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Der mit den Bildern fliegt

Der Filmemacher Adolf Winkelmann hat das Ruhrgebiet ins deutsche Kino gebracht und gestaltet die fliegenden Bilder am Dortmunder U – eine Gratulation zum 80.

Adolf Winkelmann hat gute Laune. Wie ein junges Füllen springt der schlaksige Filmemacher über die viel befahrene Straße vor dem Dortmunder U. »Da drüben gibt es richtig guten Kaffee«, sagt er. In einem irren Laden, der auch Vinyl-Schallplatten verkaufe. Unter dem großen U, das für die ehemalige Unions-Brauerei stand, laufen heute bunte Bilder. Man erkennt Obst, dann schießt Wasser dazu, die Formen verschwimmen. »Das U ist heute ein großer Mixer«, erzählt Winkelmann und lacht. Jeden Tag lässt er ein anderes Programm laufen und sprüht vor Ideen. Kaum zu glauben, dass er am 10. April nun schon seinen 80. Geburtstag feiert.

Die Laune wechselt, als wir auf der anderen Straßenseite stehen und auf das U schauen, das Wahrzeichen Dortmunds. »Es ist eine Schande, wie das hier verbaut worden ist«, sagt Winkelmann. Den freien Blick behindern Hotels und ein Betonklotz, in dem eine Versicherung längst wieder ausgezogen ist. Nun steht er leer und stört. Winkelmann meckert laut und deutlich, aber nicht lange. Schließlich will man sich nicht nachhaltig die Laune verderben.

Viel mehr Spaß macht es Winkelmann, darüber zu reflektieren, was er alles schon gemacht hat. Vor allem, wie er sich immer wieder neu erfunden hat. Erst als Experimentalfilmer, dann als Spielfilmregisseur, der das Ruhrgebiet als Schauplatz des deutschen Kinos etablierte. »Der erste Film aus Dortmund« steht auf dem Plakat des Films »Die Abfahrer«. Das war 1978, und natürlich hatte es vorher schon Filme aus Dortmund gegeben. Aber Winkelmann rückte die Region ins Bewusstsein der Kino-Nation, mit trockenem Humor, kernigen Charakteren und einem ebenso ehrlichen wie herzblutvollen Blick.

Adolf Winkelmann. Foto: Silke Hempel

»Jede Menge Kohle« ist bis heute sein bekanntester Film. Die Geschichte des Bergmanns Katlewski, der in Recklinghausen einfährt und das Ruhrgebiet unter Tage durchwandert. Schließlich kommt er – schwarz von Ruß, nur die Augen strahlen – in Dortmund aus den Stollen wieder raus. Und die Welt hat sich verändert. Zumindest für Katlewski. Aus diesem Film stammt der oft zitierte Satz: »Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.« Das Außenseiterdrama »Jede Menge Kohle« ist eine Liebeserklärung an die Menschen des Ruhrgebiets, eine Komödie und ein Western. Und er war der erste deutsche Spielfilm in Dolby Stereo. »Nur die Pornofilme hatten damals Dolby Stereo«, erzählt Winkelmann, »und die wurden in Hamburg gemischt. In dem Studio waren wir auch. Da saßen die hochdekorierten Hamburger Schauspielerinnen und Schauspieler und strickten, gingen rein, mussten stöhnen, kamen wieder raus und haben weiter gestrickt.«

Nun wäre es einfach gewesen, bei der etablierten Marke zu bleiben und weiter Ruhrgebietsfilme zu drehen. Aber die einfachen Wege haben Winkelmann nie interessiert. Im Gegenteil, er liebt es, sich auf Dinge einzulassen, von denen er noch nicht weiß, wie sie funktionieren. »Ich hab alles beim Machen gelernt«, sagt er. »Wenn du mit etwas kämpfst, bist du besser.«  Winkelmann begann, Fernsehkrimis zu drehen. Auch das lief erfolgreich. Zu erfolgreich. »Als ich für meinen dritten Thriller – »Der letzte Kurier« – fünf Grimme-Preise bekommen habe, hab ich mir gedacht, ich kann das jetzt. Dann mach ich mal was anderes.« Kurze Pause. »Außerdem hab ich auch ein bisschen Angst gehabt, ob der nächste Film noch mal so gut wird.«

Winkelmann hat jede Menge Humor und Selbstironie. Manchmal führt das dazu, dass Leute nicht mitkriegen, dass es sich hier um einen ernsthaften Künstler handelt. Da fragt ihn zum Beispiel der Vorstand eines Dortmunder Unternehmens, ob nicht mal der Chef zum Jubiläum in den fliegenden Bildern auf dem U gezeigt werden könnte. Kann er natürlich nicht. Aber normale Leute filmt Winkelmann gern.

