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Zwischen den Zeiten

Der Zeitforscher Frank Michael Orthey versucht herauszufinden, warum wir zwischen die Zeiten geraten sind.

EIN GASTBEITRAG VON FRANK MICHAEL ORTHEY

Die Zeit: ein einsilbiges Substantiv
Was ist Zeit? Mit dieser großen Frage geht es los. Viele haben sie offen gelassen. Wie der Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus (354–430 n. Chr.), der zugab, dass er wohl wisse, was Zeit sei, solange er nicht gefragt werde. »Will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.« Weil das mit Antworten auf die Frage »Was ist Zeit?« nicht ganz einfach ist, blieb sie auch bei anderen Denkern unbeantwortet. Der Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998) gab etwas kryptisch zu bedenken, dass man bezweifeln könne, ob irgendein Begriff von Zeit, der über das bloße Faktum des Sich-Änderns hinausgreife, sinnvoll festgelegt werden könne. Die einzig richtige Antwort auf die Frage »Was ist Zeit?« ist wohl jene der Germanisten. Sie antworten mit der überzeugten Inbrunst der Wissenden mit dem nicht zu widerlegenden Satz: »ein einsilbiges Substantiv!«. 

»Die Zeit gibt es eigentlich nur im Plural.«
So eindeutig ist es nämlich nicht, dass es »die« Zeit ist, die wir verleben, erleiden, genießen oder verplempern. Die Zeit gibt es eigentlich nur im Plural. Da gibt es Arbeits- und Freizeit, Mittagszeit, Sommer- und Winterzeit, Zeit zum Gehen, zum Verweilen, zum Lesen, Zeitnot und Zeitwohlstand. Eine Vielfalt von Zeiten und unterschiedlichen Qualitäten, die die Zeit dadurch bekommt, wie wir sie erleben und benennen. Damit ist Zeit relativ – und subjektiv, also abhängig vom Beobachter. Insofern ist sie eine Erfindung solcher Beobachter, um das Nacheinander zu ordnen. Sie brauchen eine Vorstellung, einen »Sinnhorizont«, eine für sie brauchbare Konstruktion zur Selbstverortung im Lauf der Dinge. So entsteht aus der Beobachtung unserer jeweiligen »Wirklichkeit« die Zeit anhand der Differenz von Vergangenheit und Zukunft. Das erleben wir im Augenblick als »Gegenwart«. Und nennen es Zeit. Und beklagen heute oft, dass zu wenig davon da ist.

 »Tut mir leid, keine Zeit!« Diese Floskel vermittelt vor allem Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gehetzten, zu denjenigen, die sich verausgaben, die alles geben. Und das sind heute die Privilegierten, Angesehenen und Erfolgreichen. Wer auch keine Zeit hat, der- oder diejenige ist drinnen, gehört dazu. Wer dagegen Zeit hat, bleibt draußen. Draußen aus dem Unternehmen oder aus der Behaglichkeit einer Wohnung in der unwirtlichen Kälte der Straße. Mit Blick in die Kalender gilt heutzutage nicht mehr »Je oller, je doller«, eher wohl »Je voller, je toller«. 

Wie sich die Zeiten entwickelt haben
Es scheint, als brauchten wir einen Plan der Zeiten, der zeigt, in welchem »Zeitalter« wir gerade stehen. Diese Nummer ist relativ unscharf, taugt aber für Stammtischkommunikationen, wo man sich gerne das »Zeitalter der Globalisierung« um die Ohren haut. In der Geschichtsschreibung ist vom Zeitalter der Vernunft oder dem der Aufklärung die Rede. Diese Zeiten scheinen allerdings vorbei zu sein. Jedenfalls angesichts des sogenannten »postfaktischen Zeitalters«. Wir brauchen diese Unterscheidungen, um uns abzugrenzen und uns in einer bestimmten Zeit zu verorten, die anders ist als andere zuvor. »Zeit« ist ein Produkt der jeweiligen Kultur. Und so unterschiedlich die Kulturen dieser Welt in ihrer Geschichte, so unterschiedlich auch die Zeitvorstellungen. 

