Martin Liebscher: Steffi Graf Stadion (2014, VG Bild Kunst)

Einer für alle!

Martin Liebscher fotografiert sich selbst. Am liebsten tausendfach. Aber warum? Ein Künstlerporträt von Annika Wind.

Er kann einfach alles. Auch noch gleichzeitig. So ist es immer, wenn Martin Liebscher ein Foto in die Welt entlässt. Sie alle sind verschieden, aber eines ist gleich: die Person. Denn seit mehr als 20 Jahren fotografiert er sich selbst. Zum ersten Mal 1994 in Speyer: »Musterhäuschen« hieß seine Ausstellung im ehemaligen Elternhaus des großen Künstlerkollegen Anselm Feuerbach. Sie zeigte Fotos jener Fertigbehausungen, wie man sie tausendfach in Deutschland findet: logisch und ansprechend konzipiert und doch irgendwie artifiziell und unbehaust. Wie das Feuerbachhaus selbst, in dem der junge Städelschüler zwar Fotos aufhängen, sich selbst aber auf keinen einzigen Stuhl setzen durfte. Theoretisch. Liebscher okkupierte jedes Sitzmöbel und machte viele, viele Bilder. 

Dabei ist es, zumindest im Prinzip, bis heute geblieben. Martin Liebscher, der als Fotograf Beobachter ist, beobachtet sich beim Beobachten selbst. Logisch, dass viele Aufnahmen Orte der Beobachtung zeigen, in Sportstätten hat er schon gearbeitet und in Konzertsälen, in denen er vom Zuschauerraum aus auf die Bühne blickt. Hundertfach starrt sein Gesicht dorthin, wo für gewöhnlich die Musiker und Schauspieler stehen. Der Zuschauer selbst wird so zum Protagonisten. Oder, so sagt es Liebscher: »Das Bild betrachtet einen, es guckt zurück.«

Für eine seiner digitalen Fotografien, die nicht selten aus bis zu 5000 Einzelbildern später am Computer montiert werden, setzte sich der Kunst-Professor der Hochschule für Gestaltung in Offenbach rund 2300 mal hin und stand wieder auf. So viele Plätze hat die Mailänder Scala insgesamt, in der er drei Nächte lang fotografieren durfte. Sich abseits des Parketts aus Zuschauerlogen baumeln ließ, auf den Boden legte oder in Türrahmen stellte. Zwischen den vielen Martins lauert auch immer eine Frau, seine Freundin. Sie fotografiert die Szenen, die er über Selbstauslöser nicht festhalten kann. Es ist kein Zufall, dass sie auf der Aufnahme in der Scala dieselbe Pose einnimmt wie Mona Lisa: Liebscher zitiert auch Ikonen der Kunstgeschichte, indem er etwa an einem Tisch auf einer Sommerwiese das Abendmahl nachstellt (selbstverständlich ist er dann Jesus und dessen Jünger zugleich) oder wie auf den Landschaftsbildern von Brueghel Schlittschuh über norddeutsche Küstenstreifen fährt.

Auch Album-Cover haben ihn beschäftigt. Er paddelte schon in einem Pool einem Dollarschein hinterher wie das Baby auf dem Cover von Nirvanas »Nevermind«. Er behängte sich mit Fleischstücken wie die Beatles oder stellte den Titel von »Sgt. Pepper᾽s Lonely Hearts Club Band« nach, diesmal mit Pappaufstellern, die ihn in unterschiedlichen Lebensphasen, Gemütszuständen und auch auf Zeichnungen zeigten. 48 Jahre Lebenszeit, auf ein Foto gebannt. Martin Liebschers, die sich umarmen, verkleiden, in die Kamera schauen, posieren, den Blick abwenden. Viele, viele bunte Martins. Ein Wimmelbild. Zum Thema Vereinzelung.

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