In Hallenberg wurde er geboren, dort wo das Sauerland am katholischsten ist. Doch mit drei Jahren zogen seine Eltern – der Vater Speditionskaufmann, die Mutter Sekretärin – nach Dortmund. Adolf war der erste in seiner Familie, der Abitur machte. Aber die Eltern hatten sich nicht vorgestellt, dass der Junge Künstler würde. Er ist nach Kassel abgehauen, um dort Kunst zu studieren. Und dann nach Dortmund zurückgekommen. 

»Ich will Bilder haben, bei denen die Leute stehen bleiben und Boah sagen.«

Adolf Winkelmann

Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 gab es dann die Idee der »fliegenden Bilder«, Kurzfilme und Clips, die jeden Tag 18 Stunden rund um das Dach der ehemaligen Brauerei laufen. »Das ist wie meine persönliche Bühne«, sagt Winkelmann. »Ich kann mir jeden Morgen ausdenken, was ich spielen möchte, was in der Stadt los ist, wie ich mit den Leuten über die Bilder kommunizieren kann.« Das tut er nun seit 17 Jahren, Ende offen. »Früher haben die Leute gedacht, das wird eine Installation zur Kulturhauptstadt, und nach einem halben Jahr ist es wieder weg. Von wegen. Ich glaube, es ist nie auserzählt, Filme vollständig ohne Text zu machen. Ich will Bilder haben, bei denen die Leute stehen bleiben und Boah sagen.«

Vor kurzem war Winkelmann unterwegs, um mit seiner Tochter Wale für das Dortmunder U zu filmen. Ein abenteuerliches Unternehmen auf schwankenden Booten. »Ich hab mit dem Handy gefilmt, weil die Bilder mit einer großen Kamera vom schwankenden Boot zu unscharf werden«, erzählt Winkelmann und kommt wieder in Fahrt. Er spricht über Brennweiten und Auflösungen, über etwas, das Handykameras eingebaut haben, um Wackler zu minimieren. Er merkt, dass ich nicht mehr mitkomme und grinst: »Musste ja nicht alles schreiben. Aber die Leute mit den dicken teuren Kameras haben viel schlechtere Bilder gemacht als ich mit dem Handy.«

Seine große Ausstellung kommt später

Eigentlich sollte es eine große Ausstellung zu Adolf Winkelmanns 80. Geburtstag geben, im großen Ausstellungsraum des Dortmunder U auf der sechsten Etage. Aber irgendwie haben die Organisator*innen die Planung verbaselt und den Raum verplant. »Naja«, knurrt der Jubilar, »ich glaube, die halten mich ohnehin eher für den Schaufensterdekorateur des Dortmunder U.« Für die Kunstausstellung über Müll, die jetzt läuft, soll er natürlich passende fliegende Bilder liefern. Tut er auch, er ist ja nicht so. Dann kommt die Ausstellung halt zum 81. Geburtstag. Und wird natürlich kein Rückblick auf das Lebenswerk, sondern eine große Filminstallation. 

Die Idee lautet: Das Publikum betritt den Raum und weiß erst einmal gar nicht, wo die Geschichte anfängt. »Der Zuschauer muss sich den Film erwandern«, erklärt Winkelmann. »Vielleicht erlebt er es auch als eine Art Geisterbahn. Ich möchte einen Schritt weitergehen, weg von den normalen Rezeptionsgewohnheiten des Kinos. Ich will ausprobieren, wie man eine Filmgeschichte nicht chronologisch erzählt, sondern in einen Raum setzt. Überall sind bewegte Bilder, du tauchst in eine ganz fremde Welt ein.«

Grundlage sind viele Kurzfilme, die Winkelmann mit vielen bekannten Schauspielerinnen wie Caroline Peters und Lina Beckmann für die Projektionen an der Rolltreppe des Dortmunder U gedreht hat. »Das meiste Material ist noch gar nicht gezeigt worden.« Man spürt in jedem Moment, dass Winkelmann für seine Arbeit lebt. Die Frage, ob er mal aufhören will, stellt sich gar nicht. Er beantwortet sie selbst: »Wenn ich das mal nicht mehr mache, bin ich tot.«

ADOLF WINKELMANN BEGLEITET MIT SEINEN FLIEGENDEN BILDERN AM DORTMUNDER U DIE AUSSTELLUNG »MÜLL. EINE AUSSTELLUNG ÜBER DIE GLOBALEN WEGE DES ABFALLS« DES MUSEUM OSTWALL (BIS 26. JULI).

AM 12. APRIL WIRD DER FILMEMACHER IM RAHMEN EINER MATINEE IM DORTMUNDER U GEEHRT.

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