Ur-Zeiten: Überlebenszeit
Der aufrechte Gang war gerade in Mode gekommen, die Menschen lebten in familienähnlichen Verbünden in Höhlen, jagten, kümmerten sich darum, zu überleben und waren damit ausgelastet. Sonst harrten sie der Dinge. Als sie in ihrer »Zeitlosigkeit« mal wieder nichts zu tun hatten, außer vor sich hin zu leben, mal wieder nichts mit ihrer Zeit, die sie noch nicht erfunden hatten, anzufangen wussten, kamen einige auf die Idee, die Wände zu bemalen. Solche frühen Höhlenmalereien können als erste Anzeichen für die Entstehung eines Zeit- und Geschichtsbewusstseins gedeutet werden. Die Macher haben nicht mit Stöcken auf die Erde in den Sand gemalt. 

»Nicht mehr das Hier und Jetzt zählt, sondern was in Zukunft geschehen kann.«
Sie sicherten ihre Werke durch spezielle Techniken gegen Vergänglichkeit: »Seht: Das möchten wir euch hinterlassen.« Zeit wurde anschaulich. Diese Praxis steht auch für die Entstehung eines Zukunftsbildes. Nicht mehr nur das Hier und Jetzt zählt, sondern auch das, was in der Zukunft geschehen kann. Dafür wird Wichtiges aus Vergangenheit und Gegenwart an den Höhlenwänden für das Überleben der nachfolgenden Artgenossen konserviert. Der »Fortschritt« in der Ur-Zeit bestand darin, dass sich ein Zeitbewusstsein zu entwickeln begann. Die Zeit kam und ging, wie sie war – aber ihre Zukunft hatte begonnen.

Antike Zeiten: Entwicklung von Kultur- und Zeitenvielfalt
Inmitten der antiken Gemengelage aus unterschiedlichen politischen Reichen tobte die Grausamkeit: auf den Schlachtfeldern, in den Arenen, gegenüber Sklaven. Nebenan philosophierte manch anderer vor sich hin und kam zu einem neuen Denken, auf das wir bis heute Bezug nehmen. Wieder andere sportelten seit ca. 700 v. Chr. um olympische Ehren. Ein Ritual, das so attraktiv ist, dass es die Zeitrechnung ermöglicht – und in der Neuzeit wieder aufgegriffen wird. Drumherum gab es Götterkult und -verehrung, Symbole und Mythen. Dann kam das Christentum und wurde heftig verfolgt. Allerdings war es für eine Kultur- und Zeitenwende gut, die sich später in einer bis heute weithin gültigen Zeitrechnung geradezu »verewigte«. Es wurde begonnen, die Zeit zu rechnen. Schließlich wähnte man sich als bedeutsamer Teil einer Geschichte. Und das wurde auch deutlich gemacht: »im 265. Jahr des römischen Reiches«.

Ansätze der Zeitrechnung, der -messung und -einteilung zeigen sich in den antiken Ären oder den entstehenden Kalendarien. Zeit wurde symbolisch, philosophisch und lebenspraktisch ins Bewusstsein gehoben. Es wird Geschichte geschrieben – und ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. auch dokumentiert. Antike Zeiten waren bereits Zeiten der zeitlichen Vielfalt. Zudem gab es einen reflexiven Zugang zur Zeit. Dadurch wurden Kulturen geschaffen, die anspruchsgemäß die Zeiten überdauern wollten.

Vormoderne Zeiten: Naturzeit
In der Vormoderne waren es die an die Natur angelehnten Rhythmen, zum Beispiel die Wechsel von Tages- und Nachtzeiten oder von Jahreszeiten, die das Zeithandeln bestimmten. Da die Naturzeiten von zyklischer Wiederkehr geprägt waren, war auch das Zeitverständnis entsprechend: Die Zeiten wurden von der Wiederkehr der rechten Zeitpunkte bestimmt. Diese orientierten sich an den Notwendigkeiten, die eigene Existenz im Einklang mit der Natur zu organisieren. Zeiten zum Säen und Ernten ergaben sich aus den Rhythmen der Natur. Die Kirche richtete die wiederkehrenden Zeiten des Kirchenjahres ein. So soll es sein, »in Ewigkeit, Amen«. Denn ewig währt am längsten. Die Zeit-Bilder der Vormoderne wurden von der zyklischen Wiederkehr des Bekannten bestimmt. 

