Nelsons und das Festival Orchester im Jahr 2014. Foto: Lucerne Festival / Priska Ketterer

Eine Frage der Ehre

Exklusiver Bund: Andris Nelsons gastiert mit dem Lucerne Festival Orchestra in Dortmund.

Text Guido Fischer

An den ersten Violin-Pulten sitzen in diesem Jahr die Konzertmeister der Top-Orchester aus Leipzig, München und Salzburg. Die Trompetenfraktion wird erneut von Reinhold Friedrich angeführt. Den Klarinettenpart teilt sich Wolfgang Meyer mit Kollegen etwa vom römischen Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Auch in seinem 13. Jahr ist das Lucerne Festival Orchestra (LFO) äußerst prominent und kompetent besetzt. Was kaum überrascht. Denn auch für namhafteste Solisten und erfahrene Kollegen ist es eine Ehre, Mitglied dieses exklusiven und exquisiten Orchesterbundes auf Zeit zu sein. Seit 2003 kommt das vom italienischen Maestro und Menschenfreund Claudio Abbado gegründete Ausnahmekollektiv lediglich in den Sommermonaten, während des Festivals, zusammen. Nach der Saison nimmt man dann nur noch einige wenige Auswärtstermine wahr.

Jetzt gibt das LFO in Dortmund das ersehnte NRW-Debüt. Am Pult steht der Lette Andris Nelsons, der seit dem Tod Abbados 2014 das Orchester leitet. Bis Ende des Jahres geht Nelsons Vertrag noch. Dann reicht er den Stab an Riccardo Chailly weiter, um sich auf ein neues Kapitel seiner nicht eben ereignisarmen Karriere vorzubereiten. Obwohl Nelsons erst 2014 den Chefposten beim Boston Symphony Orchestra übernahm, konnte er dem Lockruf eines deutschen Traditionsorchesters nicht widerstehen. Er wird ab der Saison 2017/18 das Leipziger Gewandhausorchester dirigieren, als Nachfolger von Chailly.

Solche hochkarätigen Doppelengagements sind selbst in der ersten Garde nicht alltäglich. Der 37-jährige Nelsons absolviert seit geraumer Zeit ein gewaltiges  Arbeitspensum. Der derzeit vielleicht fleißigste Weltklassedirigent liefert auf gleichbleibend hohem bis höchstem Niveau. Wobei er im richtigen Moment die Zügel lockert, um die Orchester noch in den monumentalen Partituren von Richard Strauss und Richard Wagner einfach nur spielen zu lassen: »Wenn man permanent schlägt, stört man den Fluss.«

Die Bereitschaft, sich zurückzunehmen, gehört neben seiner Impulsivität und einem Sensorium für Klangfarben zu den Stärken des Künstlers, der enorm schnell den Weg nach oben nahm. 2008 war er noch GMD der in Herford beheimateten Nordwestdeutschen Philharmonie, als er das City of Birmingham Symphony Orchestra übernahm. 2010 gab er mit »Lohengrin« seinen gefeierten Bayreuth-Einstand – 2016 kehrt er für den neuen »Parsifal« zurück. Er gastiert bei den Wiener und Berliner Philharmonikern.

Nun also ist Nelsons mit dem Lucerne Festival Orchestra auf kleiner Abschiedstour. Für das Hauptstück des Abends wurde die Fünfte von Gustav Mahler ausgesucht – und damit ein Komponist, mit dem Abbado und das von ihm als »Orchester der Freunde« bezeichnete LFO einst Interpretations-Geschichte schrieben.

 

Andris Nelsons, Lucerne Festival Orchestra, Rudolf Buchbinder (Klavier) mit Werken von Beethoven und Mahler; 8. November 2015, Konzerthaus, Dortmund.

Musik
11 / 2015

Eine Frage der Ehre

Von: Guido Fischer


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