Robert Seethaler. Foto: Kein & Aber

VON EINEM, DER NIE AUSZOG, DIE WELT ZU EROBERN

Robert Seethaler erzählt auf 160 Seiten »Ein ganzes Leben«

 

TEXT: ANDREAJ KLAHN

Wie glücklich darf man ein Leben nennen, dessen Horizont nicht weiter reicht als bis zur letzten Haltestelle des Dorfbusses? Einmal abgesehen von den acht Jahren, die Andreas Egger in Russland verbringt – als Kriegsgefangener. Mit einem »abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen« blickt dieser Mann am Ende von Robert Seethalers Roman »Ein ganzes Leben« auf seine Existenz zurück – ohne Bedauern. Was bemerkenswert ist, denn knapp acht Jahrzehnte führt der wortkarge Mann ein Dasein, das ihm reichlich Zumutungen und wenig Möglichkeiten bietet. Als Halbwaise kommt er 1902 in ein Gebirgsdorf, das er nur verlassen wird, um in den Krieg zu ziehen. Dass der Schwager der an Schwindsucht verstorbenen Mutter den Jungen überhaupt aufnimmt, hat weniger mit Barmherzigkeit als mit den Geldscheinen zu tun, die sich in dem Lederbeutel finden, der dem Kind um den Hals baumelt. Der Alltag des jungen Andreas besteht von da an aus Arbeit, Beten und Hieben mit der Haselnussgerte. Bei einer der alltäglichen Züchtigungen bricht dem Jungen das Bein und wächst schief wieder zusammen. Fortan wird Andreas, der in allem langsamer ist als seine Altersgenossen, ein Krüppel sein, aber eben auch ein guter, weil belastbarer und unterwürfiger Arbeiter. Als Tagelöhner wird er sich verdingen, sich ein kleines Stück wertloses Land oberhalb des Dorfes vom Munde absparen, er wird sich verlieben und zum Seilbahnmonteur aufsteigen. Doch die Abzweigung in ein besseres Leben wird unter dem Schnee eines schrecklichen Lawinen-Unglücks verschüttet.

Gerade mal 160 Seiten braucht Robert Seethaler, um das ganze Leben des Andreas Egger zu erzählen. Als herzzereißende Geschichte von einem, der nie auszog, die Welt zu erobern. Die Zutaten sind aus vielen Anti-Heimatromanen bekannt, und man staunt, wie frisch, leichthändig und elegant Seethaler sie in »Ein ganzes Leben« neu arrangiert: der entsagungsreiche Kreislauf der bäuerlichen Welt, ihre dumpfe Enge, die schweigsame Selbstgenügsamkeit und der rohe Gleichmut ihrer Bewohner. Doch Andreas Egger wird sich bis zum Ende seiner Tage von diesem Milieu nicht emanzipieren. Da ist kein Aufbegehren, kein Ungehorsam gegenüber einem bitter-traurigen Schicksal. Wenn dieser Andreas Egger an seine Zukunft denkt, so heißt es in »Ein ganzes Leben«, dann breitet sie sich so unendlich weit vor ihm aus, gerade weil er nichts von ihr erwartet.

Es ist kein kleines Risiko, das Leben eines solchen Mannes zum Stoff eines Romans zu machen. Denn wo sich keiner an den Gegebenheiten reibt, entstehen auch keine Funken, an denen sich das Erzählen entzünden könnte. Doch »Ein ganzes Leben« will keine Entfremdungsgeschichte sein. Genauso wenig aber ist Seethalers Blick auf diese Dorfwelt sentimental verklärt. Mit der Seilbahn hält die Elektrizität Einzug ins Tal, das Summen der Telefondrähte erfüllt die Luft, Hühner und Schweine verschwinden aus den Ställen und Touristen halten Einzug in die neuen Pensionen. Als die Seilbahn eröffnet wird, fühlt Andreas Egger sich als »kleines, aber gar nicht mal so unwichtiges Rädchen einer gigantischen Maschine namens Fortschritt.« Das neue Jahrhundert aber lässt diesen Mann, der noch im alten zur Welt gekommen ist, zurück. Als einen verschrobenen, einsamen Kauz, der von Skifahrern dabei beobachtet wird, wie er splitternackt vor seiner Hütte eine Bierflasche sucht.

Robert Seethaler setzt das Leben des Andreas Egger aus anrührenden Szenen zusammen, die einem noch lange nachhängen. In einer rutscht die Hand der Pflege-Großmutter, die vermutlich die Einzige im Dorf war, die in dem Jungen mehr als nur eine billige Arbeitskraft gesehen hat, auf dem Weg zum Grab versehentlich aus dem Sarg – so als wolle sie Andreas zum Abschied ein letztes »Behütdichgott« zuwinken. Das könnte ein märchenhafter Moment sein, mit dem sich diese Lebensgeschichte zum Guten wendet. Tatsächlich aber ist dieser kalte Gruß ein Fingerzeig dafür, nicht allzu viel von seinem Leben zu erwarten, es sei denn eine Lektion in Duldsamkeit.

Robert Seethaler: »Ein ganzes Leben«; Hanser Berlin, München 2014, 160 Seiten, 17,90 EuroLesung am 16. Oktober 2014 in der Buchhandlung Proust, Essen

Literatur
10 / 2014

VON EINEM, DER NIE AUSZOG, DIE WELT ZU EROBERN

Von: ANDREAJ KLAHN


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