Zoe Keating. Foto: Lane Hartwell

PRAXISTEST FÜR LIEBHABER

Binnen sechs Jahren hat sich das ApproximationFestival in Düsseldorf vom experimentellen Piano-Treffen zum deutschlandweit einzigartigenSoundlabor gewandelt. Nebenbei zeigt die Konzertreihe, dass »Avantgarde« nicht zwangsläufig »unzugänglich« heißen muss.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Es gibt nicht viele Menschen, die einen Symphoniesaal ungestraft mit Baseballkappe betreten dürfen. Einer davon ist Steve Reich. Als Pulitzer-Preisträger und Lichtgestalt der Minimal Music könnte er auch in Gummistiefeln auftreten, ohne dass sich Widerstand regte. Steve Reich ist der Star beim diesjährigen Approximation Festival in Düsseldorf. Gemeinsam mit dem Frankfurter Ensemble Modern spielt er bahnbrechende Kompositionen wie »Drumming« und »Music for 18 Musicians.« Am Auftritt des New Yorkers lässt sich das rasant gewachsene Renommee dieser Veran-staltung vielleicht besser ablesen als an den Zuschauerzahlen.

Wir erinnern uns: 2005 hatte das Approximation Festival als kleine Konzertreihe für experimentelle Klaviermusik begonnen. Das Programm war schon damals ambitioniert, um nicht zu sagen: ein bisschen nischig. Wer die auftretenden Künstler alle kannte, konnte sich mit Fug und Recht als Musikexperte bezeichnen. Nach und nach kamen bekanntere Acts hinzu. Mainstream ist das Festival immer noch nicht, zugänglicher schon.

Eine Ahnung vom neuen Stellenwert der Veranstaltung bekam man vor zwei Jahren beim Auftritt von Ryuichi Sakamoto in der Tonhalle. Spätestens als der Altmeister vor zu Zweidritteln japanischem Publikum »Merry Christmas, Mr Lawrence« anstimmte, verschmolzen Spielort und Stück zu etwas Außergewöhnlichem. Was folgte, war eine ganze Reihe von Highlights. Da waren die intimen Kammerkonzerte von Max Richter, Nils Frahm und Dustin O’Halloran, der Auftritt von Dirk von Lowtzow (Tocotronic) mit seiner Elektroband Phantom/Ghost und, last but not least, Gastgeber Hauschka mit seinen Experimenten am präparierten Klavier (s. K.WEST Okt. 2010).

2005 hatte der Düsseldorfer die Konzertreihe gegründet. Als künstle-rischer Leiter prägt er das Festival bis heute. Bekannt ist er vor allem im Ausland. Hauschka gehört zu der Sorte Künstler, die für Solo-Auftritte in die Nationalphilharmonie von Island eingeladen werden, um einen Monat später in der Kölner »Blue Shell«-Bar vor 80 Menschen zu spielen. Für das Approximation Festival zählen zum Glück seine Kontakte ins Ausland. Zur Erweiterung des Programms trägt auch ein neuer Verein bei, der von privaten Spendern unterstützt wird. Der »Approximation e.V.« fördert dabei nicht nur das Festival selbst, sondern auch artverwandte Konzerte in der Kunsthalle und im Salon des Amateurs.

Von seinem Ursprung als reines Klaviertreffen hat sich das Approximation Festival inzwischen entfernt. Zwar steht das Piano immer noch im Mittelpunkt; inzwischen treten aber auch Künstler auf, die mit anderen Instrumenten arbeiten. Da wäre in diesem Jahr, zum Beispiel, die Cellistin Zoe Keating. Die Amerikanerin verfremdet und doppelt den Sound ihres Instruments per Computer und ist weniger Solo-Künstlerin als Ein-Frau-Orchester. Ebenfalls klavierlos: das englische Synergy Vocal-Ensemble, an dessen Namen man schon ablesen kann, dass es sich vor allem auf seinen Gesang verlässt.

Was alle Künstler beim Approximation Festival eint, ist die Tendenz, klassische Instrumente (inklusive der Stimme) auf neue Art zu nutzen.

Archetypisch ist der Auftritt von Howe Gelb. Einst Mitglied der Rockband Giant Sand, hat sich Gelb in den letzten Jahren dem Klavier zugewandt, das er nun mit Gitarrenplektron und anderen Hilfsmittel präpariert. Francesco Tristano wiederum überträgt Techno-Tracks aufs Klavier und mixt Stücke der Klassik mit eigenen Kompositionen wie ein DJ. Passend dazu, wird er beim Approximation Festival von dem Elektro-Produzenten und New-Wave-Veteranen Moritz von Oswald (Palais Schaumburg) begleitet.

Diese Kooperation ist nur eine von mehreren »&«-Konzerten. Ein weiteres Highlight ist der Auftritt von Jan Jelinek und Masayoshi Fujita. Die beiden spielen Stücke ihres Albums »Bird, Lake, Objects«. Darauf verbinden sich Jelineks Elektro-Sounds mit den Klängen von Fujitas präpariertem Vibrafon. Wem das zu kopflastig ist, dem empfehlen wir das Konzert der amerikanischen Band A Winged Victory for the Sullen. Dahinter verstecken sich der Filmkomponist Dustin O’Halloran (ein alter Bekannter beim Approximation Festival) und der Indie-Musiker Adam Wiltzie. Mit seiner ersten Platte ist das Duo direkt auf dem renommierten »Erased Tapes«-Label gelandet, das sich auf cineastischen Kammerpop spezialisiert hat. Oder Soundtracks ohne Film, wenn man so will. Beim Approximation Festival geben A Winged Victory for the Sullen ihr ersten Deutschlandkonzert im intimen Rahmen des Salon des Amateurs.


Approximation Festival, 20.-25. Sept., Düsseldorf, Tonhalle, Salon des Amateurs und Trinkaus Auditorium im K20. www.approximation-festival.de

 

Musik
09 / 2011

PRAXISTEST FÜR LIEBHABER

Von: INGO JUKNAT


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