TEXT UND INTERVIEW: CHRISTOPH VRATZ
Philippe Jaroussky hat sich mit dem deutschen Ensemble Concerto Köln zusammengetan, um einen vergessenen italienischen Komponisten zu rehabilitieren. Ein Projekt von geradezu europäischer Dimension. Venedig, Mailand, Rom – und dann Wien. Antonio Caldaras Lebensstationen verblüffen, vor allem für das 18. Jahrhundert und in dieser Reihenfolge. Einst stand der Vivaldi-Zeitgenosse in höchstem Ansehen, heute ist er nahezu vergessen. Jetzt erfährt er neue Fürsorge, ausgerechnet durch einen Franzosen und ein deutsches Orchester.
K.WEST: Haben Sie EU-Gelder beantragt? Brüssel müsste für ein solch schönes europäisches Projekt doch seine Schatulle öffnen.
JAROUSSKY: Schön wär’s. Dabei ist unsere Arbeit nur eine Fortsetzung dessen, was Antonio Caldara vor mehr als 250 Jahren bereits vorgemacht hat. Er hat den italienischen Barock nach Wien gebracht und unter den dortigen Einflüssen sozusagen ein wenig verdeutscht. Es handelt sich um eine gezielte Durchdringung mehrerer europäischer Einflüsse.
K.WEST: Was ist das überhaupt für eine Musik, die so lange ungehört und verschwunden war?
JAROUSSKY: Lebhaftester Barock. Vor einigen Jahren haben Cecilia Bartoli mit einzelnen Arien und der Alte-Musik-Meister René Jacobs mit einer Oratorien-Aufnahme Caldaras Werk zumindest punktuell wiederbelebt. Ich würde ihn ein bisschen mit Alessandro Scarlatti vergleichen wollen: ein riesiges Œuvre, quer durch alle Gattungen, aber stets im Schatten eines Vivaldi oder Händel.
K.WEST: Und wie klingt es?
JAROUSSKY: Diese Musik ist eine Synthese aus dem ernsten, schweren Stil mit viel Kontrapunkt und einer Leichtigkeit in der Melodieführung, die sehr italienisch geprägt ist. Eine echte Fusion der Stile, und das auf hohem Niveau.
Mit Concerto Köln weiß Jaroussky ein Ensemble an seiner Seite, das mit dem Ausgraben verschütteter Musikwerke durchaus vertraut ist. Auf ihrer Liste stehen: Grauns »Cleopatra e Cesare«, Hasses »Solimano«, Gassmanns »L‘opera seria«, dazu Sinfonisches von de Arriaga, Dall’Abaco, Moreno, Brunetti. In diesem Herbst feiert das Orchester 25. Geburtstag. Es ist ein Vierteljahrhundert jung geblieben. Einen festen Chef gibt es bis heute nicht, nur ein kleines Management im Hintergrund und ein Ensemble mit – je nach Repertoire – wechselndem Personal. Lauter Musikenthusiasten, die sich genau überlegen, wie man das Niveau noch weiter hoch schrauben könnte.
Damit die Gruppe nach innen funktioniert und das Gesamtgefüge nicht ins Wanken kommt, verzichtet Concerto Köln bei Neubesetzungen auf die üblichen Bewerbungsvorspiele. Schaulaufen unerwünscht! Wer Interesse hat mitzuwirken, wird eingeladen und vom ersten Moment an in den Probenalltag integriert. Daran lässt sich am ehesten ablesen, ob jemand für längere Zusammenarbeit taugt oder nicht. Grundsätzlich gibt es keine festen Stellen, dafür einen relativ kleinen Stamm ständiger Mitglieder sowie eine ungleich größere Kartei von Abrufkandidaten, die projektweise hinzugezogen werden.
K.WEST: Sie sind für Ihr Caldara-CD-Projekt mit französischer Kompetenz-Begleitung nach Köln gefahren. Dirigentin ist Emmanuelle Haïm, die zuhause in Paris mit Le Concert d’Astrée ihr eigenes Alte-Musik-Ensemble hat. Warum diese außerplanmäßige Liaison mit Köln?
JAROUSSKY: Weil Emmanuelle eine großartige Musikerin ist und offen für neue Impulse. Sie hat ein extrem musikalisches Wissen und weiß die Energie der Musiker zu assimilieren. Sie kannte Concerto Köln bereits ziemlich genau und auch die dort herrschende Kollegialität. So entstand für das Projekt eine sehr eigene Zirkulation von Ideen, weil jeder Musiker außergewöhnliches Engagement mitbringt.
K.WEST: Ist das nicht ein grundsätzliches Plus von freien Orchestern, die quasi bei jedem Konzert ums Überleben spielen?
