»Kinder an die Macht« in der Düsseldorfer Tonhalle. Foto: Susanne Diesner

DIE GESELLSCHAFT WILL SPIELEN…

… gerade auch ihr jüngster Teil. Wie widmen sich die Konzerthäuser dem Nachwuchs und lassen Musik sinnlich erfühlen? Antworten am BeispielDortmund, Düsseldorf und Köln.

 

TEXT: CHRISTOPH VRATZ

Ob komplizierte Barockfugen oder gewagte Dissonanzen in der Neuen Musik: Kleinkindern ist ziemlich egal, was man ihnen vorsetzt, ihre Aufmerksamkeit scheint garantiert. Basierend auf amerikanischen Studien, wonach Mozart & Co. selbst auf Kleinste positive Wirkung ausüben, haben sich hierzulande etliche Modelle entwickelt, um Begeisterung für Musik schon bei den Jüngsten zu wecken. In NRW gibt es eine Fülle von Angeboten für ein Nachwuchs-Publikum.

In Köln treffen sie sich auch außerhalb des philharmonischen Raumes, in den Veedeln (Vierteln), etwa im Bürgerzentrum Engelshof. Kinderwagen schiebende Mütter, die sich nicht zur Gymnastik oder Krabbelgruppe einfinden, sondern zum Babykonzert. Der Raum füllt sich schnell. Sofort werden die mitgebrachten Ausrüstungen ausgebreitet: Bananen, Digitalkameras, Stifte und Flaschen in allen Größen. Vorn liegen Krabbelmatten. Auf der Bühne wird, je nach Besetzung, gefiedelt, getrommelt, geblasen. Stücke von unterschiedlicher Länge und Form, maximal eine Stunde lang.

Schon seit mehreren Jahren gibt es diese Konzerte für die Kleinsten. Was anfangs einem Experiment glich, hat sich bewährt. »Uns kommt es darauf an, den Bereich Musikvermittlung als lückenloses Angebot zu formen«, betont Othmar Gimpel von der Kölner Philharmonie: »An die Babykonzerte schließen wir mit den Mini-Konzerten an für Kinder zwischen eins und vier Jahren. Es folgen die Familienkonzerte im Veedel und für Kinder ab circa acht bis zehn Jahren die Konzerte in der Philharmonie.«

DAS ANGEBOT FÜR KINDER WÄCHST

Was noch in den 90er Jahren unter dem Sammelbegriff Familienkonzert als Einheitsformat verpackt wurde, hat sich in eine Fülle von Varianten ausdifferenziert. Aus dem monatlichen Pflichtauftritt der kommunalen Sinfonieorchester mit leicht verdaulichen Programmen entspann sich ein dichtes Netz aus Sparten-Angeboten, oft entwickelt von eigens engagierten Konzertpädagogen. Wie in Bonn, wo Thomas Honickel nun seinen Abschied feierte, nachdem er in fünfjähriger Arbeit fast 100.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in neu etablierten Reihen in der Beethovenhalle und im Opernhaus zusammengeführt hat. Für zwei seiner Produktionen, aufgeführt mit dem Beethoven Orchester, gab es einen ECHO-Preis: für die Weltersteinspielung von John Rutters Kinderoper »The Piper of Hamelin« und die auf Dvořáks Neunter basierende Produktion »Komm! Wir fahren nach Amerika«.

Wohlklang, Restschall und Nachhall – bundesweit wird an Konzepten und Ideen für den Nachwuchs gefeilt, versuchen Veranstalter und Agenten, das Publikum von morgen zu generieren. Oder ist das etwa nicht das eigentliche Ziel? »Es gibt nicht das ›Publikum von morgen‹«, behauptet Tonhalle-Intendant Michael Becker in Düsseldorf. »Wir versuchen nicht, Kinder vorzubereiten auf das erste ›richtige‹ Konzert, denn jedes Konzert ist ein richtiges Konzert. Kinder bewegen sich in unserem Angebot genauso wie die Erwachsenen.« Auch in der Landeshauptstadt sind die Offerten mittlerweile vielfältig, Konzerte für Ungeborene inklusive.

Bei so viel Möglichem könnte man fürchten, dass sich die Signale gegenseitig übertönen und es sich insgesamt um eine Mode handelt, die in ein paar Jahren mit Pauken und Trompeten wieder verklungen sein wird. Doch Becker widerspricht. Die Gesellschaft habe sich verändert: »Früher fand die Vermittlung in der Familie und der Schule statt. Bei mir und meinen Schulfreunden hat der Frontalunterricht viel an Musikbegeisterung und -verständnis abgezogen. Heute ist diese ex cathedra-Haltung dem spielerischen Ansatz gewichen, der sich in einem Konzerthaus sinnvoller umsetzen lässt. Die Gesellschaft will spielen. Das kommt der Musikvermittlung sehr entgegen.«

