Pet Shop Boys: Go West © EMI

AUFERSTANDEN AUS RUINEN

Ist das Musikvideo mit dem Niedergang von MTV & Co. gestorben? Oder erlebt es als Kunstform eine Renaissance, besonders im Netz? Eine Ausstellung im Kölner Museum für angewandte Kunst geht diesen Fragen nach – und zeigt Schnittmengen zwischen U- und E-Kultur auf.

TEXT: INGO JUKNAT

Sind Musikvideos gestrig? Sind sie Retro-Medien wie Super-8-Filme oder Kassetten? Es gibt eine Menge Leute, die das glauben, darunter Mike D. von den Beastie Boys. Vor kurzem kündigte er einen neuen Clip seiner Band an, es klang wie eine Entschuldigung: »Ich weiß, dick aufgetragene Videos macht man heute gar nicht mehr, aber wir haben genau das produziert.« Viel Konkurrenz werden sie im Jahr 2011 nicht haben.

Vielleicht sind die Beastie Boys die letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies – Künstler, die mit Musikvideos groß geworden sind, im biografischen wie kommerziellen Sinne. Die Beastie Boys gehören zur den letzten Pop-Acts, deren musikalisches Werk von der filmischen Komponente kaum trennbar ist. In mancher Hinsicht haben die Videos zu »Fight for Your Right«, »Sabotage« oder »Intergalactic« größere Spuren hinterlassen als die dazu gehörigen Songs. Was nicht für die Schwäche der Stücke, sondern die Stärke der Clips spricht.

Ist das Medium also tot in einer Zeit, in der sich nur noch Superstars teure Visualisierungen leisten können? Die Kölner Ausstellung »The Art of Pop Video« geht dieser Frage nach – und verneint sie deutlich. Mehr als 100 Videos aus 30 Jahren flimmern ab April in den Räumen des Kölner Museums für Angewandte Kunst. Gegliedert sind sie in zwölf Themenblöcke.

Der vermutlich aktuellste heißt »Do It Yourself«. Er widmet sich den Fan-Videos, einem Phänomen, das es vor dem Siegeszug von YouTube noch gar nicht gab. Ein Paradebeispiel aus dieser Rubrik ist »We Won’t Break« von Zoot Woman. Ursprünglich die Abschlussarbeit zweier Designstudenten, wurde der Clip kurze Zeit später von der Band offi-ziell übernommen. Zu sehen sind Figuren aus Hieronymus-Bosch- und Breughel-Gemälden, die sich im Scherenschnitt-Stil zum Sound von Zoot Woman bewegen. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht. »The Wild« von Kristofer Åström basiert auf dem gleichen Einfall und übernimmt Motive derselben Malepoche. Das Video ist einige Jahre älter.

Unbestritten ist, dass die kreativen Fan-Videos ihre offiziellen Pendants in manchen Fällen übertrumpfen. Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist »Liztomania« von Phoenix. Die Amateurversion besteht aus einem Zusammenschnitt von Szenen, die allesamt aus »Brat Pack«-Filmen der 80er stammen (u.a. »The Breakfast Club«, »Pretty in Pink«, »Ferris macht blau«). Ton und Bild passen derart gut zusammen, dass der offizielle Clip dagegen schlichtweg öde wirkt. Inzwischen schreiben manche Bands schon Wettbewerbe aus. Der Vorzug liegt auf der Hand – für den Preis von ein paar Backstage-Karten erhält man ein professionell wirkendes Video. Fan-Projekt und Ausbeutung liegen hier nahe beieinander.