Moderne Zeiten: Uhrzeit
Und dann war sie da: die Moderne. Nun sollte es voran gehen, immer weiter, berechenbar, auf Vollendung hin ausgerichtet. Möglichst linear sollte das sein. Im Zuge der Industrialisierung wurde Zeit zum zu bewirtschaftenden Gut. »Zeit ist Geld« war die Formel, Vertaktung das Prinzip der Lohnarbeit, die einer Enteignung der Zeit der Lohnarbeiter gleichkam. Beschleunigung war die Folge, denn die Taktzahl lässt sich erhöhen. Egal ob Arbeitszeit oder Freizeit: Zeit ist etwas, dass besser oder schlechter genutzt und verwertet werden kann. 

Der Erfindung der Dampfkraft folgte der »Zug der Zeit«, die Eisenbahn als technischer Beschleunigungsmotor. Telegrafie, Automobil, Telefon und Rundfunk taten ihr Übriges zum Glück, das demzufolge dort zu finden sein soll, wo es »immer schneller« zugeht. Das »Leben als letzte Gelegenheit«, eine Formulierung der Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer, ist von der Idee bestimmt, möglichst viele Beschäftigungen in ihm unterzubringen. Je mehr, desto besser. Das ist das Muster, das die Beschleunigungsspirale immer weiter antreibt. Der Fortschritt schreitet voran – was soll er auch sonst tun? 

Postmoderne Zeiten: Gleichzeitigkeit 
»Anything goes« heißt der postmoderne Slogan. Immer. Und zugleich. In der postmodernen Vielfalt sind die zeitlichen Wirklichkeitskonstruktionen vielfältig, uneindeutig, oft widersprüchlich. Vieles geht gleichzeitig. Parallel passiert immer auch noch was zusätzlich. Die zeitlichen Wirklichkeiten sind komplex angelegt, nicht mehr klar gegliedert wie in der Moderne, eher unübersichtlich. Vielfalt ist die größte Ressource der Postmoderne. Und die größte Herausforderung. Im gesteckten Rahmen ist die Arbeitszeit heute meist selbst zu organisieren. Die Verantwortung für deren »Management« und die »Balance« von Leben und Arbeiten wird individualisiert. Zuständig ist jede/r selbst. Mediale Wirklichkeiten, soziale Netzwerke und der globale Hype verstärken dies.

Immer arbeiten, immer lernen, immer online, die Abholung der Kinder aus dem Kindergarten organisieren, parallel Mails checken, die Freizeit unterkriegen, Familien- und Beziehungsleben managen, Wellness zum Erholen dazu packen und den Waldlauf – mit Smartphone, das die Zeit, die Schritte, die Entfernung misst und auch das nächste Restaurant anzeigt. Auch wenn es Apps als (vermeintliche) Hilfsmittel gibt, zuständig, um Ordnung zu schaffen, bleibt der Einzelne. Zeitlich zeigt sich dieser »Möglichkeitsüberschuss« als »Überforderung des Erlebens durch Erwartungen«, wie Niklas Luhmann es 1968 vorausschauend benannte. Das macht Druck.

»(Noch) mehr Leben in dem einen, das ich habe.«
Damit möglichst viel geht, machen die Menschen Zeitmanagement, was die Problemwahrnehmung eher verschärft als entlastet. Das Leben wird zum ständigen Entscheidungsproblem in geschrumpften und fragmentierten Gegenwarten. Je schneller ich das hinkriege mit der Anreicherung meines Erlebens durch alle möglichen Erfahrungen, umso mehr Leben kann ich in dem einen, das ich habe, zusätzlich noch unterbringen. Wenn mal gerade nix ist mit Erleben, wische ich schnell über mein Display und eine neue Möglichkeit tut sich auf. Gefällt mir! Das sind die verlockenden Aussichten, die nach den Begrenzungen, die die Beschleunigung, weil sie nicht beliebig gesteigert werden kann, letztlich doch aufzeigt, nun im Konzept der Vergleichzeitigung aufgehoben werden. Ihre Musterschüler sind die »Simultanten«, wie es der Zeitforscher Karlheinz Geißler nennt, die immer und überall alles gleichzeitig können, tun und wollen. Zeitliche Störungen werden in den medialen Kulturpraktiken zum Normalfall. Immer kommt gerade irgendwas rein – und dazwischen. 

