Gila Lustiger. Foto: Bogenberger Autorenfotos

»Reinheit ist eine Illusion«

Für Gila Lustiger, die erste »Stadtschreiber(in) Ruhr«, gehören Schreiben, Ordnen und Fixieren untrennbar zusammen.  

TEXT SASCHA WESTPHAL

Am Anfang steht die Erinnerung an den Vater. Gila Lustiger beschreibt ihn in ihrem 2005 erstmals veröffentlichten Familienroman »So sind wir« als manischen Zeitungsleser. Tag für Tag erwarb er zahlreiche Zeitungen, um sich akribisch und zugleich wie im Rausch durch sie durchzuarbeiten. Beharrlich riss er Artikel heraus und verlegte sie gleich wieder. Alles wurde gesammelt, nichts ließ sich festhalten. Schon mischt sich eine zweite Erinnerung in die erste, diesmal an die Mutter und »ihre berüchtigte Aufräumneurose«. Wahrscheinlich war sie es, die den Spuren des Vaters folgend die Zeitungsfetzen eingesammelt und sie monatlich entsorgt hat. Zwei gegenläufige Obsessionen, von der gleichen vergeblichen Sehnsucht nach Ordnung und Kontrolle gespeist. So weitet sich der Blick in Lustigers Roman vom Persönlichen ins Universelle. »Und hier haben wir schon so ein mustergültiges Bild, das alles darstellt: den männlichen Wunsch, das verwirrende Leben zu ordnen und zu meistern, und die weibliche Passivität, die sich durch solch eine fieberhafte Aktivität nicht stören lässt.«

Ordnung in das allgegenwärtige Chaos des Lebens und der Welt zu bringen, ist aber nicht nur »ein männlicher Wunsch«, selbst wenn die Mehrheit der Sammler tatsächlich Männer sein sollten. So apodiktisch, wie das Zitat zunächst klingt, ist es nicht gedacht. Die Liebe und Bewunderung, die aus Gila Lustigers Beschreibung ihres Vaters, des deutsch-jüdischen Textilfabrikanten und Histo-
rikers Arno Lustiger, spricht, deutet es schon an. Hier schreibt nicht nur eine Tochter über den geliebten Vater, sondern auch eine Künstlerin über einen Seelenverwandten. Dieser Eindruck bestätigt sich umgehend im Gespräch mit der 1963 in Frankfurt am Main geborenen Schriftstellerin. »Mir persönlich ist das Sammeln auch sehr wichtig«, bekennt sie und betont sogleich, dass »ein Schriftsteller wirklich nichts anderes macht, als zu sammeln und zu ordnen«.

 

Davon zeugt neben Lustigers autobiographischem Familienroman »So sind wir«, in dem sie Episoden aus dem Leben der Eltern und Großeltern mütterlicherseits zum exemplarischen Porträt jüdischer Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert verdichtet, auch ihr zehn Jahre zuvor erschienenes Romandebüt »Die Bestandsaufnahme«. In 36 Kapiteln fixiert sie einzelne Momente aus dem Leben von Juden und Christen, Opfern und Tätern, Kommunisten und Nazis. Ein wenig erinnern Lustigers Short Cuts an die Szenen aus Brechts »Furcht und Elend des Dritten Reichs«. Nur spannt sie einen noch größeren Bogen, der von den späten 1920er Jahren bis in die Zeit direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs reicht. Die locker miteinander verbundenen Episoden haben etwas von einer großen Inventarliste, eben einer »Bestandsaufnahme«, die mit der im Roman zitierten Liste der während der »Aktion Reinhardt« bis 1942 beschlagnahmten Wertgegenstände korrespondiert. Der unpersönlichen Auflistung gestohlener Besitztümer stellt Lustiger menschliche Schicksale zur Seite. Aus einer Sammlung von, wie sie sagt, »Augenblicken, Emotionen und Geschichten« wird ein Panorama der Shoa und ihrer Vorgeschichte.

