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Eine Marke sucht ihren Platz

Die Parallelwelten des Ingolf Lück

Es gibt Menschen, die sind eine Marke. Im besten Fall stehen sie für etwas, das sie unverwechselbar macht. Wer Heino sagt, weiß genau, dass da die schwarzbraune Haselnuss drin ist und eine Sonnenbrille die Fassade schmückt. Wer Thomas Gottschalk hört, dem fällt mindestens »Wetten, dass…?« und im günstigen Fall auch das blond gelockte Resthaar ein. Selbst bei der Erwähnung von Verona Pooth, geborene Feldbusch, weiß der Durchschnittsbürger Bescheid. Das ist doch die schöne Doofe mit dem Blubb, oder? Wofür aber steht Ingolf Lück?

Die Antwort bleibt meist aus, und wenn sie käme, wäre sie wohl ein Eintopf voller Erinnerungen.Zu oft hat man den Mann schon gesehen in viel zu vielen Rollen. Man durfte ihn erleben als schnoddrigen Moderator der frühen und fast ein bisschen revolutionären Musiksendung »Formel 1«. Der gebürtige Bielefelder war gleichfalls dabei, als Anke Engelke in der Sat.1-Wochenshow einen Anspielpartner brauchte und ihre witzig gemeinten Nachrichten stets mit einem »Zurück zu Lück« beendete, woraufhin dieser mit der verflixt nahe liegenden Floskel »Danke, Anke « konterte. Und dann waren da noch die Auftritte in irgendwelchen TV-Serien, von denen man längst den Namen vergessen hat.

Erwähnt werden müssen indes auch die Einsätze in obskur anmutenden Panelshows, in denen verhaltensauffällige Menschen an langen Tischen sitzen und sich zu irgendeinem Thema despektierlich äußern. Naturgemäß wird dabei so viel dummes Zeug geredet, dass sich jeder halbwegs intakte Intellekt automatisch weigert, den zugehörigen Titel zu speichern. Auch wenn einer wie Lück da mit macht.

Trotzdem schleicht sich ein heimeliges Gefühl ein, wenn dieser höchst bekannte Unbekannte ein Kölner Literatur-Café betritt und die ganze Länge seiner länglichen Gestalt in einem wehrlosen Korbstuhl unterbringt. Lück passt hierhin, weil er auch mit 47 Jahren immer noch aussieht wie ein Student, wie einer, der schon seit 40 Semestern vergessen hat, sich zu exmatrikulieren, der einfach eingeschrieben bleibt, weil man dann günstig krankenversichert ist und umsonst mit der U-Bahn fahren darf.

Es beruhigt ein wenig, dass das Opfer der Feldforschung selbst Schwierigkeiten hat, sich als Marke zu verorten. »Wo steht die Marke Lück?«, wiederholt er erst einmal die Frage, um dann ebenfalls keine befriedigende Antwort zu finden. »Die Marke sucht ihren Platz im Regal«, sagt er dann, noch den Gedanken nachhängend und sinniert gleich weiter: »Bin ich Quengelware, Saisonware oder eher das Premium- Produkt, das einen eigenen Verkaufstisch verdient?« Er bemühe sich bei jedem Projekt, das Gesamte nicht aus den Augen zu verlieren, sagt er und blickt zurück auf den ganz jungen Ingolf, der mit 16 Jahren half, das erste selbstverwaltete Jugendzentrum in Bielefeld zu eröffnen, der gegen eine Stadtautobahn protestierte, im Kinderzirkus auftrat und zwei Monate vor dem Centre Pompidou in Paris jonglierte. »Ich habe alles gemacht, um davon leben zu können«, sagt er in der Rückschau und skizziert auch, was ihn von Ort zu Ort brachte. »Unzufriedenheit war immer ein Antrieb«, stellt er fest: »Ich bin immer unzufrieden mit dem, was ich gerade mache, weil es so viele andere Möglichkeiten gibt.« Das passt ein bisschen. Lück wirkt wie ein Kind, das gerade ein tolles, lange erbetteltes Spielzeug bekommen hat, sich aber auf dem Heimweg schon wieder in das nächste verliebt, bevor das frisch Erworbene überhaupt ausgepackt ist. »Wenn ich 70 bin, wird die Einstellung mal hip«, sagt er und versucht sich damit eine Tugend aus seinem eher zufällig wirkenden Sosein zu zimmern. Lück redet wie viele in seiner Branche auch von Herausforderung, was ja ein ziemlicher Allerweltsbegriff geworden ist, den der Befragte indes mit Begründung zu füllen weiß. »Herausforderung ist, nicht zu wissen, wie etwas geht, es aber herausfinden zu wollen.« Die aktuelle Herausforderung stellt für Lück das neue Oberhausener Musical dar. In »Die Schöne und das Biest« spielt er einen Kerzenleuchter, der dem Biest behilflich sein soll, die Liebe der Schönen zu erringen. Als Lück zusagte, die Rolle zu übernehmen, wusste er nicht, dass er sich damit durchaus abschätzige Meinungen einhandeln würde. Schließlich gelten in Deutschland Schauspieler als ganz unten angekommen, wenn sie Boulevardtheater spielen oder eben im Musical auftreten. »Da kann ich im Ensemble arbeiten und sehen, ob ich neben erfolgreichen Musicaldarstellern bestehen kann«, beschreibt er den Reiz der Aktion, die allerdings sowieso nur 52 Vorstellungen währen soll.

