Christoph Spering. Foto: Musikforum

ZU DEN QUELLEN

Ein Besuch bei dem Kirchenmusiker, Dirigenten und Enzyklopädisten Christoph Spering.

 

TEXT: REGINE MÜLLER

Seit mehr als 25 Jahren verfolgt der Dirigent und Kantor Christoph Spering in der historischen Aufführungspraxis einen ganz eigenen Weg. Als einer der ersten dehnte er die kritisch forschende Arbeitsweise auch aus auf die Musik des 19. Jahrhunderts, insbesondere auf Mendelssohn und Schumann. Neuerdings blickt er wieder stärker zurück, vor allem auf Bach, auch auf Händel. Im November steht er im Musiktheater im Revier zur Premiere von Händels »Belsazar« am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen. Ein Hausbesuch bei dem Musiker, der seit acht Jahren in der Provinz lebt.

Kerpen, am Stiftsplatz: Im Schatten des imposanten Kirchturms – der dritthöchste im Erzbistum! – bewohnt Christoph Spering ein schönes altes Backsteinhaus mit stattlicher Toreinfahrt, durch die einst Kutschen ruckelten. Es könnte das Pfarrhaus sein; das würde auch passen zu dem 55-jährigen Pfarrerssohn. Aber es ist das Haus des Arztes. Hier habe der Leibarzt von Kolping gelebt und gearbeitet, erzählt Spering, der zunächst einmal durch sein Domizil führt. Das Haus ist eines seiner vielen Projekte. Er hat es nach und nach saniert und ist noch lange nicht fertig. Im Salon ließ er die himmelblauen Deckenmalereien restaurieren und hat ansonsten vieles gelassen, wie es war: »Ich habe nur zwei Bäder eingebaut«, betont er.

In den Wohnräumen herrscht ein unkonventioneller Mix aus Biedermeier- und Art Déco-Möbeln, auch schrägen Schätzchen aus den 1950er Jahren. An den Wänden ist kaum ein Platz frei; vor einiger Zeit hat Spering sein Faible für die Kunst des Sonderbundes entdeckt und verfolgt die neue Leidenschaft mit dem gleichen Forscherdrang, mit dem er als Musiker versessen die Rezeptionsgeschichte durchleuchtet. Vor allem der rheinische Expressionist Walter Ophey habe es ihm angetan: »Das ist ja ein vollkommen zu Unrecht vernachlässigter Künstler! Seine Werke schlummern unbeachtet in Magazinen, ein Jammer. Deshalb ist er auf dem Kunstmarkt total unterbewertet. Was mein Glück ist.«

Spering sucht und sammelt auch in Opheys Umfeld. »Das gehört dazu«, wenn er nicht seinem neuesten Spleen nachgeht: Alte Lexika. Zwanzig vollständige Lexika hat er bereits gekauft und gehortet: »Die sind nichts wert, aber ich finde das eben ganz toll. Das Enzyklopädische! Das ist eigentlich mein Grundimpuls.«

Hinter dem Haus erhebt sich eine riesige Linde. Das Haus sei ungefähr von 1841, so alt wie der Baum auch, sagt er. Warum ist er vom quirligen Belgischen Viertel in Köln aufs platte Land gezogen? »Ich habe eigentlich nur die Kirche ausgetauscht! In Köln hatte ich den Blick auf eine. Hier auch, das muss sein für einen Pfarrerssohn. Und warum hierher? Ein Lebensmotto von mir lautet, vor allem in der letzten Zeit: Ad fontes, zurück zu den Quellen. Ich komme aus der tiefsten Provinz, dem Hunsrück.«

Genauer, aus Simmern, Edgar Reitz’ »Heimat«-Dorf. Tatsächlich gibt es viele Berührungspunkte mit dem Filmemacher. »Ich sollte Film-Statist bei Reitz werden, dann wollte ich mir aber dafür nicht die Haare abschneiden lassen. Mein Bruder Andreas wäre um ein Haar als Hermännchen gecastet worden! Außerdem war die erste Frau von Edgar Reitz die Ziehschwester meiner Mutter; er hat mir mal gestanden, dass er im Herrenzimmer meines Großvaters seinen ersten Kuss bekommen hat!«. Zu einer Mitwirkung beim »Heimat«-Projekt kam es dann beim dritten Teil, »Chronik einer Zeitenwende«, als Spering eine Purcell-Aufnahme zum Soundtrack beisteuerte.

