ZWISCHEN DEN UFERN

»Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten« von Mathias Énard

 

TEXT: ANDREJ KLAHN

»Zone«, der erste Roman Mathias Énards, der auf Deutsch erschien, ließ im letzten Jahr schon vermuten, dass da jemand am Werk ist, den Ambition und Formversessenheit in einem heute selten anzutreffenden Maße auszeichnen. Énard mutet seinen Lesern darin einen einzigen, sich über knapp 600 Seiten erstreckenden langen Satz zu, der sich in das Bewusstsein des Ich-Erzählers schraubt und den Leser zugleich mitnimmt auf die historischen und aktuellen Schlachtfelder Europas. Mit »Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten« zeigt sich der 1972 im französischen Niort geborene Schriftsteller nun erneut als junger Altmeister. Aus einer Anekdote der Kunstgeschichte entfaltet Énard in kurzen Szenen eine an betörenden Aromen und klarsichtiger Doppelbödigkeit reiche Geschichte: Im Mai 1506 geht Michelangelo im Hafen von Konstantinopel von Bord. Im sicheren Gefühl, bei Papst Julius II. in Ungnade gefallen zu sein, war der Bildhauer überstürzt aus Rom abgereist, um eine Einladung Bayezids II., Sultan des Osmanischen Reichs, anzunehmen. Michelangelo soll eine Brücke über den Bosporus entwerfen. Ein Auftrag, an dem zuvor Leonardo da Vinci – den schon Vasari zum Erzfeind Michelangelos stilisiert hat – gescheitert war, was den Ehrgeiz Michelangelos nur noch mehr befeuert. Die Arbeit aber will nicht vorangehen. Am Ende steht ein Entwurf, der heute, so erfahren wir aus dem Nachwort, tatsächlich noch existiert, aber nie realisiert worden ist.

Mathias Énard erzählt, dramaturgisch souverän komponiert, eine Geschichte des Scheiterns und der Verführung, von Intrigen und Verfolgungswahn, Eifersucht und Hartherzigkeit. Zwischen Großmannssucht und Selbstzweifeln wechselnd, verfällt Michelangelo, dieser hässliche Mann, der sein Leben der Schönheit widmete, zunächst der enthemmenden Sinnlichkeit Konstantinopels, dann einer hermaphroditischen Tänzerin. Am Ende ist Michelangelo zwischen zwei Ufern verloren. Énard aber hat auf gut 150 Seiten einen weiten, eleganten Bogen zwischen Kunst und Politik, Historie und Gegenwart gespannt.


Mathias Énard, »Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten«; Berlin Verlag, Berlin 2011, 176 Seiten, 17,90 Euro. Erscheinungsdatum: 1.10.2011.

Lesungen: 21.9.11 im Café Central des Grillo Theater, Essen; am 22.9.11 im Stadtgarten, Köln

 

Literatur
09 / 2011

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Von: ANDREJ KLAHN


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