Dabei wird uns die Zukunft enteignet. Wir erträumen sie uns nicht mehr rosig nachts. Heutzutage bekommen wir sie auf den (Bild-)Schirm eingeblendet: als Vorschlag für neue Produkte, die wir uns aneignen könnten, als Lese- oder Urlaubsempfehlung oder als Hinweis für eine Diät. »Dieser Artikel könnte Ihnen gefallen.« Wir sind durchsichtiger als wir es für uns selbst sind. Die Zukunft kommt jetzt mit konkreten Vorschlägen von vorne auf uns zu. Es geht nicht mehr um Zukunftsträume, sondern um das Management derjenigen Zukünfte, die uns angeboten oder untergejubelt werden. 

»Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.« In diesem Satz des Schriftstellers Ödön von Horváth (1901–1938) finden sich auch die Männer und Frauen ohne Eigenschaften wieder, wie sie Robert Musil im »Mann ohne Eigenschaften« beschreibt. »Ein solcher Mann« (und das gilt auch für Frauen, Anmerkung des Autors) (…) »besitzt eine etwas eigentümlich, nichtsdestoweniger angemessene Form des Wirklichkeitssinns«. (…) Wer solchen Möglichkeitssinn besitzt, sagt beispielsweise nicht: »Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen, sondern er erfindet: hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun es könnte wahrscheinlich auch anders sein.«

 Diesen Möglichkeitssinn auch zeitlich zu schärfen, wäre eine Möglichkeit, aus der Not der Männer und Frauen ohne Eigenschaften (aber mit vielen Möglichkeitsüberschüssen!) eine Tugend zu machen. Daraus könnte die Gelassenheit des »es könnte eben auch anders sein« erwachen und erwachsen. Wenn das geschieht, entsteht aus den verstandesmäßigen Zugängen der Reflexion wieder etwas Emotionales. Es sind Sehnsüchte, Hoffnungen, ist Lust und Freude, Frust und Leid – und das oft gleichzeitig. Gelassen mit widersprüchlichen Gefühlen umgehen und diese dann im Hinblick auf die eigenen Bedürfnisse zu lesen und zu verstehen, wäre ein Möglichkeitssinn, der zeitliche Auswirkungen hätte. Denn wenn »es auch anders sein könnte«, sind auch andere Zeitkonstruktionen möglich. Je nachdem, was die widersprüchlichen Gefühlslagen brauchen, die die Postmoderne uns beschert, je nachdem, für welche Bedürfnisse sie stehen, ist Beschleunigung oder Entschleunigung, Geschwindigkeit oder Müßiggang, Vergleichzeitigung oder zeitlich geordnetes Nacheinander möglich und sinnvoll. Nicht mehr nur ein einziges Paradigma, sondern zeitliche Vielfalt. Das würde der Postmoderne gerecht. Und den Menschen, die in ihr ihre Zeiten verbringen. Wenn das gelänge, wäre das so etwas wie Zeitautonomie. Die braucht nur kleine persönliche »Zeitumstellungen«.

Frank Michael Orthey, geb. 1961 in Hachenburg im Westerwald, studierte Berufspädagogik in München und arbeitet gemeinsam mit seiner Frau Astrid Orthey als Trainer und Berater für Lern-, Führungs- und Veränderungsprozesse. Er habilitierte an der Universität Bielefeld zu der Frage, wie sich Unternehmen durch Lernen verändern und übernahm Gastprofessuren in Klagenfurt (2006/2007) und Wien (2007). Als »Zeitarbeiter« ist er auch bei »Timesandmore« tätig, einem Zeitberatungsinstitut von Karlheinz Geißler, bei dem er an der Bundeswehruniversität in München promovierte. Der Autor lebt in der Nähe von Bad Tölz. Erst kürzlich ist sein Buch »Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit« erschienen (bei Haufe-Lexware, 24,95 Euro, Leseprobe unter www.zeitumstellung.jetzt)

Schwerpunkt
05 / 2018

Zwischen den Zeiten

Von: Frank Michael Orthey


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