Foto: Harald Hoffmann

Zeitzeugenschaft

Ingo Metzmacher dirigiert die Wiener Philharmoniker.

TEXT GUIDO FISCHER

Ingo Metzmacher hat Wagners »Ring« und Rihms »Eroberung von Mexiko« dirigiert. Oder auch, schon von ihrer politischen Haltung her, Komponisten-Antipoden wie Richard Strauss und Luigi Nono, Hans Pfitzner und Hans Werner Henze. Und auch wenn er sich für die aufreibenden Soundschleifen eines Iannis Xenakis begeistert, kann es bei ihm klassisch zugehen, etwa beim Wiener Dreigestirn Haydn / Mozart / Beethoven. Dieser
enorme musikalische Appetit kann bisweilen irritieren. Zu wenig Haltung, zu viel Beliebigkeit wurde Metzmacher schon vorgeworfen. Was immer Unsinn gewesen ist. Wohl hat der gebürtige Hannoveraner zugestanden, dass ihm alles, was er dirigiere, bereichernde Welten seien. Aber er setzt sich nicht bloß unvoreingenommen mit verschiedensten Strömungen der Musikgeschichte auseinander. Vielmehr steht dahinter die Absicht, gerade auch während eines Orchesterkonzerts, vertraute Tradition und avancierte Moderne zusammenzubringen –  überzeugt davon, »dass ein Großteil der Zuhörer nicht immer wieder dasselbe hören will«. 

Damit liegt er nicht so falsch. Nachdem der heute 59-jährige Metzmacher sein Handwerk zuerst beim Frankfurter Ensemble Modern und dann als Kapellmeister am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier gelernt und erprobt hat, begann 1995 mit ihm als GMD eine neue Ära in Hamburg. An der Staatsoper gelangen mit Regisseuren wie Peter Konwitschny spektakuläre Aufführungen von Repertoire-Hits und Musiktheater-Experimenten, etwa Nonos »Al gran sole carico d’amore«. Ebenso erfolgreich wurden Metzmachers Engagements an der Amsterdamer Oper und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Einladungen von Weltklasse-Orchestern in Cleveland, London und Berlin bestätigen ihn in seiner Gewissheit, dass nur Programme mit Reibungen und Kontrast etwas über unsere Gegenwart und den Menschen in seiner Zeit erzählen.

Zur wichtigen Position des Sinfoniekonzert-Dirigenten Metzmacher wurde das Schaffen des Münchner Komponisten Karl Amadeus Hartmann. In den 1990er Jahren begann seine Beschäftigung mit den Sinfonien eines Musikers, der unter dem Nationalsozialismus in Deutschland geblieben war und während der sogenannten inneren Emigration bedeutende Werke für die Schublade geschrieben hatte. Für Metzmacher ist Hartmann mehr als nur eine musikalische Brücke zwischen Mahler und Rihm, sondern ein Vorbild, wie er in seinem lesenswerten Buch »Keine Angst vor neuen Tönen« schreibt: »Er hat in den dunkelsten Jahren unserer Geschichte die Werte der großen deutschen Musiktradition hochgehalten und so für die Nachkommen bewahrt.«

Nun gastiert Metzmacher mit den Wiener Philharmonikern in zwei Städten. Auf Anton Weberns epochale »Sechs Stücke« folgen in Köln zwei sinfonische Bekenntnis- und Widerstandswerke. Schostakowitsch reagierte 1956 mit seiner 11. Sinfonie auch auf die Niederschlagung des ungarischen Aufstands. Die Erstfassung von Hartmanns 1. Sinfonie für Alt und Orchester entstand 1935 – für Metzmacher »das eindrucksvollste Zeugnis aus einer einsamen, verzweifelten Zeit«. In Essen kombiniert man hingegen die Schostakowitsch-Sinfonie mit dem von Joshua Bell gespielten Violinkonzert von Tschaikowsky.

Metzmacher, G. Romberger, Wiener Philharmoniker: 21. Januar 2017, Philharmonie Köln; www.koelner-philharmonie.de

Metzmacher, J. Bell, Wiener Philharmoniker: 24. Januar Philharmonie Essen; www.philharmonie-essen.de

http://www.philharmonie-essen.de

Musik
12 / 2016

Zeitzeugenschaft

Von: Guido Fischer


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