Barbra Streisand. Foto: Archiv

IM SUPERLATIV

The Voice: Barbra Streisand ist noch einmal auf Europa-Tour – vermutlich ein letztes Mal.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Wer dürfte heute noch sagen, sie sei nicht schön – außer sie macht sich selbst über ihren Silberblick, den breiten Mund und die berühmteste Nase im Showbusiness lustig. Barbra Streisand, geboren in Brooklyn als Tochter einer aus Österreich emigrierten Familie, ist Amerikas größte Diva, die Callas der Popmusik, die Verwirklichung eines Andersen-Märchens in der Verwandlung zur jüdischen Prinzessin. Zu einem der »Schwäne«, wie sie Truman Capote in seinen Society-Chroniken aufrauschen lässt. Nur dass sie niemals makellos war. This Lady is a Tramp – nicht die Park-Avenue ist ihr Parcours, sondern Flatbush-Avenue. Obwohl längst in Kalifornien zuhause, gehört die Selfmade-Woman an die Ostküste. Eine aus dem Woody-Allen- und Philip-Roth-Distrikt.

Fünf Jahrzehnte hat Barbra Streisand ihren Rang behauptet. Keine Bette Midler, Dina Ross, Liza Minnelli, Shirley MacLaine, Dionne Warwick konnten ihr zu nahe rücken. Es gibt kein Wort, das diesem Monument der amerikanischen Kultur angemessener wäre als der Steigerungsbegriff überhaupt: der Superlativ. An die 50 Schallplatten, mehr als zwanzig Spielfilme, Fernsehshows und Tourneen, 140 Millionen verkaufter Alben, deren Zahl im Solo-Bereich nur von Elvis Presley übertroffen wird. Mit den Jahren wurden die Auftritte rarer, es gab lange Pausen und dann triumphale Rückkehr. Sie wurde immer filigraner, blonder, goldfarbener – eine Skulptur ihrer selbst. Legendär: ihre Affären, ihr brennender Ehrgeiz, die rasante Egozentrik, ihr schlechter Geschmack (oh, diese Kleider!) und die Neigung zum Kitsch, ihr Perfektionismus, ihre Allüren, mit denen sie Regisseure zur Weißglut brachte. Mit den Kennedys und Clintons unterhielt sie innige Beziehungen, warb als Miss Liberty – liberal, patriotisch, kapitalistisch – für die Demokaten und veranstaltete exklusive Fundraising-Konzerte.

Mit 21 eingeladen in die Judy Garland-Show, sang die Newcomerin im Duett mit der Gastgeberin. Ein Gipfeltreffen, das noch einen Epilog bekommen sollte. Denn 1976 wird die Streisand im Remake von »A Star is born« die Rolle spielen, die zwei Jahrzehnte zuvor die Garland hatte.

Bette Davis würde als Vorbild taugen, auch eine Frau, die gängige Kategorien ignorierte und dem Ideal widersprach. Die Streisand passt in jene Ära, als Stars noch bigger than life waren und es sein sollten. Die vielfache Grammy- und »Oscar«-Preisträgerin (1968 für »Funny Girl«) hat Hollywood das Lachen gelehrt: in Peter Bogdanovichs »What’s up, Doc?« – eine der witzigsten Komödien überhaupt – legte sie neben Ryan O’Neal als studentisches Chaos-Girl halb San Francisco in Trümmer. Und sie lehrte Hollywood das Fürchten, als die Produzentin, Autorin, Regisseurin, Hauptdarstellerin und Sängerin mit dem Schtetl- und Travestie-Drama »Yentl« antrat, zur weiblichen Spielberg-Konkurrenz zu werden. Das hat ihr der Männerbetrieb nie ganz verziehen.

Die Schauspielerin Streisand kann sich auf Partner einlassen und ihre Exzentrik beherrschen. In »Hello Dolly« bezirzt sie Walter Matthau und stellt umwerfend eine Southern Belle von Fünfzig dar: mit Mitte Zwanzig. In der herb-süßen Polit-Romanze »The way we were« neben Robert Redford, gedreht von Sydney Pollack als Variation zu Scott Fitzgeralds »Der große Gatsby«, war sie schlicht grandios – wieder das jüdische Mädchen von der schlechten Straßenseite, dazu Kommunistin und militante Antifaschistin. Meryl Streep hätte nicht besser sein können.

Die souveräne Entertainerin besitzt Humor, bissigen Witz und kann sehr schlagfertig auf der Bühne reagieren, während sie plaudert und an ihrem Tee nippt. Die hochmusikalische Sängerin, deren stimmlich strahlende Klarheit (»On a clear day«) sich aufgeraut hat und Schleifspuren bekam, bleibt – als Pendant zu Sinatra – »The Voice«. Ihr Repertoire wechselt zwischen Pop und Ballade, Jazz und Soul (»Stoney End«), lyrisch verhalten oder gewaltig dramatisch aufgeputscht, pathetisch, laut, intensiv klirrend, als seien Puccini und Korngold im Hintergrund tätig. Mit den Bee Gees hat sie soft gerockt (»Guilty«), mit Neil Diamond geschmust (»You

don’t bring me Flowers«), mit Donna Summer Disco-Fieber geschürt (»No more Tears«), sich als klassische Interpretin etwas zu ehrfürchtig Händel, Schumann, Hugo Wolf und Debussy genähert und Dutzende

Evergreens gesungen von »My Man« bis »Woman in love«. Ihr »People« (aus »Funny Girl«) wurde zur inoffiziellen Hymne der Vereinigten Staaten. Einmal noch, zuletzt war sie 2007 in Europa unterwegs, kommt Barbra Streisand. Happy Days are here again.

6. und 10. Juni 2013, Amsterdam Ziggo Dome; 12. Juni 2013, Köln, Lanxess Arena.

 

Musik
06 / 2013

IM SUPERLATIV

Von: ANDREAS WILINK


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