DAS INTERESSE DER KINDER FÜR KLASSIK IST GROSS

Daher ist Nachhaltigkeit überall zentrales Anliegen. Sorge mit Blick auf einen Verpuffungseffekt gibt’s nicht, auch nicht in Köln. »Wenn die ersten Erlebnisse positiv sind, motiviert das zur Fortsetzung. Deswegen setzen wir, schon bei den Kleinsten, auf höchstes Niveau. Nur wenn ein Angebot von solcher Qualität ist, kann es dauerhaft Erfolg haben«, so Othmar Gimpel. Das Nachhaltigkeits-Konzept umfasst daher auch engen Kontakt mit Schulen. »Unser Angebot ist inzwischen integraler Bestandteil des Unterrichts geworden.« Und das nicht nur in dem Sinne, dass zwei Musiker ihre Instrumente einpacken und mit schwerem Blech goldenen Glanz verbreiten oder neutönende Saiten aufziehen. Vielleicht sind die Berührungsängste mit dem hehren Gut Klassik auch gar nicht (mehr) so groß, wie gemeinhin angenommen. Für die Kölner jedenfalls war es eine wichtige Erfahrung, dass das Interesse von Schülern auch an klassischem Musik-Konsum groß ist. »Die Musik zu ihnen zu bringen, war dabei weniger interessant. Viel wichtiger ist für Schulklassen, direkt in die Philharmonie zu kommen.« Daher hat man die Schulkonzerte der Reihe »PhilharmonieVeedel« abgeschafft und neuen Raum geschaffen für die Mini-Konzerte, speziell für eine Altersgruppe, für die es wenig bis gar keine musikalischen Angebote dieser Art gibt.

Alternativ ist die aktive Einbindung der jungen Konzertbesucher, wie sie in Düsseldorf betrieben wird: »Unsere Reihe ›3-2-1-Ignition‹ wird musikalisch und ästhetisch von Jugendlichen mitgestaltet«, sagt Michael Becker. »Zum Teil von allen Besuchern, zum Teil von Projektgruppen. Wichtig ist: Die Jugendlichen werden ernst genommen und wir rekrutieren nicht über Schulen.«

Oft entziehen sich die Kinder- und Jugendprogramme geschickt jeder Schematisierung: Klassik, Jazz, Weltmusik, Pop – Schubladendenken ist passé, wie in Dortmund der Erfolg des einzigen deutschen Pop-Abos zeigt, das zum Dauerläufer wurde. »Im Pop-Abo zeigt das Publikum ein hohes Maß an Treue, was sich teilweise in der blinden Abo-Verlängerung äußert, noch bevor die Acts der nächsten Saison veröffentlicht sind«, erläutert Jan Boecker vom Konzerthaus. Gewiss spekuliert man darauf, dass der eine oder andere, der beim Pop-Abo heimisch wurde, auch einen Seitensprung zur Klassik wagt.

MUSIK ZUM FÜHLEN IST IN

Die Art der Vermittlung läuft nicht nur über altersspezifische Differenzierung, sondern auch über die Art der Wahrnehmung: Musik zum Begreifen, das war gestern. Musik zum Hören, das versteht sich von selbst. Immer wichtiger wird jedoch: Musik zum Fühlen! »Wir Erwachsenen nehmen uns damit oft zurück«, stellt Becker fest. »Doch wir versuchen, das Fühlen, die Empfindsamkeit in diesen Konzerten zu bewahren. Daher unser Claim ›Einfach fühlen‹. Die jüngsten Besucher haben uns in der Beziehung viel voraus. Wir möchten das beim Älterwerden erhalten.«

Auch in Köln wertet man diesen Ansatz als wesentliche Vermittlungsform: »Das sinnliche Wahrnehmen ist ähnlich wie das spielerische Wahrnehmen eine zentrale pädagogische Maßnahme, um die Musik nicht allein mit dem Wort zu erklären, zumal Musik eben ein sinnliches Produkt ist«, so Othmar Gimpel. »Wenn ich durch den Wald gehe und Vogelstimmen bewusst höre, kann ich mir die Idee eines Olivier Messiaen viel besser erklären, als wenn ich drei Biografien über ihn lese. Letztlich müsste es eigentlich heißen – mit allen Sinnen«.

Irgendwie scheinen das auch die Kleinsten zu spüren. Ein Blick in die Babykonzerte zeigt: Oft herrscht plötzlich, mit dem ersten Ton, eine andere Stimmung im Raum, der polyphone Summchor der Babystimmen verstummt, die Aufmerksamkeit gilt den Klängen vorn auf der Bühne. Natürlich bleibt es dann nicht eine Stunde lang ehrfürchtig still, im Gegenteil, es darf und soll auch mitgesungen oder mitgetanzt werden; und nicht selten sind es die Eltern, die verblüfft feststellen: »Mein Kind reagiert auf Musik…«

Ob im kreativen Bereich, in der direkten Begegnung mit Musikern, ob in der Förderung junger Talente, der Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Institutionen oder ob in der Einbindung von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten – die Vernetzung der Nachwuchsförderung erhält immer höheren Stellenwert. Subventionsabbau, Überalterung des Publikums, ein verkrustetes Repertoire, sterile Abläufe – all die düsteren Aussichten und Gewitterwolken, die über dem Konzert-Alltag gesichtet werden, scheinen bei der Vielfalt heutiger Früh-Programme wie weggeblasen.

 

www.konzerthaus-dortmund.de + www.tonhalle.de + www.koelner-philharmonie.de

Musik
10 / 2013

DIE GESELLSCHAFT WILL SPIELEN…

Von: CHRISTOPH VRATZ


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