Achse Moskau – Paris

Der französische Pianist Lucas Debargue debütiert im Konzerthaus Dortmund.

TEXT GUIDO FISCHER

Bei Lucas Debargue gerät man ins Staunen. Die Tonrepetitions-Kaskaden, mit denen Domenico Scarlatti seine Sonaten garniert hat, kommen bei ihm irrwitzig punktgenau und befeuernd daher. In Ravels spieltechnisch nicht weniger diabolischem Klavierzyklus »Gaspard de la Nuit« funkelt es noch im zartesten Pianissimo vielfarbig. Während Debargue bei Liszts 1. Mephisto-Walzer seine Teufelsfinger auf Touren bringt, fährt er im langsamen Satz einer frühen Beethoven-Sonate das Tempo radikal herab – für Klangräume von schon sakraler Anmutung. Momente großer Pianistik hat Debargue jüngst auf seinen beiden ersten, kurz hintereinander veröffentlichten CDs geboten. Wenngleich die Repertoire-Auswahl auf dem Debüt mit Scarlatti, Chopin, Liszt, Ravel, Grieg und Schubert eher zusammengewürfelt wirkt, unterstreicht der Franzose doch seinen Ruf als vielversprechendes Ausnahmetalent.

Dass Debargue erst 26 Jahre werden musste, bis er den ersten Plattenvertrag bekam, ist nicht ungewöhnlich. So haben etwa Khatia Buniatishvili und Igor Levit ähnlich spät ihre Pianisten-Laufbahn diskografisch begleitet. Doch im Gegensatz zu ihnen ist der in Paris geborene, im nordfranzösischen Compiègne aufgewachsene Shooting-Star ein überraschender Spätstarter. Nicht nur machte der No-Name erst 2015 von sich reden, als er es beim legendären Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb immerhin auf den vierten Platz schaffte. Da hatte der aus einem unmusikalischen Elternhaus stammende Debargue erst einige Jahre ernsthaft Klavier studiert. Mit 20 Jahren wurde er von der russischen Klavierpädagogin Rena Shereshevskaya entdeckt. Sie war von dem musikalischen Rohdiamanten derart fasziniert, dass sie Debargue in ihre Klasse an die Pariser »École normale de Musique Alfred Cortot« holte.

Bis heute ist er ihr Schüler, obwohl sich das Leben des unglamourös auftretenden Musikers seit den aufsehenerregenden Moskauer Wettbewerbskonzerten extrem verändert hat. Konzertveranstalter von Cleveland bis Verbier und St. Petersburg umwerben ihn. Einen Exklusivvertrag hat er bei dem Klassiklabel unterschrieben, wo ehemals Vladimir Horowitz und Glenn Gould veröffentlichten. Der lärmende Betrieb um ihn bezieht sich nicht nur auf sein Spiel. Hilfreich für die Karriere sind biografische Details, die die Arbeit von PR-Strategen und Werbekampagnen erleichtern. Debargue soll sich ab dem Alter von elf Jahren das Klavierspiel vor allem als Autodidakt beigebracht haben. Später spielte er vorrangig Jazz und Rock und jobbte während des dann abgebrochenen Literaturstudiums im Supermarkt.

Als er bei seinem Auftritt in Moskau gefeiert wurde, sorgte ein kleiner Skandal für zusätzliche Aufmerksamkeit. Nachdem die Jury ihm lediglich den undankbaren 4. Rang zugesprochen hatte, stiftete die »Vereinigung der Moskauer Musikkritiker« eigens für ihn einen Preis. Weshalb der Stardirigent Valery Gergiev in Moskau von ihm derart begeistert war, dass er ihn entgegen den Statuten zum Galakonzert der Finalisten einlud, kann man jetzt live nachvollziehen. Debargue gastiert im Dortmunder Konzerthaus mit Ravels »Gaspard de la Nuit« sowie der 5. Sonate von Nikolai Medtner: zwei der Werke, mit denen er sich 2015 in die Endrunde gespielt hat.

Lucas Debargue: Werke von Scarlatti, Ravel, Medtner; 3. November 2016, Konzerthaus Dortmund.

Musik
11 / 2016

Achse Moskau – Paris

Von: Guido Fischer


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