 

Einer ersten Bestandsaufnahme gleichen auch die kurzen, vornehmlich in Tageszeitungen erscheinenden Texte, die Gila Lustiger bisher entlang ihrer von der Brost-Stiftung finanzierten Stadtschreiber-Residenz verfasst hat. Seit September 2017 wohnt sie, die seit 30 Jahren in Paris lebt, in Mülheim an der Ruhr und erkundet von dort aus das Ruhrgebiet. Ihr Interesse gilt den Stadtvierteln, die meist nur als soziale Brennpunkte gesehen werden und in denen sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen der vergangenen 30, 40 Jahre im Verschwinden des Kleingewerbes wie in offenkundiger Armut manifestieren.

 

Während wir in einem Café am Phoenix-See in Dortmund, dem aus der Retorte geborenen Vorzeigeprojekt des sogenannten Strukturwandels, sitzen und ihr Blick zu dem an diesem nasskalten Märzmittag weitgehend verlassenen See geht, spricht Gila Lustiger über das andere Ruhrgebiet, über Duisburg-Marxloh und Essen-Altenessen. Dort ist sie Menschen wie der Krankenschwester Sylvia Brennemann oder der Bäckereiverkäuferin Johanna Kowalski begegnet, die sie in ihrer Reihe »Helden des Alltags« porträtierte. »Das hier, der Phoenix-See, ist zwar auch das Ruhrgebiet, aber darüber kann ich nicht schreiben, höchstens noch ironisch.« Das ganze Gerede vom Strukturwandel ist ihr suspekt: »Was mich schockiert hat, aber auch interessiert, ist die soziale Misere.« Der versucht sie, in ihren Artikeln auf den Grund zu gehen. »Für mich findet sich im Ruhrgebiet kondensiert alles, was in Deutschland gut und schlecht läuft. Hier präsentieren sich einem alle Probleme und Lösungsansätze wie auf einem Tablett.«

 

»Schreiben bedeutet für mich eigentlich nur, Romane zu schreiben«, sagt Gila Lustiger voller Unruhe. Der Wunsch, sich endlich wieder dieser Form des Schreibens zuzuwenden, ist übermächtig. Deswegen ist sie auch nach Mülheim gekommen. Aus dem Jahr im Ruhrgebiet soll ein Roman erwachsen. Dafür trifft sie sich mit Menschen, die Geschichten zu erzählen haben, sammelt Eindrücke. Die Romane, das seien großangelegte »Versuche, eine unübersichtliche und chaotische Welt durch einen Blickwinkel so zu fokussieren, dass Ordnung einkehrt«. Nach diesem Prinzip funktioniert ihr letzter Roman »Die Schuld der anderen«, eine Kriminalgeschichte, die ein umfassendes Bild der tief gespaltenen französischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet. Aber auch ihr unter dem Eindruck des Anschlags auf »Charlie Hebdo« und des Terrors vom 13. November 2015 entstandener Essay »Erschütterung« ist unverkennbar das Werk einer Sammlerin, die in Gesprächen und Kontakten aus unterschiedlichsten Schichten und Milieus die Verhältnisse erkundet hat, die die islamistischen Terroristen hervorbrachten. In diesem Sinne sind die Porträts der »Helden des Alltags« durchaus ihren Romanen verwandt, oder wie sie sagt: »Ich versuche, über diese Porträts, auch eine soziale Wirklichkeit darzustellen.«

 

Zum Ende unseres Gesprächs kommen wir erneut auf das Wesen des Sammelns zurück, dessen psychologischem Kern, der auch eine politische Dimension hat. Der Sammler will Ordnung in das Chaos der Welt bringen, in dem er sich auf einen Ausschnitt konzentriert, der das Ganze repräsentiert. Dabei geht er den entgegengesetzten Weg der nationalistischen Rechten oder auch der religiösen Fanatiker, die – von der Vielfalt der Welt überfordert – ein Ideal kultureller Reinheit propagieren. »Der Sammler akzeptiert die Vielfalt. Er weiß, Reinheit ist eine Illusion. Seine Antwort ist demokratisch, die der anderen autoritär.«

»So sind wir«, »Die Schuld der anderen« und »Erschütterung. 

Über den Terror« sind im Berlin Verlag erschienen.

Schwerpunkt
04 / 2018

»Reinheit ist eine Illusion«

Von: Sascha Westphal


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