Karlheinz Stockhausen, 2003 im Teatro Comunale di Modena. Foto: Rolando Paolo Guerzoni

MYSTISCHE HOCHZEIT

Gemäß der Superformel: Karlheinz Stockhausens »Sonntag aus LICHT« erlebt in Köln seine szenische Uraufführung.

TEXT: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN

Karlheinz Stockhausen gehörte zu den Komponisten, die ihr Werk ungern in fremde Hände gaben. Zwar gibt es auch von ihm, zumal aus der Frühzeit, Musik wie seine Klavierstücke und frühen Ensemblewerke, die heute zum Repertoire der neuen Musik gehören und frei zugänglich sind. Bei den komplexeren Werken mit besonderen dramaturgischen und szenischen Elementen hat Stockhausen indes darauf geachtet, dass er selbst und seine favorisierten Interpreten die Produktionen in der Hand behielten.

Die rechtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen dafür hat der 2007 verstorbene Komponist mit großem finan­ziellen Engagement an seinem Wohnsitz Kürten im Bergischen Land (der seit Jüngstem amtlich als »Stockhausen-Gemeinde« firmiert) geschaffen. Ein Stockhausen-Verlag kümmert sich um Vertrieb und Aufführungen der Werke, eine Stockhausen-Stiftung sichert Archiv und Nachlass und veranstaltet jährliche In­ter­pretationskurse, um die Aufführungspraxis des Meisters lebendig zu halten; von CDs bis zu Spieldosen mit den Melodien des Tierkreises wird die weltweite Gemeinde mit Produkten des bedeutendsten rheinischen Komponisten aller Zeiten versorgt.

Allerdings konnten weder Stockhausens Geschäftstüchtigkeit noch seine beeindruckende Probenakribie verhindern, dass sein Werk nach 1977, als er den siebenteiligen Opernzyklus »Licht – die sieben Tage der Woche« begann, von Musikjournalisten und Veranstaltern nicht mehr als zeitgemäß empfunden wurde. Zwar gelangen Stockhausen in den 29 Stunden Licht-Musik (Wagners »Ring« bringt es auf rund 15 Stunden) großartige Einzelstücke, die in ihren separaten Uraufführungen ein nicht nachlassendes Potenzial an Erfindungsreichtum, räumlicher Vision und technischer Finesse bewiesen.

Aber die Idee eines Musiktheaters, das vor allem von agierenden Musi-kern getragen wird und sich als Mysterium über die kosmischen Kräfte im Menschen darstellt, birgt doch Tücken, zumal als der Komponist noch selbst seine Fantasien umsetzen durfte. Nicht viele Theater haben sich seither auf das Abenteuer mit dem Probenfanatiker und dem immensen Aufwand seiner Opern eingelassen. Man erinnere sich an den spektakulären Rückzieher, den die Oper Bonn wegen explodierender Kosten bei der für 2000 angesetzten »Montag«-Uraufführung machte. Bis heute harrt das Werk der szenischen Premiere.

Bei den tatsächlich stattgefundenen Gesamtaufführungen von fünf einzelnen »Licht-Tagen« an der Mailänder Scala und am Leipziger Opern-haus agierte der jeweilige Regisseur denn auch an der kurzen Leine des Komponisten, dessen Theater vielleicht einen Visionär vom Format eines Robert Wilson oder Achim Freyer verdiente – oder einen Carlus Padrissa, dem man als Mitbegründer der katalanischen Theateraktions-truppe La Fura dels Baus Sinn für monumentale Dimensionen und Bewegungen von Körpern im Raum zutraut. Bewiesen hat er es vor gut zwei Jahren mit der Inszenierung von »Michaels Reise um die Erde«, einem Teilstück aus »Donnerstag«, bei dem Padrissa den Trompeter Marco Blaauw auf einem Kran blasend durchs All schleuderte, in einer kosmisch flimmernden Rauminstallation des Bühnenbildners Roland Olbeter und des Videokünstlers Franc Aleu.

