Ensemble Tallis Scholars, Foto: Eric Richmond

ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE

Kölns »Romanischer Sommer« lässt nicht nur Engelszungen erklingen.

 

TEXT: GUIDO FISCHER

Lange standen Kölns zwölf romanische Kirchen im Schatten des riesigen gotischen Doms. Zudem wurden die mittelalterlichen Basiliken im Zweiten Weltkrieg teilweise stark beschädigt. Doch seit den 1985 abgeschlossenen Restaurierungsmaßnahmen sorgen sie nicht nur bei Architektur-Pilgern für Erbauung. Seit nunmehr 25 Jahren öffnen sich St. Kunibert & Co. für den »Romanischen Sommer« und damit für seligmachende Klangraumerlebnisse. In der mehrtägigen Konzertreihe, die traditionell von der bis in frühe Morgenstunden reichenden »Romanischen Nacht« gekrönt wird, spannt sich der Bogen von der Musik des Mittelalters bis in die Gegenwart. Wie gewohnt sind auch zum Jubiläum international namhafte Spezialisten zu hören. Gemäß dem Motto »Angelus / Diabolus« spielt das Minguet Quartett neben Streichquartetten von Haydn und Jörg Widmann das vom Vietnam-Krieg angestoßene Werk »Black Angels« des Amerikaners George Crumb. Unter Leitung von Otto Tausk hebt das WDR Sinfonieorchester Köln mit meditativen Orchesterstücken von Giya Kancheli und Pēteris Vasks in einsame Engelsregionen ab. Zusammen mit dem Meistercembalisten Léon Berben wagt sich Violinist Rüdiger Lotter an die diabolisch schweren »Rosenkranzsonaten« des Böhmen Heinrich Ignaz Franz Biber.

Während der sechs Konzerttage wird auch an den Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo erinnert, dessen 400. Todestag sich jährt. Dieser neapolitanische Fürst musste wohl erst den Bund mit dem Teufel eingehen, um danach Musikgeschichte zu schreiben. 1590 hatte Gesualdo in einem Eifersuchtsanfall seine Frau Maria d’Avalos und deren Liebhaber ermordet und auch noch die eigene Tochter. Vier Jahre später notierte er seine ersten Madrigale, die mit ihren dissonanten Reibungen bahnbrechend waren. Ausgewählte A cappella-Werke von ihm stellt das englische Vokal-Ensemble The Tallis Scholars vor, das vor 40 Jahren von Peter Phillips gegründet und an die Weltspitze der Alten Musik geführt wurde. Neben Neuer Musik samt Uraufführungen und weltmusikalischen Gesängen u.a. aus Äthiopien kommt der Jazz nicht zu kurz. Diesmal improvisieren etwa der französische Jazz-Kontrabassist Renaud Garcia-Fons und ein Trio um die Saxofonistin Angelika Niescier bereits Punkt 12:05 Uhr. Ihre gemeinsame Inspirationsquelle werden die Kirchenglocken sein, die seit einer halben Ewigkeit zum mittäglichen Angelus-Gebet läuten.

7. bis 12. Juli 2013; diverse Orte; www.romanischer-sommer.de

 

 

Musik
07 / 2013

ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE

Von: GUIDO FISCHER


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher