Judith Hermann. Foto: Ordu Oğuz

SIEDLUNGSHAUS, JETZT

Judith Hermann hat mit »Aller Liebe Anfang« den lange erwarteten Roman geschrieben.

 

TEXT: ANDREJ KLAHN

In Stellas Haus hat alles seine Ordnung. Herd und Spüle stehen unter dem Fenster in der hellen Küche, die Überdecke des Bettes ist glattgezogen, Postkarten hängen am Kühlschrank. Wie eine Kamera zoomt sich die Erzählerin in dieses geordnete Leben hinein; durch das Panoramafenster neben der Tür in das Familienheim am Rande der namenlosen Stadt, in dem die Krankenpflegerin zusammen mit Ava, ihrer kleinen Tochter, und Jason wohnt. Vierzehn Stufen hoch in den ersten Stock, wo sich die Schlafzimmer befinden und das Mobile über dem Kinderbett im Zugwind schwankt. Judith Hermanns spätes Roman-Debüt »Aller Liebe Anfang« beginnt – nach einem kurzen Liebes-Vorspiel über den Wolken – beschreibungsversessen wie eine theatralische Szenenanweisung. Und diese Akribie, mit der auf geradezu unheimlich unspektakuläre Weise ein Vorstadt-Idyll möbliert wird, lässt schnell vermuten, dass dessen Demontage unmittelbar bevorsteht.

Der Mann, der die sortierte Existenz Stellas durcheinanderbringen wird, heißt Mister Pfister. Er ist nicht von irgendeiner Cabaret-Bühne heruntergestiegen, sondern wohnt nur ein paar Schritte von Stella und Jason entfernt. Unversehens steht er vor der Tür, was Stella mehr zu verstören scheint als dass es sie überrascht. Sie lässt ihn nicht ein, Mister Pfister aber kommt wieder, immer dann, wenn sie allein ist. Er lässt sich nicht abwimmeln, wirft Nachrichten und Bildchen in den Briefkasten. Im Lexikon findet Stella unter »stalking« die Definition für dieses Verhalten, doch die hilft ihr nicht weiter. Denn Mister Pfister ist ein ambivalenter Eindringling. Er ist nicht einfach nur ein Stalker, der sein Opfer verfolgt, sondern er dient ihr auch als Projektionsfläche für Verdrängtes und verkörpert nicht zuletzt die Möglichkeit, ein anderes, offeneres Leben zu führen. Und eben das macht ihn so gefährlich.

Etwas seltsam Unwirkliches haftet diesem unauffällig gut aussehenden Mann mit der femininen Handschrift an. So als habe eine vage Sehnsucht in Stellas Kopf schon herumgespukt, bevor dieser Mister Pfister erstmals an ihrer Haustür geklingelt hat. Und je zudringlicher dessen Annäherungsversuche werden, desto unklarer wird, gegen wen Stella sich eigentlich zu schützen versucht: gegen den exzessiv liebenden Eindringling oder gegen sich selbst.

Judith Hermann zieht »Aller Liebe Anfang« vom ersten Satz an eine raffinierte Doppelbödigkeit ein, die dieser Geschichte, in der es nur vordergründig um Stalking geht, einen abgründigeren Thrill verleiht. Seit ihrem fulminanten Debüt »Sommerhaus, später« begleitet Judith Hermann die Frage, ob die deutschsprachige Meisterin der Short Story auch Roman kann. Hermann ließ sie bislang souverän unbeantwortet und legte mit großem Abstand zwei weitere Bände mit Erzählungen vor. Mit »Aller Liebe Anfang« beweist sie nun, dass sie, wenn der Stoff es verlangt, die Langstrecke genauso elegant zu bewältigen versteht.

Der lakonische Ton, das bedeutungsvolle Schweigen und die abgründigen Aussparungen, die ihren Erzählungen ihre Unverwechselbarkeit geben – all das findet sich auch in »Aller Liebe Anfang« wieder, nur noch ein bisschen reduzierter und beherrschter. Auch das Lebensgefühl, das die Berliner Schriftstellerin mit ihrem ersten, 1998 erschienenen Prosaband »Sommerhaus, später« einfing, ist in »Aller Liebe Anfang« noch präsent, allerdings nur als Reminiszenz. Stella scheint aus dem »Sommerhaus« gleichsam herausgealtert zu sein. Wenn sie zurückblickt, fühlt sich der Leser sofort erinnert an Hermanns frühe Erzählungen, an die seltsame Mischung aus Unbestimmtheit und Unbedingtheit, Melancholie und Abgeklärtheit. In Stellas WG hing einst ein Gedicht an der Wohnungstür, dessen letzter Vers sich wie ein Gegenentwurf zum zurückgezogenen Familienleben liest: »Jeden einlassen, wer auch kommt«. Lange ist das her. Mittlerweile ist es der schmiedeeiserne Zaun, der Stellas Leben zusammenhält. Und Stella, so heißt es in »Aller Liebe Anfang«, ist froh darüber, dass Jason ihn noch nicht abgerissen hat. Ob die Gartenpforte als Tor zum Glück taugt, hängt eben immer davon ab, von welcher Richtung man auf sie schaut.

Judith Hermann: »Aller Liebe Anfang«, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2014, 224 S., 19,99 Euro

Lesungen am 22.9.2014 im Literaturhaus Köln und am 23.9.2014 im Heine Haus, Düsseldorf

 

Literatur
09 / 2014

SIEDLUNGSHAUS, JETZT

Von: ANDREJ KLAHN


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