Foto: Felix Broede

DER CHOPIN-FLÜSTERER

Beim Klavier-Festival Ruhr gastiert der junge polnische Ausnahme-Pianist Rafał Blechacz.

TEXT: GUIDO FISCHER

Am 21. Oktober 2005 war das Foyer der Warschauer Philharmonie nichts für Klaustrophobiker. Dicht drängten sich Menschenmassen selbst noch die Treppen hinauf, während sich unten Kameramänner und Fotografen auf die Füße traten. Nein, nicht etwa der polnische Jahrhundertklaviersänger Artur Rubinstein war leibhaftig auferstanden. Bejubelt und umringt wurde vielmehr einer seiner hochtalentier-ten Erben.

Dem 20-jährigen Rafał Blechacz war gelungen, was zuvor in der Geschichte des Warschauer Chopin-Wettbewerbs noch niemand geschafft hatte. Weder Maurizio Pollini noch Martha Argerich. Nicht nur hatte Blechacz den offiziell Ersten Preis mit weitem Abstand vor der Konkurrenz gewonnen; es wurde auch erstmals kein zweiter Preis vergeben. Blechacz erhielt zudem noch vier Sonderpreise: für die beste Interpretation der Mazurken, einer Polonaise, eines Klavierkonzerts und einer Sonate. Mehr konnte man nicht abräumen. Nachdem die Jury ihre Voten verkündet hatte, brachen ange-sichts des Triumphes die Dämme.

Wenngleich sich Blechaczs Miene im Blitzlicht-gewitter freudig aufhellte, hat man bei den im Internet kursierenden Live-Bildern von einst immer noch den Eindruck, dass er vielleicht auch über den dritten Platz glücklich gewesen wäre. Bescheiden reagierte er auf die Gratulantenschar – so, als sei ihm der Trubel ein wenig peinlich.

Fünf Jahre danach ist aus dem Shooting-Star ein vielbeachteter Pianist geworden. Äußerlich hat er sich kaum verändert. Immer noch umgibt den hoch gewachsenen, schlaksig wirkenden Blechacz etwas schüchternd Zurückhaltendes. Auch die nachdenklichen Züge hat er sich bewahrt. Doch die Fassade trügt. Dahinter verbirgt sich kein Grübler oder jemand, der am Leben schwer trägt und sich daher ins »Traumreich der Poesie« (Heine über Chopins Musik) flüchten müsste.

Mit seinem perfekten Spiel und sicheren Stilempfinden zieht Blechacz souverän alle Register, um ins Innerste von Chopin vorzudringen. Mal setzt er  auf con fuoco-Ungestüm, wobei das Wilde, Drängende nie zu billig-mondäner Brillanz verkommt. Dann wechselt er von rassiger Sensibilität schwerelos ins Kantilenen-Fach und nimmt den singenden Klang beim Wort, mit dem sich Chopin als Bewunderer der italienischen Belcanto-Oper enthüllt. Zieht Blechacz danach die Zügel wieder an – etwa in den eindrucksvollen Schluss-Stretten der Polonaisen –, ist das dramatisch wie elementar gespielt.

Alles ganz ohne Muskelkraft, sondern mit Natürlichkeit und Intensität, die mehr mit-reißt, als pianistische Blendraketen. Dass sich Blechacz darin von vielen seiner gleichaltrigen, namhaften Kollegen wie Lang Lang und Yundi Li unterscheidet, mag nicht allein an seinem scheinbar in die Wiege gelegten Verständnis für das Werk seines Landsmannes liegen.