Was danach kommt, weiß er noch nicht. Für das Jahr 2006 ist er noch zu haben. Das muss indes nicht viel heißen, denn schließlich beinhaltet dieses »noch zu haben« die Verpflichtung für zwölf ZDFPanelshows zur Fußball-WM und etliche Bühnenauftritte mit dem Einmannstück »Caveman«, einer Art humoristisch aufgepeppter Geschlechterbilanzmonolog.

»Ich bin zweieinhalb Stunden lang dafür verantwortlich, den Menschen einen schönen Abend zu bereiten«, sagt er und macht sich keinerlei Illusionen darüber, was die Menschen in den Saal treibt: »Die meisten kommen nicht wegen Lück, sondern weil sie gehört haben, dass es ein gutes Stück ist.« Es kommen also auch Menschen, die ihn möglicherweise erlebt haben, wie er in der auf Häme, Spott und Garstigkeit gründenden Pro-Sieben-Panelshow »Die 100 nervigsten…« als Gesprächsleiter versucht, die Diskutanten zu halbwegs zivilisiertem Tun zu bewegen.

»Ich bin bemüht, die ›Arschloch‹- und ›Scheiße‹-Frequenz zu verringern «, sagt er und macht kein Geheimnis daraus, dass er das Format für reformbedürftig hält. Lück weiß nach all den Jahren eben auch, was man unter Qualität versteht, und er weiß auch, dass er die mit dieser Sendung nicht bietet. Es ist halt einer von vielen Jobs. Genau wie jene, bei denen er irgendwelchen Pharmavertretern die Vorteile eines Medikaments ge nahe bringen soll. »Ich habe viele solche Veranstaltungen gemacht«, gesteht er. Lück sagt das locker, obwohl er weiß, dass er da auch mal die Werbetrommel rührt für ein Produkt, zu dem die Krankheit erst noch geschaffen werden muss. Job ist halt Job, und den Kopf wird es ihn nicht gleich kosten.

Dafür gibt es zu wenige Überschneidungen zwischen Bühne, Werbeveranstaltungen und Fernsehen. »Das sind Parallelwelten«, sagt der Wanderer durch dieselben, der sich aus jeder die Vorteile nimmt.

Und wenn es entgegen seiner festen Überzeugung doch mal ganz böse käme und die Auftritte ausblieben? »Ich sitze auch gerne auf Langeoog und schaue aufs Wasser.« Man sieht es ihm nicht an, aber im Inneren entwickelt Lück durchaus altersgerechtes Verhalten. »Ich entdecke mehr und mehr den Garten. Da sehe ich, was ich getan habe«, bilanziert er, obwohl er vom Vater zwei linke Hände geerbt hat. Man ahnt schnell, worauf diese Vorliebe keimt: »Vielleicht hat das was zu tun mit der Sehnsucht nach messbarer Arbeit. Im Garten habe ich kein Problem, die Marke Lück zu identifizieren. Das ist Lück der Mann, der mit der Harke Blätter wegmacht.« Wenn Lück keine Blätter fegt, dann geht er mit seinen Kindern auch mal zu Haribo und tauscht gesammelte Kastanien gegen Süßigkeiten ein, obgleich er seinen Sprösslingen doch problemlos einen Berg Naschware aus dem nächsten Supermarkt rankarren könnte.