JAROUSSKY: Man merkt es bei diesem Ensemble, wie außerordentlich hoch die Motivation ist; gleichzeitig aber verhalten sich alle in der Gruppe sehr solidarisch zueinander. Nicht jeder Einzelne will der Beste sein, sondern das Ensemble als Einheit.
Das Kölner Projekt-Orchester hat sich seine musikalische und gedankliche Frische seit Gründung bewahrt. Um das zu erleben, muss man nur in einige der rund 50 Aufnahmen hineinhören – im Durchschnitt entstanden zwei pro Jahr. Darunter sind preisbedachte Einspielungen mit Sinfonien eines Kraus oder Vanhal – Komponisten, die dem normalen Plattenkonsumenten vorher kaum bekannt gewesen sein dürften; da gibt es die Opernproduktionen unter René Jacobs, vor allem die beiden Mozarts, »Così« und »Figaro«, bei denen man schwören würde, etliche Passagen so noch nie zuvor gehört zu haben; und da sind gezielte Crossover-Projekte wie Uri Caines jazzige Adaption der Diabelli-Varitationen oder die musikalische Entdeckungsreise des Orients mit der Gruppe Sarband. »Wir sind in unserer Programmauswahl zum Glück nicht festgelegt. Wir suchen nicht systematisch nach neuen Entdeckungen, manchmal ist es auch der Zufall, der uns zu etwas führt«, sagt Geigerin Sylvie Kraus. Wie eben im Fall Jaroussky und Caldara.
K.WEST: Findet man die unterschiedlichen Strukturen freier und kommunaler Orchester auch in Frankreich?
JAROUSSKY: Dort ist es etwas anders. Die festen französischen Orchester, ob national oder städtisch, sind stark hierarchisch gebunden und in ihrer pyramidenhaften Struktur oft starr. Das ist sicher auch nötig, schließlich handelt es sich um große Apparate. Doch wenn man etwa an die offizielle Probenzeit eine Viertelstunde dranhängen möchte, gibt es sofort Widerstand unter Verweis auf gewerkschaftliche Tarife.
K.WEST: Und die freien Orchester betreiben weniger Dienst nach Vorschrift?
JAROUSSKY: Sie bringen jedenfalls stärkere musikalische Neugierde mit, mehr Offenheit. Es ist eine ganz andere Art zu arbeiten. Vor allem im Barock-Repertoire ist man darauf angewiesen, vieles in Ruhe ausprobieren zu können. Manchmal sind die Partituren unvollständig; oder bei den Ornamenten – alles braucht Zeit.
K.WEST: Wie lief das bei Caldara?
JAROUSSKY: Das Orchester muss sich auf die Arien und damit auf die jeweiligen Opern, ihren Stoff und ihre Musik einstellen. Damit diese Musik richtig lebendig klingt, braucht es eine reiche Palette an Farben. Artikulation, Tempo und all das lässt sich nicht auf dem Reißbrett planen, das ergibt sich erst beim Proben. Dafür muss ein Ensemble Flexibilität aufbringen.
K.WEST: Inwieweit beflügelt Sie das in Ihrer Rolle als Sänger?
JAROUSSKY: In jeder Hinsicht. Man gewinnt sofort Vertrauen in die Zusammenarbeit und fühlt sich automatisch freier. Gerade bei den Verzierungen muss man genau überlegen, was zur eigenen Stimme passt und wie sich das mit dem Orchesterklang verbinden lässt. Die Einstellung eines Instrumentalensembles beeinflusst immer, zumindest indirekt, die vokale Qualität.
Jaroussky beschreibt die Klang-Qualitäten von Concerto Köln mit »un son allemand«: einem spezifisch deutschen Ton, der zu Caldaras teils sehr virtuoser Musik ideal passt. Es klinge »wunderbar direkt und auch fruchtig«. Rhythmisch variabel. Und für Überraschungen gut.
Unvorhersehbarkeiten gehören bei Concerto Köln zum ungeschriebenen Programm. So hat das Ensemble, neben regelmäßigen Schüler-Projekten, seit drei Jahren eine eigene Konzert- reihe an ungewöhnlichem Ort: im Börsensaal der Industrie- und Handelskammer. Finanzielle Unterstützung kommt u.a. vom TÜV Rheinland. Ausgerechnet eine technische Prüf- organisation verleiht ihr pekuniäres Siegel als Anerkennung für die Überschreitung musikalischer Grenzen. Regeldenken ist den Kölnern eben fremd.
Concerto Köln und Philippe Jaroussky gastieren im Konzert-haus Dortmund am 18. November 2010 mit Arien von Caldara und Vivaldi. www.konzerthaus-dortmund.de + www.concerto-koeln.de