Wesentlichen Anteil an Blechaczs Reifeprozess nach dem Warschauer Erfolg hatte Krystian Zimerman, der selbst 1975 den Chopin-Lorbeer bekommen hatte. Mit seinem Lieblingspianisten traf sich Blechacz fortan, um über Fal-len und Freuden in Chopins Klavierschaffen zu diskutieren. Zimerman war zudem wichti-ger Ratgeber für die Karriereplanung. Obwohl Blechacz vor 2005 bereits diverse Wettbewerbe für sich entschieden hatte, besaß er kaum Erfahrung mit den Mechanismen des Klassikbetriebs, mit Agenturen und Schallplattenfirmen, mit langfristiger Organisation und entsprechen-der Repertoire-Erarbeitung. »Erst langsam begriff ich, wie viele neue Herausforderungen auf mich warteten. Krystian Zimerman schickte mir einen wundervollen Gruß, in dem er mir schrieb, dass ich auf seine Unterstützung zählen könne.«

Blechacz kam sogleich bei jenem Label unter, das Zimerman schon vor 35 Jahren unter Exklusivvertrag genommen hatte. Drei CDs hat Blechacz inzwischen für die Deutsche Grammophon aufgenommen: Chopins Préludes und die beiden Klavierkonzerte sowie ein Recital mit Sonaten des Wiener Klassik-Dreigestirns Haydn, Mozart und Beethoven. Auch wenn Blechacz 2008 in den Spannungen und Proportionen gerade bei Haydn und Mozart noch leicht unsichere Züge offenbarte, war er von seinem klaren Feinschliff her schon weiter als manch ein fertiger Meisterpianist.

Nach der Warschauer Kür wurden nicht nur Label-Scouts auf ihn aufmerksam. Auch die Konzertveranstalter gaben sich die Ehre. Einen seiner ersten Auftritte in Deutschland absolvierte Blechacz 2006 beim Klavier-Festival Ruhr, damals im eher intimen Saal des Dortmunder Harenberg City-Centers auf. Jetzt wurde das Dortmunder Konzerhaus gebucht. Wie vier Jahre zuvor hat Blechacz einige Chopin-Schwergewichte ausgewählt, so die As-Dur-Ballade und Polonaise-Fantaisie op. 61, die er für Chopins vielleicht schwierigstes Werk hält. Außerdem widmet er sich drei Komponisten, die sein Chopin-Spiel beeinflussen. Neben Mozart und Bach besonders Claude Debussy, mit dem er seit dem Studium an der Musik-akademie von Bydgoszcz vertraut ist. »Meine Professorin erschloss mir die große Bedeutung pianistischer Farben, als sie mich mit Debussys Werk bekannt machte. Das war eine gute Vorbereitung für Chopin.« Mit Debussy tritt Blechacz erstmals an die Öffentlichkeit, was auch für die Behutsamkeit spricht, mit der er sein Repertoire aufbaut und erweitert.

Überhaupt ist Blechacz der Sonderling unter den aktuellen Gewinner-Typen  der jungen Pianisten. Mehr als 40 Konzerte im Jahr gibt er nicht (die Beschränkung geht gewiss auf einen Ratschlag seines Mentors Zimerman zurück). Statt sich wie Lang Lang zwischen zwei Recitals auf die »Wetten, dass …«-Couch zu setzen, kehrt Blechacz lieber in sein Heimatstädtchen Nakło nad Notecią im Norden Polens zurück, wo es nicht einmal einen Konzertsaal gibt, sondern nur Ruhe und Stille. Bei seinen Eltern arbeitet er am Instrument und für sein Philo-sophie-Studium.

Wie abgeschieden man dort sein kann, merkte er in seinem Schicksalsjahr 2005. Nach jeder Runde des Chopin-Wettbewerbs fuhr er nach Nakło zurück, ging im Wald spazieren, hörte kein Radio, las keine Zeitung und kriegte nichts vom Rummel um seine Person mit. »Erst nach und nach wurde mir später klar, dass mein größter Traum Wirklichkeit geworden war.« Besagtes »Traumreich« – Heinrich Heine war auch immer eher für irdische Erfüllung als für himmlische Erwartung.   

Blechacz gastiert am 12. Juni 2010 im Konzerthaus Dortmund; www.klavierfestival.de 

Musik
06 / 2010

DER CHOPIN-FLÜSTERER


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