Rafael Chirbes in Köln 2008. Foto: Hpschaefer

VERDERBEN, VERWESEN

Lit.Cologne: »Am Ufer«, Rafael Chirbes’ großer Roman der Krise

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Es ist leicht, dieses Buch als eine Parabel auf das ganze heruntergekommene Europa zu lesen. Auf einen Kontinent, der seinen überreichen Geist verramscht, seine Vielfalt vernichtet, seine Seele an den Markt verhökert und vor allem seine latinische Wärme unter dem Eisbeutel des protestantischen Nordens erstickt hat. Und eine solche allgemeine Turbokapitalismusattacke ist »Am Ufer« gewiss. Vorderhand jedoch ist dieser jüngste Roman des 1949 bei Valencia geborenen Autors Rafael Chirbes (bis auf zwei relativ kurze Stücke Prolog und Epilog) der Denkstrom, nein der Denksumpf im Kopf des 70-jährigen Tischlers Esteban aus dem (fiktiven) spanischen Küstenort Olba – eine schwappende, gurgelnde, schlierig schillernde Erinnerungssuada an ein nichtiges, jetzt, in der Krise nach dem Ende des spanischen Baubooms auch finanziell vernichtetes Leben. Ein Lamento der verlorenen Hoffnungen, der Verarmung, der abgrundtiefen menschlichen Verlogenheit. Eine Tirade gegen die Gier, die Fühllosigkeit, die soziale Kälte, die schwarze Migration; gegen die Hyänenhaftigkeit der Familie, die machistische Grobheit der Freunde; gegen die Zerrissenheit des Landes in Fran-quisten und Franco-Feinde bis ins dritte Glied. Eine endlose Anrede, Anklage an Anwesende und Abwesende, den dementen Vater, die treulos verkommenen Geschwister – eine Rede des schon morgen toten Esteban vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei.

»Am Ufer« ist ein grandioses Buch. Ein Mahlwerk von einem Roman, dessen sprachliche Wucht und unentrinnbare Düsternis es nicht erlauben, mehr als ein paar (meist absatzlose) Seiten hintereinander zu lesen. Selbst die überwältigend schönen Naturschilderungen zeigen nur Niedergang. Der Generalbass ist El Marjal, der Sumpf: wo tote Tiere versenkt, Müll und Waffen verklappt werden, Huren sich feilbieten – wo man schwarz jagen und fischen kann. Und wo morgen schon Esteban, sein Vater, sein Hund, versinken werden. Verwesen werden. Nie gewesen sein.

Rafael Chirbes: »Am Ufer«. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Antje Kunstmann Verlag, München 2014, 430 S., 24,95 Euro

Lesung am 13. März 2014 im Comedia-Theater, Köln. www.lit-cologne.de

 

 

Literatur
03 / 2014

VERDERBEN, VERWESEN

Von: ULRICH DEUTER


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: