Ingo Schulze. Foto: Tobias Bohm

»ICH HABE KEINE LUST MEHR, MEINE EMPÖRUNG RUNTERZUSCHLUCKEN«

Die parlamentarische Mitbestimmung müsse so gestaltet werden, dass sie marktkonform werde, forderte Angela Merkel im letzten Herbst. Bei aller Uneinigkeit in Sachen Europa, dürfte sie mit diesem Vorhaben auch auf den Beifall des italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti zählen, der zu den Aufgaben einer Regierung rechnet, die Parlamente zu erziehen, um dem Druck der Finanzmärkte standhalten zu können. Groß war die europäische Empörung über den ehemaligen griechischen Premier Papandreou. Warum? Er wollte, dass die Bevölkerung über den Euro-Rettungsplan abstimmt. An Symptomen dafür, dass die Euro- auch eine Demokratiekrise ist, fehlt es nicht. Der Schriftsteller Ingo Schulze fordert in seinem neuen Buch »Unsere schönen neuen Kleider«, Politik wieder an den Interessen des Gemeinwesens auszurichten. Statt »marktkonformer Demokratie« brauche es »demokratiekonforme Märkte«.

 

INTERVIEW: ANDREJ KLAHN

K.WEST: Was lässt sich aus Hans Christian Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider« über unsere Gegenwart lernen?

SCHULZE: Es gibt in »Des Kaisers neue Kleider« zwei Betrüger, die eine Art Spielregel aufstellen, um Wirklichkeit verschwinden zu lassen. Sie lautet: Wer die schönen, nicht existenten Kleider nicht sieht, sei »unverzeihlich dumm« und tauge für kein Amt. Von dem Moment an, wo alle diese Spielregel akzeptieren, geht es dann nicht mehr um das, was ich sehe, sondern nur noch darum, dass überprüft werden kann, wer wie über die behauptete Wirklichkeit spricht.

K.WEST: Und das ist heute auch so?

SCHULZE: Ich habe den Eindruck, dass wir heute einer sogenannten Sachzwang-Ideologie anhängen und vieles für selbstverständlich halten, was dem Augenschein und auch den eigenen Überlegungen widerspricht. Beispielsweise die Überzeugung, dass Privatisierung ein Allheilmittel ist: kundenfreundlich, billig, effektiv. Mit der Konsequenz, dass sich Politik und das gesellschaftliche Leben gefälligst nach den Bedürfnissen der dort agierenden Menschen zu richten haben. Wenn man beispielsweise einmal Hedge-Fonds erlaubt hat, kann man sie auch wieder verbieten. Aber diese Idee liegt für die meisten fernab der Realität. Diese Selbstverständlichkeit hat viel damit zu tun, dass wir uns die Welt gar nicht mehr anders als im westlichen Status quo vorstellen können.

K.WEST: Wo sehen Sie Symptome für eine »marktkonforme Demokratie«?

SCHULZE: Überall:Überall: Wenn ich beim Arzt anrufe und als erstes gefragt werde, ob ich privat versichert bin oder nicht, dann ist das ein Zustand, den Politik nicht hinnehmen dürfte. Genauso wenig, dass Firmen mittlerweile von ihnen bezahlte Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sitzen haben, die Gesetze ausarbeiten, die den Einfluss eben dieser Firmen begrenzen sollen. Oder wenn Abgeordneten ein paar Stunden vor weitreichenden Entscheidungen stapelweise Material hingelegt wird und keiner sagt: »Tut mir leid, darüber kann ich unter diesen Bedingungen nicht abstimmen«. Es wird gemacht, weil es als alternativlos gilt.

K.WEST: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass wir uns daran gewöhnt haben, derartige Missstände als selbstverständlich hinzunehmen?

»Die Globalisierung der Märkte läuft nicht auf Demokratisierung hinaus.«

SCHULZE: In den letzten 20 Jahren gab es einen großen Einlullungsprozess. Ich nehme mich davon nicht aus. Ich hing nach dem Mauerfall wirklich dem Irrglauben an, dass in unseren Breiten die Ideologien verschwunden seien und es nur noch um Sachzwänge ginge. Jetzt, wo ich das sage, erscheint mir diese Vorstellung ziemlich lächerlich. Es dauerte, bis ich dann gemerkt habe, dass politische und historisch gewollte Sachverhalte umgedeutet werden in einen naturgegebenen Zustand, den man nicht ändern könne. Diese Überzeugung ist sehr tief in der Bevölkerung verwurzelt. Und der Mainstream der Medien tut wenig dafür, es zu ändern.

