussstrich unter ihre kaputte Kindheit zu ziehen.

Begegnet man Brigitte Glaser und unterhält sich mit ihr über ihren im Spätsommer 2016 veröffentlichten Nachkriegsroman »Bühlerhöhe« und seinen in ein paar Wochen erscheinenden Nachfolger »Rheinblick«, kommt das Gespräch sehr schnell auf Momente wie den an der Sieg. Schließlich sind sie geradezu charakteristisch für diese Romane. In ihnen offenbart sich die Arbeitsweise der 1955 in Offenburg geborenen und nun schon seit über 30 Jahren in Köln lebenden Schriftstellerin. Beide Romane erzählen zwar von zwei ikonisch gewordenen Lenkern der bundesrepublikanischen Geschichte. Dennoch bleibt Willy Brandt in »Rheinblick« ebenso wie Konrad Adenauer in »Bühlerhöhe« eine Figur im Hintergrund. Sein Schatten liegt über allem. Aber Glasers Augenmerk gilt Menschen, deren Leben von ihrer Politik geprägt wird, Frauen wie Sonja, die der Enge einer von Kriegstraumata gezeichneten Familie entfliehen will. Oder der israelischen Agentin Rosa Silbermann, die im Sommer 1952 einen möglichen Anschlag auf Adenauer verhindern soll.

Übersehene Ereignisse der Geschichte
»Mich faszinieren eher Nebenstränge der Geschichte, die bisher kaum jemanden interessiert haben«, sagt Glaser, die sich vor der Veröffentlichung von »Bühlerhöhe« einen Namen als Krimi- und Jugendbuchautorin gemacht hat. »Ich würde niemals ’68 oder die RAF als Thema wählen. Daran haben sich schon viel zu viele Autoren abgearbeitet.« Die vergessenen oder auch übersehenen Ereignisse der Geschichte, zu denen die politischen Kämpfe um das Bundesentschädigungsgesetz von 1952 genauso gehören wie die beiden Wochen, die Willy Brandt nach der Bundestagswahl 1972 im Krankenhaus verbracht hat, sind für sie ideale Stoffe. Zum einen ermöglichen sie dem Leser einen freien, unbelasteten Blick. Er kann in eine Welt eintauchen, die zugleich vertraut und unbekannt ist, und dabei seine eigenen Vorstellungen von der Vergangenheit infrage stellen. Zum anderen sind gerade diese Seitenstränge wie geschaffen, um grundlegenden Wahrheiten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des NS-Regimes nachzuspüren. 

Dafür taucht Brigitte Glaser tief in die Gedankenwelt ihrer Figuren ein. Nur so kann sie ihrer Überzeugung gerecht werden: »Wir sind alle Kinder unserer Zeit. Keiner kann sich von deren geistigen und politischen Strömungen freimachen.« Deswegen ist es in ihren Augen unerlässlich, »dass man bei allen Entscheidungen die Geschichte nicht vergisst und zugleich versucht, dahinter zu kommen, warum Menschen so und nicht anders gehandelt und gedacht haben«. Insofern sind die großen historischen Ereignisse tatsächlich nur eine Folie, vor der sie der »Mentalität einer Zeit und ihrer Menschen« nachspürt. Damit eckt sie gelegentlich auch mal an. 

Während wir an einem nasskalten Januarnachmittag in einem Kölner Café zusammensitzen, erzählt sie auch von einer »Bühlerhöhe«-Lesung, bei der eine Zuhörerin Anstoß daran nahm, dass eine der Hauptfiguren des Romans einen kriegsversehrten Oberstaatsanwalt als »Krüppel« bezeichnet. Diese Sehnsucht nach einer Sprache, die niemanden verletzt, hat etwas Beunruhigendes, vielleicht auch Gefährliches. »Dann kann man keine Kunst mehr machen«, gibt sie zu bedenken und fügt noch hinzu: »Wenn ich den Menschen einer vergangenen Epoche gerecht werden will, dann muss ich auch aussprechen können, was sie gedacht haben.« Da ist sie auch in unserem Gespräch, diese Leidenschaft, zu tieferen, von den Läufen der Zeit verdeckten Wahrheiten vorzudringen, die Brigitte Glasers Romane erfüllt. Wir alle, auch die auf einen politisch korrekten Sprachgebrauch pochende Zuhörerin, sind Kinder unserer Zeit. Doch das sollte uns nicht den Blick verstellen.

Brigitte Glasers Roman »Rheinblick« erscheint am 22. Februar (im List Verlag, 432 Seiten, 20 Euro)

Lesungen am 21. Februar 2019 im Buchladen Neusser Straße »einzigundartig« in Köln

Am 26. Februar 2019 liest Brigitte Glaser in der Altstadtbuchhandlung in Bonn

Literatur
02 / 2019

Gespräch mit Brigitte Glaser

Von: Sascha Westphal


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