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Von Ferne und Fremdheit

Wie wurde der maritime Look und die Jeans zur Freizeitkleidung? Honke Rambow hat sich Mode-Codes angeschaut.

Auch schon »Die Sendung mit der Maus« wusste zu berichten, dass die Redewendung »blau machen« von den Indigo-Färbern kommt, die nach Tagen schwerer Arbeit beim Ernten, Stampfen und Kochen des Färberwaids während des Trocknungsvorganges, bei dem der zunächst grüne Stoff erst das finale Blau erhält, ausspannen konnten. Ganz sicher ist diese etymologische Erklärung nicht, doch im Zweifel glauben wir gern der schlauen Maus. Dass in der Mode von Marine-Look bis Jeans Blau die ultimative Freizeitfarbe ist, lässt sich damit jedoch nicht allein erklären. 

Bevor der Matrosenanzug im 19. Jahrhundert zur allgegenwärtigen Kinderbekleidung und adretten Schuluniform und dann etwa bei dem Knaben Tadzio in Thomas Manns Novelle »Der Tod in Venedig« und bei Tutein in Hans Henny Jahnns Roman-Trilogie »Fluß ohne Ufer« homoerotisch aufgeladen wurde, war er schlicht die Uniform der Marine. Der Matrose ist eine Fantasiegestalt, die Chiffre von Ferne und Fremdheit, ein Phantom des Erotischen, wenn der Seemann nach langer Abstinenz liebeshungrig an Land kommt und die hafenbekannten Spelunken aufsucht. Als Objekt schwulen Begehrens wiederum nimmt er darauf Bezug, dass die unteren Dienstgrade sich in der reinen Männergesellschaft des Schiffes die Schlafstätte teilen mussten.

Seine Erfolgsgeschichte in der Mode ist eher der Assoziation Blau und Weiß von Meer und Himmel zu verdanken. Wenn Jean Seeberg in Jean Luc Godards »Außer Atem« auf dem Pariser Boulevard bevorzugt Querstreifen und das klassische blau-weiße Fischer-T-Shirt mit U-Boot-Ausschnitt trägt, dann nicht nur, weil es ungemein Französisch wirkt, sondern auch, weil ihr Look Freiheit, Unabhängigkeit und Sa­voir-vi­v­re signalisiert.
 

Vom Meer aufs Festland, von der Arbeit zur Freizeit, vom Ernst des Lebens zur Lust – es bleibt
  beim Blau, nämlich der Jeans. Von ihr sagt Edgar Wibeau in Ulrich Plenzdorfs Roman »Die neuen Leiden des jungen W.« 1968: »Ich meine, Jeans sind eine Einstellung und keine Hose.« Der Satz saß angegossen und hatte in der DDR des symbolstarken Erscheinungsjahres Sprengkraft. Die SED-Führung fürchtete das Freiheitspathos der amerikanischen Beinkleider und die Uniform der aufsässigen Jugend so sehr, dass offiziell von Nietenhose und nicht von Jeans gesprochen wurde. 

Dabei war die Hose, die Levi Strauss ab 1850 in den USA produzierte, zunächst als Arbeitsdress für die Goldgräber gedacht, bevor sie zur strapazierfähigen Standard-Ausstattung der Cowboys wurde, die sie – nach Eingrenzung der Prärieflächen arbeitslos geworden – in die Städte brachten.
 Die Publizistin Mercedes Bunz beschreibt in ihrem Aufsatz »Out Of The Blue« die mehrfache Umcodierung der Jeans: »Das Material hatte sich eines Tages von seinem alten Arbeitsgebrauch unabhängig gemacht. Es rebellierte und wurde zur Uniform des Rock’n’Roll. Nachdem es sich als Modewert schick gemacht hatte und ausging, folgte dann, einmal zur Aussage geworden, umgehend gleich der nächste Schritt: Die Jeans wurde Design. Zur Designer-Jeans geworden, verlässt sie nach der Arbeit damit auch den angestammten Kontext, die Körper der sich gegen das Establishment Auflehnenden. Anstelle dessen erscheint sie an Models und wird über blitzlichtbeflutete Laufstege der Modewelt getragen. Dank doppelter Entfremdung wird sie zum radical chic.«

Katharine Hamnett war die erste, die in den 1980ern Jeans zum Design erklärte und von Anfang an mit der Lässigkeit des Stoffs spielte, indem sie ausgewaschene und zerrissene Jeans in mit rotem Samt ausgeschlagenen Kartons verkaufte. Selbst das zeitloser Eleganz verpflichtete Modehaus Chanel konnte sich dem Charme der blauen Baumwolle nicht widersetzen und schickte 2011 eine von Karl Lagerfeld entworfene Jeans-Kollektion über den Laufsteg.
 

Heute changiert die Bedeutung der Jeans zwischen den Polen. Das Blau, schreibt Roger Behrens, »gibt der schlichten, praktischen Form der Jeans eine romantische Färbung: Die Arbeitshose ist von Anfang an Ausdruck der Ideale von Gleichheit und Unabhängigkeit, von Selbstbestimmung und Freiheit. Mithin als Massenprodukt ist sie beides: Uniform und Individualform, und verweist so auf die Rolle, die der Mensch in der gegenwärtigen Gesellschaft nunmehr mit seinem gesamten Körper, ja seinem ‚whole way of life‘ auszufüllen hat.« Offensive Kommodifizierung, nennt er das.
 

Die Umcodierung signifikanter Kleidungsstücke in der Mode ist gängiges Prinzip. Besonders Uniform-Codes wie etwa das Camouflage-Muster erfahren durch die Integration in zivile Kontexte Neubewertungen. In der Techno-Rave-Bewegung etwa wurde Flecktarn in verschiedenen Designs zunächst zum Ausdruck des Unangepassten und der Verweigerung gegenüber dem Modediktat. In der Masse der auf einem Rave Tanzenden erhielt das Muster aber schlagartig seine ursprüngliche Bedeutung als Uniform zurück. Camouflage – als Erkennungszeichen einer Armee von Technojüngern, einer Guerillatruppe im Kampf um den Beat der Zukunft. Semantische Techniken, die auch andere Jugendbewegungen anwandten.

Der Jeans- und Marine-Look als blaue Mode-Strömungen sind in ihrem Assoziationswert mehr als stabil. Einmal durch alle möglichen Zeichenlehren gegangen, bleiben sie mit Freizeit, Freiheit und Entspannung besetzt. Und strahlen damit auch auf andere blaue Kleidungsstücke ab. So ist ein Anzug, selbst noch dunkelblau, die weniger formelle Wahl als Schwarz, ohne dabei gleich ein modisches Statement wie etwa der braune Zweiteiler zu sein. Nur der Blaumann wird es wohl nicht in die Freizeitkleidung schaffen. Er bleibt in Kfz-Werkstätten und Schlossereien gesperrt.

Schwerpunkt
08 / 2018

Von Ferne und Fremdheit

Von: Honke Rambow


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