WAS BIN ICH?

Deutsche Debütanten: erste Romane von Annika Scheffel, Ulrike Ulrich und Andreas Bernard

TEXT: ANDREJ KLAHN


Nicht selten sind erste auch letzte Romane. Fällt die Premiere auf dem Buchmarkt mit dem Abgang in eins, geschieht das meist unfreiwillig. Den französischen Schriftsteller Raymond Radiguet raffte 1923 der Typhus dahin. Da hatte Radiguet gerade mal einen Roman veröffentlicht. Der posthumen Karriere war das nicht abträglich. Ganz im Gegenteil: Seiner mehrfach verfilmten Geschichte »Teufel im Leib« eilt heute noch immer der Ruf voraus, der Geniestreich eines Unvollendeten zu sein. So konnte Radiguet als literarische Hoffnung in die Literaturgeschichte eingehen, die im Alter von gerade mal zwanzig Jahren auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise zu Grabe getragen wurde.

Das ist die erfolgreiche Ausnahme von der Regel, der zufolge es sinnvoll ist, einem ersten auch einen zweiten Roman folgen zu lassen. Doch das ist heute schwieriger denn je. Denn bei Verlegern hat die Bereitschaft deutlich abgenommen, Autoren auch dann die Treue zu halten, wenn sich deren Bücher eher schleppend refinanzieren. Gründe dafür ließen sich einige finden, darunter auch überzeugende. Dass Debütanten es nicht leicht haben, veranschaulicht ein einfacher Test: Versuchen Sie doch einfach mal in der Buchhandlung um die Ecke mehr als nur eines der hier vorgestellten Bücher zu finden. Und?

Zurück zum Père Lachaise. Dorthin begleitet Lo ihre Reisebekanntschaft Thomas in Ulrike Ulrichs Roman »fern bleiben«. Für Radiguet interessiert sich die Frau in den Dreißigern nicht. Gemeinsam schlendern sie an den Gräbern Simone Signorets, Alice B. Toklas’ und Oscar Wildes vorbei. Natürlich wollen sie dann doch noch zu Jim Morrison, und das ist einer der wenigen Momente in diesem Roman, in dem Lo so etwas wie ein Ziel hat. Seit Tagen hat Lo sich im Unterwegssein eingerichtet. Die finanzielle Unabhängigkeit dafür hat sie sich bei einem Fernsehquiz erspielt, den Job gekündigt, den Liebhaber und die Dortmunder Wohnung zurückgelassen. Jetzt folgt ihr Leben allein den Fahrplänen und Richtungen europäischer Züge. Vorgenommen hat sie sich, in keinen zweimal einzusteigen. So fährt sie kreuz und quer durch Europa: Rom, Paris, Madrid, Barcelona, Wien, Basel, Neapel, Thessaloniki.

Ein Aufbruch ins Ungewisse. Kein Urlaub, sondern eine Reise, wie Lo später aus Bernardo Bertoluccis »Himmel über der Wüste« lernen wird: »Touristen denken schon beim Ankommen ans nach Hause Fahren, Reisende fahren vielleicht nie mehr nach Hause.« Selten bleibt Lo über Nacht. Denn was neu vermessen werden muss, ist der innere Kontinent. Da ist es vollkommen egal, wie es draußen vor dem Waggon aussieht. Wo aber führt dieser Selbstfindungstrip hin?

Die 1968 in Düsseldorf geborene, in Zürich lebende Ulrike Ulrich hat ihr Roman-Debüt aus unterschiedlich langen Notaten komponiert. Überschrieben sind die Geschichten mit den Nummern der Züge und Angaben zur Reiserichtung. Mit großem Vertrauen in die Tragfähigkeit dieser Anordnung erzählt Ulrich von flüchtigen Reisebekanntschaften, hält fest, wann wer gegen die Fahrtrichtung sitzt, zählt Nachtzüge und vergleicht Schlafwagenabteile. Gelegentlich bietet eine flüchtig mitgelesene Zeitungsüberschrift auch mal Anlass für eine politische Randbemerkung. Nicht ausgespart wird, dass Lo Putengeschnetzeltes mag, ihre Müslibrötchen im Reformhaus zu kaufen pflegt und in der Programmkinokneipe gern Spinat-Kartoffelsuppe bestellt. Das normal unspektakuläre Leben eben, das Reisenden auch auf Zugfahrten zwischen Bielefeld und Hannover begegnen kann, wenn sie nicht sowieso selbst schon genug damit zu tun haben, ihre eigene Rolle darin zu spielen. Aneinandergereiht werden Alltagsbeobachtungen, denen Ulrike Ulrich kaum einmal Kontur verleihen kann, geschweige denn, ihnen etwas abzugewinnen versteht. Während Lo auf ihrer Suche selten in Gefahr kommt, sich zu verlieren, gerät Ulrike Ulrich aus dem Blick, was zu berichten sich wirklich lohnte.

