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»Deutsche Musiker sind es nicht gewohnt, französische Musik zu spielen«

Konrad Junghänel über Jean-Philippe Rameau, die Alte Musik und das »Schlaraffenland« Rheinoper

Text / Interview:  Regine Müller

//   Seit dieser Spielzeit gehen im rheinischen Opernbetrieb die Uhren anders. An der Düsseldorf-Duisburger Rheinoper wie auch an den Städtischen Bühnen Köln fand ein Leitungswechsel statt (siehe K.WEST Sept. 2009). Traditionell stehen beide Institute in gesunder Konkurrenz zueinander; bis auf den in den neunziger Jahren koproduzierten Wagner-»Ring« vom damaligen Rheinopern-Intendanten Kurt Horres pflegte man herzlich wenig Gemeinsamkeit. Doch wer die aktuellen Spielpläne der Opernhäuser aufmerksam liest, dem vergeht Sehen bzw. Hören. Denn ein klangvoller Name taucht an prominenter Stelle hüben wie drüben auf: Konrad Junghänel ist zuständig für die Alte Musik.

In Köln oblag ihm unlängst die musikalische Leitung des Gürzenich-Orchesters bei Glucks »Orfeo«; in den kommenden Saisons ist unter seiner Ägide ein Monteverdi-Zyklus geplant. An der Rheinoper dagegen wird Junghänel einen Zyklus mit Opern von Jean-Philippe Rameau einstudieren – »Les Paladins« markieren den Anfang dieser Erkundung. Mit seiner nachbarschaftlichen Präsenz nimmt Junghänel gewissermaßen eine Monopolstellung ein. Ein Fall fürs Alte-Musik-Kartellamt?

»Ach was, ich habe überhaupt keine Platzhirsch-Ambitionen. Es war reiner Zufall, dass sich beides zeitgleich ergibt. Ich kenne den Rheinopern-Chef Christoph Meyer seit langem aus Basel, mit dem Kölner Uwe Eric Laufenberg wiederum habe ich schon in Potsdam zwei Mozart-Opern gemacht. Nun sind zufällig beide am Rhein, ich finde es sehr schön, dass ich jetzt auch mal hier etwas machen kann. Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich als Musiker in meine Heimat zurückkommen durfte.«

Für Junghänel schließt sich ein Kreis: 1972, am Beginn seiner Karriere, trat er zum ersten Mal in Düsseldorf auf. Mit 19 Jahren schlug er in der Neuproduktion von Francesco Cavallis »L’Ormindo« die Laute. Nun folgt nach langer Pause also »Les Paladins« – eine Rarität.

Der aus Gütersloh stammende Junghänel nahm mit 17 sein Lauten-Studium an der Hochschule für Musik Köln auf, bereits drei Jahre später begleitete er den Countertenor René Jacobs. Zu der Zeit war der heutige Boom der Alten Musik kaum zu ahnen. Die historische Aufführungspraxis laborierte noch an ihren Kinderkrankheiten. Mittlerweile gehört Junghänel international zu den gefragtesten Lautenisten und ist als Solist wie als Kammermusiker in Europa, den USA, Japan, Australien, Südamerika und Afrika aufgetreten. Zudem arbeitet er nach wie vor regelmäßig mit René Jacobs zusammen sowie mit den edelsten Ensembles der Alten Musik wie Les Arts Florissants, La Petite Bande und Musica Antiqua Köln.

1987 gründete er das Vokalensemble Cantus Cölln, das sich innerhalb kürzester Zeit als Spitzenensemble etablierte. Seit geraumer Zeit tritt Junghänel vermehrt auch als Dirigent in Erscheinung. Stationen waren für ihn u. a. Innsbruck, Antwerpen, Basel, die Staatsopern Hamburg, Hannover, Saarbrücken und Stuttgart, die Komische Oper Berlin und die Göttinger Händelfestspiele.  

Rameaus »Les Paladins«, die Geschichte um die Prinzessin Argie und ihren Geliebten Atis, geht auf einen Stoff des französischen Dichters La Fontaine zurück und enthält zudem bühnenwirksame Elemente aus der Commedia dell’arte-Tradition mit allerlei hübschen Verwickelungen. Die 1760 im Palais Royal uraufgeführte Ballettkomödie polarisierte damals jedoch gerade wegen ihrer italienischen Anleihen. Zumal Rameau, der im schwelenden Buffonistenstreit kei-ne klare Stellung bezog, sich zwar von der italienischen Musik hatte inspirieren lassen, aber mit Ballett und aufwändiger Szene auch dem französischem Geschmack Tribut zollte.

Konrad Junghänel wird Rameaus Werk nicht mit den ansässigen Düsseldorfer Symphonikern einstudieren, sondern mit einem eigens eingekauften Spezialistenensemble, der Neuen Düsseldorfer Hofmusik. Er freut sich darauf, für Rameau die Lanze bzw. Laute zu brechen.

»Ich finde es sehr mutig von Christoph Meyer, dass er einen solchen Zyklus riskiert. Es ist tatsächlich ein Wagnis, weil Rameau hierzulande überhaupt noch nicht etabliert ist. Bei Händel ist das anders, er zählt inzwischen zu den meistgespielten Opernkomponisten. Selbst Monteverdi ist mittlerweile gut vertreten. Dass man sich endlich traut, Rameau zu spielen, finde ich toll. Seine Musik ist immer noch total unterschätzt. Das kommt daher, dass die französische Musik in Deutschland stets Rezeptionsprobleme hatte. Auch für ein Barockorchester steht sie ganz am Rande. Deutsche Musiker sind es nicht gewohnt, französische Musik zu spielen. Ich hatte das Glück, 15 Jahre lang sehr intensiv in Frankreich zu arbeiten – da habe ich hauptsächlich französische Musik gemacht und folglich für Rameau einen ganz guten Background.«

Doch nicht nur der Hintergrund stimmt, auch die Arbeitsbedingungen für die Düsseldorfer Premiere sind luxuriös. »Normalerweise hat man für eine Neuproduktion etwa vier Proben mit dem Orchester allein, das sind genau acht Stunden und 40 Minuten für ein Stück, und das mit zwei Orchesterbesetzungen! Das heißt: gut vier Stunden pro Orchester, um ein vollkommen unbekanntes Stück einzustudieren. Im Grunde geht das überhaupt nicht, bei Rameau mit seinen vielen Verzierungen wäre es schier unmöglich. In Düsseldorf aber habe ich eine Besetzung und fünf Probentage. Da diese Freelance-Musiker tageweise und nicht pro Probe bezahlt werden, kann ich sogar zehn Proben machen. Damit lebe ich im Schlaraffenland! So etwas gibt es sonst nie.«    //

Nach der Premiere am 28. Januar 2010  folgen Termine am 31. Jan. sowie am  5., 7., 11. und 14. Februar  von »Les Paradins«; www.rheinoper.de

Musik
02 / 2010

»Deutsche Musiker sind es nicht gewohnt, französische Musik zu spielen«


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