Elektroklassisch: Die »Grandbrothers« Erol Sarp und Lukas Vogel. Foto: Robin Hartschen

Das wohlpräparierte Klavier

Die »Grandbrothers« aus Bochum verkabeln analoge Konzertflügel mit elektronischen Musikapparaturen und erzeugen extravagante Sounds.

Text Volker K. Belghaus

Dieser Flügel sieht nicht so aus, wie man sich ihn normalerweise vorstellt. Der Deckel wurde abgenommen, Mikrofone sind ins Innere des Korpus gerichtet. Über den Saiten hängen zwanzig elektromagnetische Hämmer an einem Gestell, Kabel verbinden bündelweise das Instrument mit einem Tisch voller Sequencer, Drumpads und einem Laptop. Zugegeben, das Konzept eines präparierten Klaviers ist nicht neu. Das, was Erol Sarp und Lukas Vogel damit veranstalten, aber schon. »Da haben wir auch Teile aus dem Baumarkt und Nähmaschinenspulen drin verbaut«, sagt Vogel.

Die Bochumer Serap und Vogel lernen sich 2007 während ihres Studiums der Bild- und Tontechnik in Düsseldorf kennen. Serap ist gebürtiger Wuppertaler mit türkischen Wurzeln, Vogel in Zürich aufgewachsen. Ende 2011 wagen sie erste Experimente mit dem Flügel und der Elektronik, veröffentlichen das Stück »Ezra was right« und nennen sich »Grandbrothers«. Sarp spielt die akustischen Parts auf dem Flügel, während zeitgleich die elektromagnetischen Hämmer computergesteuert weitere Takte auf die Saiten schlagen. Vogel bedient die digitale Technik. Da es so etwas wie die Hämmer vorher nicht gab, bauten »Grandbrothers« sie kurzerhand selbst und schrieben das passende Programm für den Computer.

Ihr Album »Dilation« (auf dem Label »Film« erschienen) mit der Mischung aus analogen und elektronischen Motiven ist etwas Besonderes; mal klingen die Stücke klassisch, dann wieder nach durchtanzten Clubnächten. »Neoklassik« nennt man dieses unscharfe Genre, in dem auch Chilly Gonzales, Hauschka oder Nils Frahm ihren Platz finden. Für Lukas Vogel sind solche Vergleiche zwar eine Bestätigung, trotzdem verorten sich die beiden eher in der elektronischen Clubmusik. Wenn sie Konzerte geben, bekommt der vom Veranstalter gestellte Flügel die mitgebrachte Technik der »Grandbrothers«, die in zwei größere Koffer passt, regelrecht aufgesetzt. Mit ihren Soundchecks von zwei Stunden seien sie »der Schrecken der Veranstalter«, so Sarp. Helfende Roadies kämen wegen der komplexen Technik aber nicht in Frage, »die müsste man über Jahre instruieren«.

Am 12. November kann man Sarp & Vogel in der Black Box des Düsseldorfer Filmmuseums live erleben – da eröffnen sie das Festival »Beat the Silence« mit Stummfilmvertonungen von Man Rays »Emak Bakia« (1926) und »Ballet Mécanique« von Fernand Léger und Dudley Murphy (1924). Teile ihrer Filmmusiksets sind vorproduziert und werden vom Computer abgerufen, das meistewird aber live gespielt oder teilweise improvisiert. Im Frühjahr packen die »Grandbrothers« ihre elektronischen Koffer und gehen auf Tour durch Deutschland und Europa.

»Grandbrothers«:  12. November 2015, Filmmuseum Düsseldorf

Musik
11 / 2015

Das wohlpräparierte Klavier

Von: Volker K. Belghaus


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