Internationale Beachtung erzielten Spering und seine beiden Ensembles Chorus Musicus sowie Das Neue Orchester mit der Ersteinspielung von Bachs Matthäuspassion in der Version Mendelssohns von 1841. Das war 1993, da hatte er schon seit langem allerhand Raritäten ausgegraben, erforscht oder rekonstruiert. Zum Beispiel das Uraufführungskonzert von Beethovens Neunter oder das Uraufführungskonzert von Chopins zweitem Klavierkonzert in Warschau 1830, das Chopin zum Durchbruch verhalf.

So etwas interessiert ihn genauso wie die verschlungenen Pfade der Rezeptionsgeschichte und die Analyse von Versionen. So nahm er 2002 Mozarts Requiem und alle Fragmente auf. Auch Opernraritäten finden sich in seiner langen Diskografie, etwa Schuberts Oper »Die Verschworenen«, Cherubinis »Les deux journées« und Bühnenmusiken von Mendelssohn. Sein jüngster Opern-Coup zum Gluck-Jahr ist die Einspielung von »Iphigenia in Aulis« in der Bearbeitung von Richard Wagner: »Ein produktives Missverständnis erster Güte!«, wie er sagt. Tatsächlich hat Wagner massiv eingegriffen, die Instrumentation »modernisiert« und die Rezitative durch eigene Kompositionen ersetzt. Das klingt stellenweise verdächtig nach »Lohengrin«. Für die Einspielung von Mendelssohns Oratorium »Elias« erhielten Spering und seine Ensembles 2011 den ECHO Klassik, eine Trophäe, die auf der Fensterbank allerdings ein bisschen unbeachtet vor sich hin staubt.

In letzter Zeit hat er sich wieder verstärkt Johann Sebastian Bach zugewandt, geleitet wieder aus dem ad fontes-Impuls: »Bach ist die Quelle für fast jeden Musiker. Da komme ich her.« Er hat kürzlich Bachs Solokantaten für Bass eingespielt, für die Zukunft geplant ist ein großes Projekt mit sämtlichen Luther-Kantaten. Bis 2017 soll die Box fertig sein. »Da hängen sie!« 14 gelbe Klebezettel schmücken die Flügeltür des Salons, auf jedem sind Details der Kantaten vermerkt. Die Besetzungen zum Beispiel, ein Thema, das angeblich noch nicht gelöst ist. Spering ist da anderer Meinung: »Was da behauptet wird, und die Engländer und Amerikaner reiten darauf immer noch herum, nämlich dass die Chöre bei Bach fast immer solistisch besetzt waren, ist durch das Leipziger Bacharchiv längst widerlegt. Da gibt es einen Fachmann, der steigt in den Keller und findet immer neue Quittungen über Bachs Zukäufe für die Aufführungen. Für mich ist der »Höchstnöthige Entwurff«, den Bach für Leipzig gemacht hat, die Grundlage. Auch wenn es noch viele ungelöste Fragen gibt.«

Überhaupt ist Spering auf seine Zunft, die der historischen Aufführungspraxis, nicht sonderlich gut zu sprechen. »Streng genommen ist doch seit Harnoncourt nicht mehr viel passiert. Inzwischen spielen sich die Leute die Platten nach und alles, was sich tatsächlich entwickelt hat, sind National-Schulen oder Stile. Die Holländer klingen nüchterner als die Franzosen, die weicher, gesanglicher klingen. Die Engländer lieben es dramatischer und so weiter...«

Jetzt arbeitet er an Händels »Belsazar«, eigentlich ein Oratorium, aber bereits mehrfach erprobt als theaterwirksam: »Das ist eine richtige Choroper und wir holen nur zwei Spezialisten dazu, Cembalo und Laute, ansonsten spielt das Hausorchester.« Zum Regiekonzept von Sonja Trebes kann er nicht allzu viel sagen, aber sie probe »sehr detailgenau und die Fassung haben wir Schritt für Schritt gemeinsam erarbeitet«. Spering lobt die gute Stimmung am Gelsenkirchener Haus, ist von der lichten Architektur und den Yves-Klein-Schwammreliefs begeistert. »Das könnte sehr gut werden«, glaubt er.

Später geht es in die Küche, die auf den verwunschenen Garten blickt. Er müsse doch nochmal den Rasen mähen, was?... Zum Abschied gibt’s einen Schnaps. Den holt er aus dem tief liegenden, wuchtigen Steinbecken, groß wie eine Pferdetränke und heute das Archiv für die beträchtliche Spirituosen-Sammlung. Enzyklopädisch ist auch hier das passende Attribut.

»Belsazar«: 8. November 2014, Auff.: 15., 21. November sowie im Dezember und Januar 2015; Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen.

 

Musik
11 / 2014

ZU DEN QUELLEN

Von: REGINE MÜLLER


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