Foto: Franka Bruns

GLÜCK, DAS VOM ABSCHIEDNEHMEN KOMMT

Ralf Rothmanns neuer Erzählband heißt »Shakespeares Hühner«. Deren Flügelschlag streift das Innerste.

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Zwei Bände mit Erzählungen (neben einem halben Dutzend Romanen) hat Ralf Rothmann bisher vorgelegt, »Ein Winter unter Hirschen« 2001 und 2006 »Rehe am Meer«. Nun den dritten Band; und wieder trägt er Tiere im Titel: »Shakespeares Hühner«. Das Federvieh allerdings ist von anderer Art als jene mit Sehnsucht und Jenseitigkeit aufgeladenen Wildtiere, zumal seine Existenz auch noch auf einem Missverständnis beruht: Es waren Hünen gemeint, aber Fritzi kannte das Wort nicht und las falsch. Das Mädchen sollte die Desdemona im Schultheater spielen, Dinah, die ihr dann im Umkleideraum den ersten Kuss geben würde, der nicht nur auf den Lippen zu spüren war, den Othello. Nach Ende der Schule sind die beiden auf einem Trip durch Südfrankreich, wo ihnen ihre Liebe abhanden kommt. Und Fritzi begreift, dass an Shakespeares falschen Hühnern auch etwas Wahres ist, denn machen wir nicht, verglichen mit den Gestalten seiner Tragödien, Gegacker um lauter Kram?

Sind also die Titeltiere der Rothmann’schen Erzählbände in entgegengesetzten Biotopen des Symbolischen zuhause, die Konstellationen und Menschen in ihnen stammen aus denselben: Auch diesmal wieder Verletzte, Schwache, Beschädigte, aus der Bahn Geratene und Geworfene oder sonst wie Sensibilisierte; es sind heranwachsend Unfertige, die hier Ich sagen; und dann hat der Stille, Verwundbare einen wilden, starken und dunklen Freund. Einmal noch sind wir in den 60er Jahren im Ruhrgebiet, bei Milch und Kohle, Roth-Händle und Nylonhemd; doch ansonsten schenkt schon längst der versinkende Osten dem Wahl-Berliner Rothmann die Melancholie des aus der Zeit Gefallenen, die ihm anfangs seine Revierheimat lieferte: Karlshorst, Friedrichshain und die andern Ränder Berlins. Hier ist Wolf Symalla nach zwölf Jahren DDR-Haft nach der Wende auf einer Trabrennbahn untergekommen, dort in die Pferdeboxen, nah an Hufe und schweißglänzende Flanken, furchterregend dicht unter Hengstaugen führt uns Rothmann mit einer so beschreibungssicheren Liebe zum Vorhandenen, dass sich »Traber-Sonate« wie ein flandrisches Stillleben liest, kurz davor, Geruch zu verströmen. Sie sind gut, die Dinge; gut weil sie da sind – das ist, was man hier lernen kann.

Es sind diese unspektakulären Orte, wo der gescheiterte Architekt sein Karriereende und die erste erfüllende Liebe zu einem Mann kennenlernt; wo der sterbenskranke Ex-Stasi-Mann mit letzter Klassenkampfkraft der Wahrheit über ein SA-Verbrechen nachforscht, um im Moment historischer Aufklärung seiner Lebenslüge und seinem Tod ins Auge zu sehen. Aber auch diese Erzählung (»Der Hunger der Vergesslichkeit«) wäre nicht von Rothmann geschrieben, heischte sie irgend-eine Sensation. Was sie, wie auch die anderen sieben Geschichten dieses Buches, heraufbeschwört und nach dem Lesen lange nachzittern lässt, ist das besondere Glück, das vom Abschiednehmen kommt.

Mehr als seine Romane sind Rothmanns Erzählungen auf den Punkt hin geschrieben; doch es ist nicht die »unerhörte Begebenheit«, auf die er abzielt, es ist eher das unerlauschte Klingen vom Wasser her, das jäh sich hebende junge Licht, die Spuren von vor langer Zeit, die tauender Schnee freigibt. Und dass dies hinausweist aus dem Hier. Zu behaupten, dass Rothmann ein verspäteter Romantiker sei, wäre albern, auch bei ihm fällt die Abendsonne durch Glasbausteine. Was er aber weiß und weiterzugeben versteht ist, dass man »nur ruhig hinschauen« muss, um zu erkennen, dass bei trabenden Pferden manchmal für eine Sekunde alle vier Hufe in der Luft sind, und sie schweben. In der ersten Erzählung, »Abschied von Montparnasse«, findet Rothmann ein wunderschönes Bild seiner Poetologie. Eine junge Businessfrau hat ihren letzten Tag in Paris, wo sie allein der Karriere wegen ein Jahr verbracht hat; in einer Bar nimmt sie still für sich Abschied. Am Nachbartisch sitzt ein Mann, sein »rehbrauner« Hut neben ihm ist randvoll mit Pilzen. Gleich viel, ob dieser Tischnachbar nun – randlose Brille, teurer Nadelstreifenanzug, alte Wanderschuhe – ein Bild des Autors selbst ist oder Peter Handkes oder sonst wessen: Rothmanns Erzählungen sind der Mann, der mitten in der Stadt, »wo man die Metro unter den Füßen fühlte, an einen Hut voller Waldpilze kam«.

 

Ralf Rothmann: »Shakespeares Hühner«. Erzählungen; Suhrkamp Verlag. Berlin 2012, 211 Seiten, 19,95 Euro

Lesungen: 24. Mai Köln, Der andere Buchladen, Wahlenstraße 1 / 25. Mai Mülheim, Ringlokschuppen / 5. Juni Essen, Medienforum des Bistums, Zwölfling 14 / 6. Juni Bochum, Buchhandlung Napp, Pieperstr. 12

 

Literatur
05 / 2012

GLÜCK, DAS VOM ABSCHIEDNEHMEN KOMMT

Von: ULRICH DEUTER


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