Yuja Wang. Foto: Felix Broede / DG

AUS DEM REICH DER MUSIK

Trotz Verpackung auch Inhalt: Die chinesische Pianistin Yuja Wang spielt mit den Düsseldorfer Symphonikern.

 

TEXT: GUIDO FISCHER

Was macht eigentlich Vanessa Mae? Fast reflexartig stellt man sich diese Frage, sobald wieder ein Girlie aus Fernost auf High Heels und im ultra-knappen Mini losgeschickt wird, um den siechen Klassik-CD-Markt aufzupeppeln. Aktuell übernimmt die Chinesin Yuja Wang diesen Job. Zumindest könnte man diese Vermutung hegen angesichts ihrer zahllosen Live-Aufnahmen, die auf diversen Video-Plattformen kursieren. Lange Beine, tiefes Dekolleté und überhaupt reichlich nackte Haut – diese Arbeitskleidung trägt Yuja Wang, wie sie in Interviews betont, bei ihren Klavierabenden gern und freiwillig.

Ob das nur eine PR-Phrase ist oder vielleicht wirklich dem eigenen Geschmack entspricht, wird jedoch schnell unwichtig. Denn wer Yuja Wang einen Abend lang zugehört oder bei einem Konzert erlebt hat, sieht sie mit anderen Augen bzw. hört sie mit andern Ohren. Die asiatische Lolita hat sich in eine ernsthafte Musikern verwandelt, die mit analytischen Durchblick und nuanciertem Gespür für Klangfarben und Innenspannungen beeindruckt.

Die schwermystischen Klavierstücke des Russen Alexander Skrjabin etwa nimmt Wang als nervöse wie gleichermaßen zart funkelnde Gedankenspiele. Chopin? Da findet sie mit Fingerspitzengefühl die exakte Balance aus Salon und Sehnsucht. Auch bei der Einspielung von Rachmaninows 2. Klavierkonzert bestätigt sie die alte Wahrheit, dass es nicht auf die Verpackung, sondern den Inhalt ankommt.

Auf dem Cover gibt sie sich mit riesiger Fellmütze als mongolische Kindfrau. Zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra und ihrem Mentor Claudio Abbado wusste sie bei der Einspielung ganz genau, wie man diesem Repertoire-Schlachtross Beine machen kann. Dabei setzt sie neben sagenhaft schnellen Fingern lebensbejahende Impulsivität und das slawisch Dunkle der Ausdrucksmusikerin Wang ein. Dass sie indes mit anderen Schwergewichtlern wie Johannes Brahms noch im Clinch liegt, muss kein Makel sein. Schließlich ist Yuja Wang erst 25 Jahre alt und wird irgendwann das Spätherbstliche in Brahms’ Musik für sich entdecken.

Den Weg vom Wunderkind zur reifen Künstlerin verlief so atemberaubend, dass zwangsläufig Vergleiche mit ihrem Landsmann Lang Lang gezogen werden. Zumal beide sich ihren Feinschliff bei Gary Graffman am renommierten Curtis-Institute in Philadelphia holten. Doch während Lang Lang trotz Jetset-Lebens seine chinesischen Wurzeln nicht vergessen hat, fühlt sich Yuja Wang als Amerikanerin. Mit 14 war sie allein in die Neue Welt aufgebrochen, um zunächst in Kanada zu studieren. Damals bereits muss sie neben dem Talent bereits ein gefestigtes Nervenkostüm besessen haben. Überall, wo Yuja Wang für einen erkrankten Kollegen einsprang, für Radu Lupu, Yefim Bronfman oder Martha Argerich, war der Triumph vorprogrammiert. Mittlerweile kann sie sich ihre Engagements aussuchen. 120 Konzerte gibt sie im Jahr, die sie zu den besten Orchestern der Welt führen. Trotzdem bleibt Zeit, um im gewagten XXS-Outfit über rote Teppiche zu laufen, Preise zu empfangen oder in der Abschiedssendung von Harald Schmidt stilsicher den jazzigen Broadway-Song »Tea for Two« zu spielen.

Die klassische Rachmaninow-Karte zieht sie bei ihrem Gastspiel mit den Düsseldorfer Symphonikern unter GMD Andrey Boreyko. Auf dem Programm steht das 3. Klavierkonzert und damit jenes sogenannte Elefantenkonzert, das Yuja Wang wenige Monaten zuvor mit Boreyko schon in Hamburg mit dem NDR Sinfonieorchester gespielt hat. Sie muss »Rach 3« derart meisterlich in die Tasten gestanzt haben, dass es bei den Besuchern noch lange nachhallte.


Yuja Wang (Klavier) und die Düsseldorfer Symphoniker unter Andrey Boreyko am 22., 24. & 25. Juni 2012, Tonhalle Düsseldorf; www.tonhalle.de

 

Musik
06 / 2012

AUS DEM REICH DER MUSIK

Von: GUIDO FISCHER


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