Ausschließlich professionell geht es in der Kategorie »Die Eroberung des Films« zu. Sie analysiert den Zusammenhang von Kino und Pop-Video. Nach einer Verbindung muss man nicht lange suchen. Immerhin haben viele Star-Regisseure als Clip-Produzenten angefangen. »The Art of Pop Video« zeigt Beispiele von Jonathan Glazer, Michel Gondry, Mark Romanek und vielen anderen. Hier lassen sich interessante Entwicklungen beobachten. So bei David Fincher, der im diesjährigen Oscar-Rennen mit »The Social Network« dabei war. Mitte der 80er drehte er vergleichsweise banale Clips für Eintagsfliegen wie The Hooters, vier Jahre später ist er in der Königsklasse angelangt und produziert u.a. »Express Yourself« von Madonna, Produktionskosten: fünf Millionen Dollar.

Bombastclips wie diesen stellt »The Art of Pop Video« Arbeiten entgegen, deren künstlerische Wirkung gerade aus der Beschränkung der Mittel entsteht. Da wäre z.B. »House of Cards« von Radiohead. Das Vi-deo wurde ohne Licht und Kamera gefilmt, es besteht aus einer Montage von Hunderten von Scans. In die Kategorie »originell/günstig« passt auch eine Reihe von Clips, die jüngst beim Oberhausener MuVi-Preis zu sehen waren, darunter die Stop-Motion-Animation »Die Seitenlehne« von Lena Stoehrfaktor oder »Lifeguide« der bayrischen Band Pappka-meraden (K.West 04.2010).

Der wechselseitige Einfluss von Kunst und Musikvideo ist zentraler Bestand der Ausstellung. Einen Schwerpunkt bilden Künstler, die es zwi-schendurch in die Pop-Welt verschlagen hat. Da wäre zum Beispiel der Fotograf David LaChapelle, der seine Kitsch-Ästhetik auf nahe liegende (Mariah Carey) und weniger naheliegende Acts (Blink 182) übertragen hat. Legendär sind auch die Kooperationen von Björk mit verschiedenen Filmregisseuren. Unvergesslich die »Liebesroboter« im Video zu »All Is Full of Love« (Regie: Chris Cunnigham) oder das fröhliche, audiovisuell komplett gegenteilige »It’s Oh So Quiet« von Spike Jonze. Während die Filme von LaChapelle & Co. Auftragsarbeiten sind, stellt »The Art of Pop Video« auch eine Reihe von Clips vor, die Künstler für sich selbst entworfen haben. Unter dem Titel »Die Eroberung der Kunst« werden Werke von Erik van Lieshout, Michael Smith oder Wolfgang Tillmans gezeigt, deren Ästhetik von Musikvideos beeinflusst sind.

In manchen Bereichen leistet das MAK durchaus Aufklärungsarbeit. So unter der Überschrift »The Dancing of Politics.« In der Rubrik wird die Verbindung von Musikvideos und politischen Botschaften aufgezeigt. »The Art of Pop Video« widerlegt das Klischee eines inhaltslosen Fun-Mediums und zeigt, dass »politische« Musikclips von Anfang an Teil dieser Kunstform waren. Man denke an Bob Dylan oder die Kinks in den 60ern, Paul Hardcastles spätes Vietnam-Video »19« oder jüngst Daft Punks »Aer Obama.« An diesem Punkt widerlegt die Ausstellung allerdings ihre eigene These. Erst die »Befreiung vom Weichspüldiktat des Fernsehens« habe zu einer erhöhten Politisierung geführt, liest man in der Ankündigung. Dabei ließen sich – neben den erwähnten Clips – problemlos Dutzende Videos aus den 80ern finden, die zur Hochzeit von MTV Politisches zum Thema gemacht haben, von HipHop-Sozialkritik à la Public Enemy über Springsteens »Born in the USA« (entgegen der landläufigen Meinung ein Antikriegsstück) bis hin zu Chart-Schnulzen wie »Belfast Child« von den Simple Minds.


The Art of Pop Video, Museum für Angewandte Kunst, Köln, 9. April bis 3. Juli 2011. Tel.: 0221/221-238 60. www.museenkoeln.de/museum-fuer-angewandte-kunst

Musik, Kunst
04 / 2011

AUFERSTANDEN AUS RUINEN

Von: INGO JUKNAT


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