Pierre Boulez und Matthias Pintscher. (Foto: Jean Radel)

220 Millionen Operationen pro Sekunde

Der Dirigent und Komponist Matthias Pintscher würdigt Pierre Boulez bei der Ruhrtriennale.

»Die bedingungslose Ernsthaftigkeit an der Sache, verbunden mit Brillanz, Witz, Neugierde, Offenheit und einem diskreten, zarten Lächeln – das ist für mich Pierre.« So erinnerte sich Anfang dieses Jahres  Matthias Pintscher in der Neuen Zeitschrift für Musik an den Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez. 15 Jahre lang war der für die Moderne so bedeutsame große Musiker für Pintscher Förderer, Freund und Gesprächspartner. Sicherlich hat Boulez auch ein gewichtiges Wort mitgeredet, als es um Pintschers Berufung 2013 zum neuen Chef des Ensembles intercontemporain (EIC) ging. Die von Boulez 1976 gegründete Spezialisten- und Weltklasse-Formation für zeitgenössische Musik hat, sage und schreibe, über 2000 Kompositionen im Repertoire; darunter eine Fülle von Stücken, die die Gruppe selbst uraufgeführt hat, und es gehören dazu epochale Klangabenteuer wie Boulez’ »Répons«, mit dem Pintscher und das EIC bei der Ruhrtriennale gastieren.

1981 wurde das elektroakustische Raumklangstück bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt. Wenngleich Boulez sich stets eher mit dem rein akustischen Klangphänomen und seinen Mikrotonorganismen und Farbspektren beschäftigt hatte, sollte er mit »Répons« eben auch in der elektronischen Musik Neuland betreten. War es bis dahin in Orchesterkonzerten mit Tonbandmusik üblich, die vorproduzierten synthetischen Klänge live einzuspielen, schwebte Boulez hier die computergesteuerte Verarbeitung instrumentaler Klänge in Echtzeit vor. Für die allererste Aufführung stand ihm dafür der damals extrem schnelle Computer 4X zur Verfügung, der 220 Millionen Operationen pro Sekunde durchrechnete und somit jeden Ton unmittelbar deformieren, verzögern, modulieren oder multiplizieren konnte.

Auch wenn es von dem Stück eine beeindruckende Einspielung aus dem Jahr 1998 gibt, auf der Boulez und das EIC die Rationalität und das Fiebrige der Partitur grandios vermitteln, ist »Répons« doch in erster Linie ein Werk, das man aufgeführt erleben muss. Erst dann begreift man die mehrdimensionale Anlage, die sich auch in den auf den Raum verteilten Solisten- und Orchesterinseln widerspiegelt. Das eigentliche Energiezentrum bildet ein 24-köpfiges Ensemble, eingerahmt von sechs Lautsprechern sowie Klavieren, Harfen und Percussion. In Anlehnung an die im gregorianischen Choral verwendete Form des Responsoriums, bei der sich ein Sängersolist im ständigen Dialog mit dem Chor befindet, kommt es zu mal lyrisch fließenden, dann wieder zu motorisch gehetzten Wechselreden zwischen den einzelnen Klangstationen.

Ähnlich wie das Ensemble intercontemporain hat inzwischen auch Pintscher dieses Meisterwerk absolut verinnerlicht. Man gastierte mit »Répons« 2015, zu den Feierlichkeiten von Boulez’ 90. Geburtstag, in London sowie bei den Salzburger Festspielen. Im Vorfeld des Gastspiels bei der Ruhrtriennale hat Pintscher, der wie Boulez gleichermaßen als Komponist und Dirigent weltweit gefragt ist, besonders die ungemeine Eleganz und Virtuosität der selten zu hörenden, aufwendig umzusetzenden Komposition herausgehoben. So wird »Répons«, das im Laufe der Jahrzehnte von Boulez zu einem schließlich rund 45-minütigen Stück überarbeitet worden ist, in der beeindruckenden Duisburger Kraftzentrale jeweils an einem Abend gleich zwei Mal aufgeführt. In der Pause lässt sich der Platz wechseln, um danach eine neue aufregende Hörperspektive zu bekommen.

Matthias Pintscher, Ensemble Intercontemporain: 16. & 17. September 2016, Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord; www.ruhrtriennale.de

Musik
09 / 2016

220 Millionen Operationen pro Sekunde


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