Unter blauem Himmel: der Reichstag in Berlin. Foto: Pexels/Felix Mittermeier

»Blau passt nicht zu Verbalrabauken.«

Die Sozialisten haben sich die Farbe Rot gewählt, die Anarchisten das Schwarz, Liberale und Ökos schätzen es in Gelb und Grün. Doch was ist mit Blau?

TEXT STEFAN LAURIN

Gerd Koenen beginnt sein Buch »Rot« über die sozialistischen Bewegungen mit einer Farbenlehre: »Du schließt die Augen und schaust in die Sonne, und durch deine Lider hindurch siehst du die Farbe deines Blutes – ein Kaminrot. Dies ist die Farbe deiner leiblichen Existenz. Grün ist der Farbe der äußeren Vegetation. Gelb ist die Farbe der Sonne. Blau ist der Himmel über dir. Rot ist die Farbe, die dich mit allen anderen Menschen ‚kommunistisch verbindet‘.« Selten beginnt ein Geschichtsbuch so poetisch, passender Einstieg für das Hauptwerk dieses Publizisten und Historikers der Linken.

Doch Blau ist nicht nur die Farbe des Himmels. Sondern setzt auch ein  politisches Signal. Blau, so der Farbforscher, Designer und Farbkünstler Axel Venn, »ist eine Farbe der Kognition, der Logik. Sie hat eine starke technische Anmutung. Es ist eine Farbe des Wissens.« Schwarz, Rot und Gold hingegen seien autoritäre Farben, jede für sich genommen und auch vereint zur deutschen Trikolore. Wer Blau trägt, demonstriere Kühle, nicht (rote) Leidenschaft. 

Blau ist auch die Farbe der AfD, war die Farbe des rechten Gesamtdeutschen Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten und auch Farbe der Freien deutschen Jugend (FdJ), der Jugendorganisation der SED. Blau ist die beliebteste Farbe der Deutschen, wenn’s um Kleidung geht, einer eher unterkühlten Nation, die ihre Italien-Sehnsucht kennt und den blauen Himmel und das blaue Meer schätzt. Lange hatte sich trotzdem keine Partei das Blau ins Logo  genommen. Nur bei CSU kam es vor, und das hat regionale Gründe: Wer für den Freistaat in Weiß-Blau stehen will, muss sich auch dessen symbolisch bedienen. Das hat sich mit der AfD geändert. Sie übernahm die Farbe von drei gescheiterten Versuchen, eine rechtspopulistische Partei aufzubauen: Pro NRW hatte ebenso Blau als Parteifarbe wie der Bund freier Bürger und die Partei von Roland Schill. Der Menschenfang , gelang erst im vierten Anlauf.

»Blau ist keine Rüpelfarbe«, sagt Venn, »sie passt nicht zu Verbalrabauken«. Dass AfD und Co. Blau gewählt hätten, ist für ihn Mimikry. Sozusagen eine Tarnfarbe. Die AfD behauptete zu Anfang, eine Partei der Vernunft zu sein, nicht rechts, nicht links, sondern geführt von Experten. Sie galt, schon wegen ihres Gründers Bernd Lucke, als Professoren-Partei. Als Sammelbecken für alle, die keine Lust mehr auf das Gerangel der etablierten Parteien, Konzepte und Ideen hatten. Als Partei mit dem Ziel, die Politik zu überwinden. Man erinnere sich an die  Haltung des Joseph Goebbels, der den Reichstag, den Ort des politischen Diskurses, abschätzig als »Quatschbude« titulierte. 

Die Blau-Tarnung ist mittlerweile überflüssig. Selbst ihre Anhänger dürften mit der AfD kaum nüchternes Abwägen in Verbindung bringen. Ein blaues Wunder dieser Provenienz möge uns erspart bleiben.

Schwerpunkt
07 / 2018

»Blau passt nicht zu Verbalrabauken.«

Von: Stefan Laurin


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