Aber er sucht halt das Ursprüngliche, etwas, an das man sich klammern kann, wenn die Trends weiter gezogen sind. Schließlich hat er schon so viele Trends verpasst. Eine Late Show hat er nicht bekommen und auch keine Kochshow, dabei sieht er letztere doch an tiefe menschliche Grundbedürfnisse rühren. »Das befriedigt auf eine bestimmte Art die Sehnsucht nach einer festen Größe. Eine Kohlroulade ist eben immer eine Kohlroulade.« Kürzlich hat er mal wieder etwas ähnlich Solides probiert. Mit dem Produzenten Friedrich Küppersbusch wurde eine Pilotsendung gefertigt, eine, in der es um Nachrichten, Politik und gleichzeitig um Satire ging. Lange hat er dafür mit dem durch das WDR-Magazin »ZAK« erfahrenen Küppersbusch zusammen gesessen, hat sich von ihm in die Geheimnisse guter Interviewtechnik einweihen lassen, nur um am Schluss zu erfahren, dass die ambitionierte Sendung in der Marktforschung scheiterte. »Die Christiansen-Zuschauer haben gesagt: Das ist aber frech. Und die jungen Zuschauer haben gesagt: Der ist ja gar nicht so frech wie bei die 100 nervigsten…« Nun ruht die Sendung im Archiv und mit ihr auch ein Stück von Lücks Ehrgeiz. Dass er über den durchaus verfügt, berichteten kürzlich erst übereinstimmend Harald Schmidt und Elke Heidenreich. Die waren mit ihm im Team bei der WDR-Rateshow »Pssst«, einer öffentlichrechtlichen Frühform von »Genial daneben«.

Da galt es, skurrile Berufe oder Eigenschaften zu erraten, und der Ingolf habe sich immer durch einen besonderen Ehrgeiz hervorgetan, berichteten die beiden. Das habe man gnadenlos ausgenutzt und ihn absichtlich immer wieder auf fälsche Fährten geführt. Ob das so stimmt? »Die reden sich im Nachhinein die Sache schön«, kommentiert Lück die Angelegenheit trocken.

Was aus ihm letztendlich werden wird, weiß er nicht. »Ich könnte auch eine Telenovela machen. So einen Gestütsleiter würde ich locker hinkriegen«, verspricht er. Einfach mal so, um zu sehen, ob’s geht. Und wenn es denn geht, wandert er bald weiter. Regie hat er auch schon geführt. In der Berliner Arena durfte er das Stück »Traumfrau Mutter« inszenieren, das nun in München, Stuttgart und Mannheim läuft. »Ich lerne sehr schnell«, sagt er, der alles notiert, was ihm über den Weg läuft, was er aus Zeitungen, dem Fernsehen und aus dem Leben saugt, was ihn letztendlich zur Botschaft drängt: »Ich habe große Lust, das, was ich aufnehme, wieder loszuwerden.« Alles ist möglich, alles ist drin. »Der Bruch ist die einzige Konstante in meinem Leben«, sagt er und schwärmt von der »Lust, einfach raus zugehen«. Einfach mal probieren, was geht. Dafür steht der Lück, auch wenn man daraus keine Marke zimmern kann.

Irgendwann im Gespräch, der zweite Aufguss seines Tees ist fast kalt, fällt dann ein Satz, der so etwas wie eine Bilanz sein könnte. »Wenn ich zurückblicke auf den Bielefelder Ingolf, stellt sich schon ein großes Stück Glück ein«, resümiert er. Einen langen Weg ist er gegangen, angekommen ist er nicht. Wird er wohl so schnell auch nicht, weil er eben im Unterwegs-Sein am besten ist.

Medien
01 / 2006

Eine Marke sucht ihren Platz

Von: Hans Hoff


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