Eine Selbtsfindungsgeschichte erzählt auch der 1969 geborene Andreas Bernard in seinem Erstling »Vorn«: Kurz nachdem er sein Studium erfolgreich beendet hat, ist Tobias Lehnert auf dem Weg, eine überraschende Karriere beim Jugendmagazin einer großen Münchner Tageszeitung zu machen. »Vorn« heißt die wöchentliche Beilage, ein Titel, der nicht zuletzt für das Selbstverständnis der Beteiligten steht. Man fühlt sich auf inzestuöse Weise auserwählt und ist schwer davon überzeugt, allwöchentlich den Journalismus neu zu erfinden. Die Praktikantinnen sehen gut aus, die Redakteure tragen teure Anzüge und spielen unfassbar gut Fußball – wenn sie ausgehen, beginnt der glamouröse Abend mit einer Taxifahrt. Ein Umstand, in dem Lehnert den Nachweis selbstverständlicher Weltläufigkeit erkennen will.

Wie durch ein Schaufenster tritt Lehnert diese überhitzte Welt zunächst entgegen. Irgendwann gehört er dann zu denen, die drinnen sind und bemerkt nicht, wie langsam die Scheibe beschlägt. Draußen, da sind die Freunde, die nicht mehr passen zum neuen Leben. Lehnert sieht sie nicht mehr, auch für Emily, seine Freundin, die er einst bei der Arbeit im Flüchtlingsheim kennen gelernt hatte, hat er immer weniger Zeit. Zunächst unmerklich beginnt ein Entfremdungsprozess, an dessen Ende Lehnerts Leben auseinander gebrochen sein wird.

Vielleicht ist es nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass Andreas Bernard in den 1990er Jahren Redakteur des Jetzt-Magazins der Süddeutschen Zeitung gewesen ist. Bernard experimentierte also selbst in dem popkulturellen Laboratorium des Journalismus herum, das er mit »Vorn« noch einmal pointiert in Erinnerung ruft – nicht zuletzt durch die Verankerung eines Lebensgefühls in Konsumgewohnheiten. Doch dabei belässt es Bernard nicht. Er beschwert sein zunächst so leichtes Buch mit einem existenziellen Gewicht: mit der Frage nach der Authentizität dieses Lebens. Und das muss dann doch überraschen bei einem Autor, der gelernt hat, die Tiefe an der Oberfläche zu entdecken. So ist »Vorn« ein immerhin nostalgiefreies Buch für Leser, die das Jetzt in der Vergangenheit suchen.

»Ben« heißt eigentlich: Benvolio Antonio Olivio Julio Toto Meo Ho. »Der Name war ein Abwehrzauber gegen alles, was grau war.« So etwas Ähnliches ist auch Annika Scheffels Roman, dessen Kapitel jeweils nach einem dieser Vornamen benannt sind. Zusammen ergibt das kurz: »Ben«. Ein Buch, das Leser auf anmaßende wie spektakuläre Weise daran erinnert, dass Literatur zunächst und vor allem Arbeit an und mit Sprache ist. Eine Form von eigensinniger Magie, die eine Wirklichkeit hervorzubringen vermag, die mit der Realität selten deckungsgleich ist. Was festzustellen ja eigentlich eine Plattitüde ist.

Doch in Annika Scheffels Debüt stehen Sätze, wie man sie selten in deutschsprachigen Roman liest. Passagen, in denen die 1983 in Hannover Geborene die Welt auseinander nimmt, um sie dann ganz neu, als poetischen Comicstrip einzurichten. Worum es dabei geht? Vordergründig um Ben, Tjorven und Lea, auch um Herrn und Frau Schmitt, einen alten Mann namens May und andere ganz normale Menschen; nicht zuletzt aber darum, ob und wie sich Schizophrenie erzählen lässt. Nicht selten ist das kitschig, dann wieder unheimlich gekonnt, skurril manieriert, lakonisch unterkühlt, dabei immer: ein Wagnis. So ist dieser erste Roman eine grandiose Zumutung. Bleibt zu hoffen, dass es nicht Annika Scheffels letzter ist.   


Andreas Bernard, Vorn
Aufbau Verlag 2010,
249 Seiten, 16,95 Euro

Annika Scheffel, Ben
Kookbooks 2010
269 Seiten, 19,90 Euro    


Ulrike Ulrich, fern bleiben
Luftschacht Verlag 2010,
253 Seiten, 19,50 Euro

Literatur
04 / 2010

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