Da eine Gesamtaufführung der sieben »Licht«-Opern anlässlich der Kulturhauptstadt Ruhr Gedankenspiel blieb, wollten zumindest die Kölner mit gutem Beispiel vorangehen und dem Meister posthum den innigen Wunsch erfüllen, sein Werk doch einmal in Köln zu erleben. Zusammen mit dem Dirigenten Peter Rundel und dem Ensemble »musikFabrik« wird dasselbe Team nun den »Sonntag« zur szenischen Uraufführung bringen.

Diesen »Sonntag« hat Stockhausen als letztes Stück seines Zyklus’ 2003 beendet – als Zusammenfassung der vorangegangenen Wochentage und als monumentales Gotteslob, das dem Katholiken ein Herzensbedürfnis blieb und jedes seiner Werke im Innern durchwebt. In den sechs Szenen, der mit viereinhalb Stunden etwa Wagners »Tristan«-Dauer entsprechen, feiern der christusähnliche Michael und  »Urmutter« Eva ihre mystische Vereinigung; Engel prozessieren in bunten Gewändern und loben den Herrn, gepriesen werden die Schöpfung und die vergangenen Wochen-tage beleuchtet. Gegen Ende wird die Vereinigung von Michael und Eva in zwei Räumen durch Chor und Orchester symbolisiert, das Publikum wechselt zwischen den Räumen und Ensembles, zuletzt hinauseskor-tiert vom »Sonntags-Gruß«.

Mehr als in den übrigen Teilen waltet hier also der Charakter des Mysterienspiels und symbolschwangeren Welttheaters: eine Herausforderung an ein Team, das erstmals ohne den Meister selbst (wenn auch unter Mitarbeit sei-ner Lebensgefährtin Kathinka Pasveer) eine komplette Oper an zwei Abenden realisieren und den zeremoniellen Charakter durch Choreografie, Video und räumliche Disposition beleben muss.

Gar nicht so einfach, denn in Stockhausens Partituren sind viele Ele-mente von des Gestik der Solisten bis zu Farbe und Form der Kostüme festgelegt und durch die übergeordnete »Superformel« des gesamten Zyklus’ gesteuert. Der ganzheitliche Zugriff erweist den Genauigkeits-fanatiker Stockhausen auch auf der Werkebene als Kon­trollfreak: So wie Michael, Eva und sogar der negierende Luzifer dem göttlichen Prinzip unterworfen sind, geht jedes Moment des Zyklus’ auf eine Art »genetischen Code« zurück (eben die »Superformel«), der in sich äußerst komplex ist.

Die Anforderungen an alle Mitwirkenden sind enorm, was die Kosten der Produktion auf über eine Million Euro hochschnellen lässt. Neben den Geldern für die Aufführungsrechte und die Herstellung des Notenmaterials beläuft sich allein die Miete für das Staatenhaus auf dem Deutzer Messegelände auf rund 200.000 Euro. Da die Bundeskulturstiftung die erhoffte Summe von einer halben Million nicht bewilligte, kam es vor einigen Monaten im Stadtrat zum Streit um das »Luxusprojekt« das dann doch durch Einsparungen bei der Inszenierung gerettet wurde. Wer freilich wie bestimmte Politiker nur auf  Zahlen sieht und darauf verweist, dass »viele Menschen keinen Zugang zu Stockhausen haben«, predigt nicht dem Grundsatz der Demokratie, sondern dem Geschmack der Masse. Es soll wohl auch Leute geben, die keine Affinität zu Lady Gaga haben.

 

»Sonntag aus Licht«, szenische Uraufführung im Staatenhaus, Köln-Deutz am 9. und 10. April 2011; weitere Aufführungen: 20., 26., 28. April; Peter Rundel & Kathinka Pasveer (musikalische Leitung), Carlus Padrissa (Inszenierung), Ensemble »musikFabrik« und Solisten.

Musik
03 / 2011

MYSTISCHE HOCHZEIT

Von: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN


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