K.WEST: Im Märchen gibt es die Betrüger, die mit Vorsatz handeln: Wer spielt diese Rolle heute?

SCHULZE: Mich interessiert nicht, ob Frau Merkel ein böser oder ein guter Mensch ist, ob sie Lobbygelder kassiert oder nicht. Mir geht es um das marktkonforme Denken, für das sie steht. Sie hat diesen Begriff ja selbst geprägt, wofür ich ihr dankbar bin. Er zeigt, dass sie und ein Großteil der Politiker sich in einer Welt befinden, aus der sie nicht aussteigen können. Sie sind in erster Linie Gefangene ihrer eigenen Vorstellungen, ihres eigenen Selbstbildes. Diese Ideenwelt ist geformt von sehr mächtigen Interessen und Forderungen einiger Dutzend Banken und Konzerne, es schmiegt sich denen sozusagen an.

K.WEST: Und in dieser Ideenwelt gilt noch immer, dass die Befreiung der Märkte irgendwie auch die Globalisierung der Demokratie nach sich ziehen wird.

SCHULZE: Die Globalisierung der Märkte läuft nicht auf Demokratisierung hinaus. Ich würde es eher umgekehrt denken: Kapitalismus braucht keine Demokratie, er braucht stabile Verhältnisse. Wie diese Stabilität hergestellt wird, ist zweitrangig. Häufig haben wir schon erlebt, wie Demokratie durch die Forderungen der weltweit agierenden Konzerne ausgehebelt wird, denen gegenüber Nationalstaaten machtlos sind.

K.WEST: Braucht Demokratie denn Kapitalismus?

SCHULZE: Das ist die Systemfrage, die ich so variieren möchte, dass es erheblicher Anstrengungen bedarf, demokratische Verhältnisse zu bewahren oder wiederherzustellen oder überhaupt erst mal zu schaffen. Es kann nicht sein, dass das Gemeinwesen für die Hemmungslosigkeit einer Minderheit bezahlen muss. Wenn man den Begriff »Demokratie« ernst nimmt, dann sind doch nicht wir die von den Märkten Abhängigen, sondern wir müssen die Märkte gestalten. Das zu tun, käme heute fast schon einer Revolution gleich.

K.WEST: Einer Revolution, die ihre Keimzelle vermutlich nicht im Parlament hat?

SCHULZE: Ich halte nichts von Barrikadenkampf, aber schon etwas davon, dass man Demokratie mit friedlichen Mitteln auf der Straße einfordert. Warum spazieren nicht mal zehn- oder zwanzigtausend Menschen vor dem Kanzleramt herum?

K.WEST: Haben Sie das Gefühl, für eine schweigende Mehrheit zu sprechen?

SCHULZE: Als Schriftsteller habe ich einen privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit, den versuche ich zu nutzen. Bei diesen Wortmeldungen werde ich allerdings noch mehr von Selbstzweifel geplagt als bei der Literatur. Ich denke, das könnten viele besser als ich, viele, die sogar dafür bezahlt werden. Aber da wird viel geschwiegen. Die Sachzwang-Ideologie und die Komplexitätsbehauptung lassen erst gar keine Diskussion zu. Aber jeder kann mitreden, denn jeder kann fragen: Warum ist das so und wem nutzt was und was wollen wir?

»Wir haben es mit einer wachsenden Ausbeutung vieler Menschen zu tun.«

K.WEST: In Andersens Märchen braucht es ein Kind, damit die Untertanen am Ende ihren Sinnen trauen. Übertragen auf die Jetztzeit, ließe sich »Des Kaisers neue Kleider« auch als Plädoyer lesen, mehr Naivität zu wagen gegen eine vermeintliche alternativlos-komplexe Lage?

SCHULZE: Die Komplexitätsbehauptung verhindert, dass wir uns selbst ernst nehmen. Wenn man mir dauernd erzählt, dass nicht einmal Experten durchblicken, fühle ich mich eingeschüchtert. Dabei geht es nur darum, seinen Augen und dem eigenen Urteil zu trauen. In dem Märchen funktioniert das Beschweigen der Sachverhalte ja auch deshalb so gut, weil jeder Angst davor hat, sich zu blamieren, weil das, was er sieht, so simpel ist. Ich habe auch das Gefühl, mich zum Affen zu machen, weil man gar nicht glauben will, dass es so simpel läuft, dass man auf so offensichtliche Art und Weise beschissen wird. Aber ich habe keine Lust mehr, meine Empörung weiter runterschlucken.

