Giacinto Scelsi. Foto: Archivio Fondazione Isabella Scelsi

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Die 46. Wittener Tage für neue Kammermusik ehren unter andrem den Komponisten Giacinto Scelsi und das Arditti String Quartett.

 

TEXT: GUIDO FISCHER

Schon zu Lebzeiten wurde der italienische Komponist Giacinto Scelsi nahezu vom Radar der zeitgenössischen Musik übersehen. Was ihm ganz recht war. Denn der gebürtige Adelssohn mit dem erlesenen Namen Giacinto Conte d’Ayala Valve Scelsi war ein Sonderling und öffentlichkeitsscheu. Selten ließ er sich fotografieren. Statt ordentlich seine Kompositionen niederzuschreiben, mussten fleißige Mitarbeiter seine per Tonband mitgeschnittenen Improvisationen auf Notenpapier übertragen. Zwangsläufig stellt sich daher die Frage, ob es sich bei den mal verklärend-geheimnisvollen, mal wild oszillierenden Werken Scelsis um Originale oder vielleicht nur um ihre Impressionen handelt. Doch solche gewollten Irritationen gehören zum Mythos Scelsi, der erst seit seinem Tod 1988 von der Neuen Musik ernsthaft entdeckt wurde.

Auf seine Spuren begeben sich bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik renommierte Komponisten und Spezialisten aus der Improvisationsszene. Als roter Faden dienen – beinahe ausschließlich – Tondokumente und Materialen aus Scelsis Nachlass. Das Klangforum Wien präsentiert vom Franzosen Tristan Murail das Ensemblestück »Un Sogno«. Mit seinen Computerklängen erinnert es auch an eine Synthesizer-Antiquität, mit der Scelsi seinen jungen Besucher Murail einmal verblüfft hatte. Auf Scelsis römische Wohnadresse, San Teodoro 8, bezieht sich hingegen der Kontrabassist Uli Fussenegger in seiner gleichnamigen Tonband-Komposition, über die er in Echtzeit u.a. mit dem Posaunisten Mike Svoboda improvisiert.

Abseits von Geisterbeschwörungen wird der Besucher bei dieser Festival-Ausgabe erneut auf den aktuellen kammermusikalischen Stand gebracht. Auf dem Programm stehen 25 Uraufführungen sowie vier deutsche Erstaufführungen. Schon von ihrer Besetzung her fallen viele Werke aus dem gängigen Genre-Rahmen. Für einen zwölfstimmigen Lautsprecherchor hat hans w. koch eine Klanginstallation geschrieben. Das von Peter Rundel geleitete WDR Sinfonieorchester Köln hebt ein Konzert für Schlagzeug-Duo und Kammerorchester der Engländerin Rebecca Saunders aus der Taufe.

Das GrauSchumacher Piano Duo gastiert mit »Le temps, mode d’emploi« für zwei Klaviere und Live-Elektronik, das vom Franzosen Philippe Manoury stammt. Ihm ist ein Komponisten-Porträt gewidmet. Obwohl der von Boulez und Stockhausen geprägte Manoury schon über Sechzig ist und mit seinen Werken auch auf die große Pariser Opernbühne gehoben wurde, gibt er jetzt tatsächlich seine Witten-Premiere.

Überhaupt ist der dreitätige Konzertreigen voll von Debütanten. Dazu gehört der als Orgel-Berserker bekannte Österreicher Wolfgang Mitterer ebenso wie die türkische Wolfgang Rihm-Schülerin Zeynep Gedizlioğlu und der von Mark-Anthony Turnage ausgebildete Engländer Steven Daverson. Aus England kommen auch die Fab Four des zeitgenössischen Streichquartetts, die bereits zum Witten-Inventar gehören. Das Arditti String Quartett hat hier 1978, vier Jahre nach Gründung, gastiert. Seitdem ist das von Irvine Arditti etablierte und mehrmals umbesetzte Dreamteam fast zwanzig Mal vor Ort aufgetreten und hat unzählige Werke uraufgeführt. 2014 feiert Arditti 40. Geburtstag. Für das Ständchen haben prominente Bewunderer wie Wolfgang Rihm, Brian Ferneyhough, György Kurtág und der extra anreisende Jazz-Pianist Uri Caine fünfzehn Klang-Gaben komponiert.

46. Wittener Tage für neue Kammermusik, 9. bis 11. Mai 2014. www.kulturforum-witten.de

 

 

Musik
05 / 2014

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Von: GUIDO FISCHER


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