Szene aus »Puz/zle«. Foto: Koen Broos

STEIN UND BEIN

Aus dem Altstadtherbst wurde das »düsseldorf festival!«. Mit dabei: das Tanztheater des Sidi Larbi Cherkaoui

 

TEXT: REGINE MÜLLER

Aus dem einst urigen Düsseldorfer Altstadtherbst ist ein modernes Festival geworden. Das anfangs lokale Ereignis hat sich durch Koproduktionen international vernetzt. Diese Entwicklung wollten die Macher nach 22 erfolgreichen Jahren mit einem neuen Namen unterstreichen: »düsseldorf festival!« klingt auch in Frankreich gut. Im Zentrum steht weiterhin das Riesenzelt auf dem Burgplatz, das inzwischen zum Herbst-Gesicht der Landeshauptstadt gehört wie der Weihnachtsmarkt am Jan-Wellem-Denkmal auf dem Marktplatz.

Darin wird auch die wohl bemerkenswerteste Koproduktion dieses Jahrgangs zu sehen sein: das Tanztheater »Puz/zle« des hoch gehandelten flämischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, das vor kurzem seine Uraufführung beim Theaterfestival in Avignon erlebte und in Düsseldorf Deutschlandpremiere feiert.

Der Sohn eines muslimischen Marokkaners und einer katholischen Belgierin steht für Arbeiten, die Einflüsse aus Kulturen, Religionen und Kunststilen verblüffend amalgamieren. In Avignon bot nicht der imposante Papstpalast inmitten der Altstadt Cherkaoui die Kulisse,  sondern der Steinbruch von Boulbon, einige Kilometer außerhalb der provenzalischen Stadt. Der magische Ort inspirierte dazu, auf der Bühne eine Art XXL-Puzzle zu inszenieren: als eine ins Gigantische vergrößerte Sisyphos-Aufgabe. »Puz/zle« will die Steine zum Reden bringen und die Menschen versteinern lassen.

Zwölf quadratische Stein-Platten (die tatsächlich aus leichtem Material sind) bleiben ständig in Bewegung. Acht Tänzer und drei Tänzerinnen von Cherkaouis »Eastman«-Truppe machen sich ruhelos an ihnen zu schaffen, schleppen sie hin und her, türmen sie auf und ordnen sie zu archaischen Formationen: zum Stelen-Wald, zur Treppe, zum Halbkreis, Brunnenschacht, Turm oder Gefängnis. Anfangs stehen die Platten frontal hintereinander geschichtet, ein leichtes Dröhnen liegt in der Luft, dann wird die Plattenfront zur Videofläche: Eine Kamera fliegt durch leere Museumsräume, durch immer gleiche geöffnete Türen und die immer gleichen zwei Räume, die sich in Endlosschleife abwechseln. Die Tänzer rennen gegen die nun bilderlose Wand, prallen ab, stehen auf, nehmen erneut Anlauf.

Dann kommt Live-Musik zu Einsatz: Das korsische Männer-Gesangssextett A Filetta stimmt urtümliche Gesänge an, die libanesische Sängerin Fadia Tomb El-Hage lässt darüber ihren leuchtenden Mezzo-Sopran ausschwingen. Eine Stimme wie aus einer anderen Zeit, ätherisch und erdig zugleich. Die suggestiven Klänge, die dem Abend enorme Sogkraft geben, wirken fremd und ortlos und doch vertraut: Ur-Reste. Korsische Hirtengesänge, orakelnder arabischer Ziergesang, japanische Trommelrituale und alte Arbeitsgesänge verschmelzen. Die Tänzer kämpfen sich virtuos am Los der Körperlichkeit, an Entfremdungs-Prozessen und kriegerischen Konflikten ab.

Cherkaoui, der hier fragt, wie lebendig der tote Stein ist und wie nahe der Mensch der Erstarrung im Angesicht des Vergänglichen kommt, wird für seine Tournee-Stationen aus der Naturweite des Steinbruchs eine intime Fassung komprimieren, zumal er findet, dass »die eigentliche Choreografie völlig unabhängig von der Kulisse« sei.

Ein stets stürmisch gefeierter Stammgast beim Festival ist der  schwedische Cirkus Cirkör, der mit seiner Show »Undermän« im tanzhaus nrw (13., 16. September) mit Paar-Akrobatik vom Feinsten gastiert. Ebenfalls zum Genre Cirque Noveau zählt die Formation »Les 7 Doights de la Main – Psy« aus Kanada (13., 15. September), die in rasant inszenierter, ironischer Weise das Thema Psychotherapie ins Visier nimmt. Auch Liebhaber Alter Musik kommen auf ihre Kosten: Das italienischen Spezialistenensemble »Sonatori de la Gioiosa Marca« gibt mit der Blockflötistin Dorothee Oberlinger und dem Fagottisten Sergio Azzolini neben Werken Vivaldis zwei Uraufführungen zum Besten (19. September). Zum Abschluss ein Zusammentreffen zweier englischer Spitzenformationen (3. Oktober): Das legendäre Hillard-Quartett und das Ensemble Fretwork musizieren Werke für Vokalensemble und Gambenconsort.

12. September bis 3. Oktober 2012. www.duesseldorf-festival.de

 

 

Musik, Bühne
09 / 2012

STEIN UND BEIN

Von: REGINE MÜLLER


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