»Wir in Kahlenbeck«

Christoph Peters. Foto: Heinrich Böll-Stiftung

IM KREUZGANG

Christoph Peters’ bedrängender Internats-Roman »Wir in Kahlenbeck«

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Das Buch ist starker Tobak. Besser gesagt, starker Weihrauch: Messdunst und Pubertätsbrodem. Es sind die 80er Jahre, in Deutschland ist ein kühler Hedonismus die akzeptierte Lebensform, irgendwo auf dem flachen niederrheinischen Land, hinter den Mauern eines ehemaligen Klosters aber herrscht das Klima der 50er: Konservative katholische Kreise betreiben hier das Knabeninternat Collegium Gregorianum Kahlenbeck, um, abgeschirmt von der immer säkularer werdenden Welt, Nachwuchs für den sich ausdünnenden Priesterstand heranzuziehen.

Einer dieser Zöglinge ist Carl Pacher, anfangs 14 Jahre alt und damit mitten in jener Aufbruchsphase, die nicht nur das andere Geschlecht, sondern einen Platz in der Welt finden will. Carl liebt die Natur, will Biologe werden; er hasst die allgemeine Verantwortungslosigkeit und fürchtet die Klimakatastrophe; er hört Genesis und Patti Smith. Doch die Schritte, die sein Verstand versucht, reißen an den Fußfesseln der katholischen Lehre; Andachtsformeln, katechetische Lehrsätze, Bibelsprüche ziehen jeden freieren Gedanken sofort zurück in die Spur. »Ihr seid im Krieg, denkt daran: im Krieg mit dem Teufel«, warnt Präses Dr. Roghmann, ein Mann, dem von den Nonnen des Hauses ein heiligmäßiges Leben nachgesagt wird.

DÜNKEL UND HEILIGENKITSCH

Die römische Lehre in ihrer pseudophilosophischen Widersprüchlichkeit, Leibfeindlichkeit und Überheblichkeit ist der Horizont, innerhalb dessen sich sämtliche Gespräche im Internat bewegen. Allen Ernstes debattieren die ihren Verstand erprobenden Jungen darüber, ob Liszt aufgrund seiner aufwühlenden Musik nicht mit dem Teufel im Bunde gewesen oder ob der Zungenkuss vor der Ehe erlaubt sei. In »Haus Oktogon«, »Haus Quirinal« herrscht die Selbstbezüglichkeit einer Sekte: »Wir in Kahlenbeck« – und draußen die sündige Welt.

»Starker Tobak« aber ist das Buch, weil Christoph Peters uns von Anfang bis Ende mitten hineinstellt in diese Atmosphäre aus Dünkel, Heiligenkitsch, Wissenschaftsfeindlichkeit sowie, vor allem, schwüler sexueller Aufladung. Die Erzählerstimme ist stets nah an Carl: Es sind seine Gedanken, Sehnsüchte, Handlungen, die sie wiedergibt, sie kennt keine Außensicht. Und indem sie in der sorgsam komponierten Sprache des Autors spricht und nicht etwa im Jugendjargon, macht sie den schwer zu atmenden geistigen Dunst Kahlenbecks 500 Seiten lang zu einer ernst zu nehmenden, einzigen Welt.

Bedrängend dicht sind die Naturbeschreibungen, beklemmend die Ritte durch pubertäre Angstfantasiewelten; quälend das Salbadern der Priester oder die Vorträge verknöcherter Erzkatholiken. Ironische Distanz ist nicht erkennbar – die Abschreckung tut ihre Wirkung geradeso besser. Carls Sehnsucht nach sexueller Erfahrung (»Wirklich mit einem echten Mädchen zusammen zu sein, wäre das höchste«) stürzt ihn in Abgründe der Gewissensnot und des Selbstekels und lässt sich, da als hohe Liebe verherrlicht, gleichwohl nicht abweisen oder in Debatten mit Zimmernachbarn wegdiskutieren. Doch sind Verlangen und Verbot erzählerisch so dicht verwoben, dass beide auf derselben Stufe erscheinen: Die katholische Sexuallehre als pubertäres Stadium des Denkens.

Während Carl von Mädchenkörpern träumt, träumen andere wie Mitschüler Bernhard von Knabenleibern. Schämen sich dafür und sehen nur den Weg der Sublimation – die zu misogyner Triebfeindlichkeit führt, wofür wiederum ein weiterer Priester-Schüler, der Nachwuchs-Naphta Winfried, das abstoßende Beispiel gibt. Unterstützt und zugleich verraten werden diese schwulen Jungs durch die homophil-homophobe Grundstimmung, die Scheinheilige wie der Präses täglich nähren: »Habt ihr euch gegenseitig an den Geschlechtsteilen berührt? Ist ganz normal. Schlimm wird es erst, wenn man es mit einem Mädchen tut«, so befragt der Priester die Jungen.

Der 1966 in Kalkar geborene Christoph Peters, selbst in einem katholischen Internat erzogen, liebt solche geschlossenen Welten und meistert die Beschreibung ihrer Grenzzustände vollkommen, wie er schon in »Ein Zimmer im Haus des Krieges«, einem Islamisten-Roman, bewies. Maßlose Fantasien, unerträglich schmerzende Liebessucht, demütigende Machtkämpfe zwischen Jugendlichen, düstere Freundschaften, die menschenfeindlichen Zwänge eines geschlossenen Weltbildes – »Wir in Kahlenbeck« ist keine Oblate, die auf der Zunge zergeht.

 

Christoph Peters: »Wir in Kahlenbeck«; Luchterhand Literaturverlag, München 2012, 512 S., 22,99 Euro

Lesung am 26. Oktober 2012, Buchwelt Völker, Steinstr. 5–7, 47574 Goch

 

Literatur
10 / 2012

IM KREUZGANG

Von: ULRICH DEUTER


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