K.WEST: Wenn die Missstände aber so offensichtlich sind und immer mehr Menschen in einem Wohlstandsland an sozialer Ungerechtigkeit leiden – warum wird darüber so wenig gesprochen?

SCHULZE: Ich habe auch keine schlüssige Erklärung dafür. Ich glaube, es hat auch mit unserem Sprachgebrauch zu tun. Jeder scheut sich, das Wort »Ausbeutung« in den Mund zu nehmen. Aber wir haben es mit einer wachsenden Ausbeutung vieler Menschen zu tun. Wir werden beeinflusst durch Sätze wie »Wir sitzen alle im selben Boot« oder »Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt«. Schon in dem Moment, in dem ich von Arbeitgebern und Arbeitnehmern spreche, haben mich die, die ich kritisieren will, in der Tasche. Denn wenn ich diese Sprachregelung akzeptiere, folge ich ihrer Logik: Für die Arbeitgeber muss alles getan werden, damit überhaupt Arbeit da ist. Der Nehmer hat dem Geber immer dankbar zu sein. Dabei gibt doch der Arbeitende seine Arbeitskraft. Der Arbeitgeber nimmt sie. Wenn wir uns auf diese Falschworte einlassen, kommen wir an die Sachverhalte nicht heran, so als würden wir immer zwei Meter über der Erde gehalten und könnten nicht mehr das berühren, was wir berühren möchten.

K.WEST: Wer heute derartig grundsätzliche Gesellschaftskritik übt, läuft zwar nicht Gefahr, als »unverzeihlich dumm« zu gelten, aber er wird, wenn er in der DDR groß geworden ist, schnell in die Ecke der Ostalgiker gestellt. Hat Sie das zögern lassen, mit ihrer Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen?

SCHULZE: Ich habe nicht den Eindruck, dass, wenn jemand aus dem Osten kommt, er deshalb kritischer oder unkritischer wäre. West und Ost sind keine homogenen Gruppen. Die größten Differenzen habe ich oft mit jenen, die einen ganz ähnlichen Hintergrund haben wie ich.

K.WEST: Aber die Reflexe funktionieren noch immer gut. Henryk M. Broder hat Ihnen jüngst vorgeworfen, sie würden die DDR verklären.

SCHULZE: Früher hieß es: »Geh’ doch rüber in die Zone, wenn’s dir nicht gefällt«. Ich war zu DDR-Zeiten kein Oppositioneller und kein Held, habe aber mit vielen tausend Anderen im September und Oktober 1989 demonstriert und mich öffentlich kenntlich gemacht. Sich dann von jemandem, der nichts riskiert hat, sagen lassen zu müssen, ich wolle die DDR zurückhaben, ist einfach nur unverschämt.

K.WEST: Harald Welzer, der Sie im letzten Jahr zu ihrer Intervention ermuntert hat, hat jüngst beklagt, dass die intellektuellen Deutungseliten angesichts des Demokratieabbaus und der sozialen Verwerfungen eklatant versagen, weil sie sich nicht dazu äußern. Teilen Sie seine Einschätzung?

SCHULZE: Ich wünsche mir schon, aus den Universitäten mehr dazu zu hören. Ich wünschte mir auch, von so bekannten Intellektuellen wie Sloterdijk, Enzensberger oder Kluge mal eine Stellungnahme zur jetzigen Situation zu hören. Wenn Peter Sloterdijk Steuern durch Spenden ersetzen will, dann ist das eine Bankrotterklärung. Wir müssen wieder über Gerechtigkeit sprechen. Über marode Altenheime und heruntergekommene oder fehlende Schulen. Ich zahle eigentlich gern Steuern, aber wenn dann die öffentlichen Gelder nicht mal mehr zum Erhalt der Bibliothek nebenan reichen oder ich selbst die Schulflure streichen soll, dann stimmt etwas nicht.

 

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, engagierte sich in der Bürgerbewegung Neues Forum, als sich die DDR auflöste. Spätestens seit Erscheinen seines voluminösen, von der Kritik gefeierten Briefromans »Neue Leben« (2005) gilt der in Berlin lebende Schriftsteller als literarischer Spezialist für deutsch-deutsche Realitäten.

Ingo Schulze: »Unsere schönen neuen Kleider«, Hanser Berlin, Berlin 2012, 80 S., 10 Euro

Lesung und Diskussion mit Ingo Schulze am 13. September 2012 in der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 in Herne

 

Literatur
09 / 2012

»ICH HABE KEINE LUST MEHR, MEINE EMPÖRUNG RUNTERZUSCHLUCKEN«


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher