Text: Nicole Strecker
Anfang-Abbruch, Anfang-Abbruch. Seit 30 Minuten wartet Noé Soulier auf das verabredete Interview, aber die Technik spielt nicht mit. Das Festnetz-Telefon gibt keinen Laut mehr von sich, die Handyleitung knispelt und rauscht. Gerade erzählt Soulier, dass er mit fünf Jahren ein Merce-Cunningham-Stück gesehen habe und die frühkindliche Kunstüberforderung ihn bis heute prägen würde (»unvergessliche Bilder!«), da klingt es durch den Äther, als brause ein Schneesturm über die französische Stadt Pantin, wo Soulier Residenz-Choreograf am Centre National de la danse ist. Also Skype! Nach zig Anläufen, in denen Soulier seinen Computer rauf- und runterfährt und sein Programm resettet – ist er da!
k.west: Sie haben neben Ihrer Tanzausbildung erst am Pariser Konservatorium, dann im Brüsseler P.A.R.T.S. auch Philosophie studiert?
Soulier: Ich beschäftige mich in meinen Stücken immer wieder mit der Frage, wie Theorie und Sprache unsere Handlungen beeinflussen und in welchem Hierarchieverhältnis Theorie und Praxis, Sprache und Bewegung zueinander stehen. Theorie ist ein Machtinstrument, sie stiftet Sinn in den Erscheinungen, deshalb hat sie auch eine starke emotionale Kraft.
k.west: Welche philosophische Richtung interessiert Sie speziell?
Soulier: Die Sprachphilosophie von Jonathan Searl, Donald Dawidson oder Ludwig Wittgenstein.
Stille.
k.west: Hallo?
Totenstille. Als habe der Name Wittgenstein und sein Diktum vom Besser-Schweigen den Computer zu babyblau kolorierter Stummheit verurteilt.
Anfang-Abbruch. Soulier bringt das nicht aus der Ruhe. Für jede Antwort holt er sendungsbewusst aus. Denn: Anfänge sind seine Spezialität, mit einer Serie von Tanz-Starts beginnt seine Karriere. 2009 entführt er sein Publikum in ein »Kingdom of Shades«, so der Titel seiner ersten Produktion nach einem berühmten Akt aus dem Ballett »La Bayadere«. Durch Souliers aristokratisches Schattenreich spuken nicht nur Tempeltänzerinnen, sondern auch diverse andere Stars des Handlungsballetts: die Pseudopuppe Coppélia, die herzkranke Giselle, ein verwirrter Don Quijote. Jeder Figur widmet Soulier eine Mini-Tanzsequenz, doch dann konzentriert er sich ausschließlich auf die sogenannten »Préparations«, also jene Bewegungen, die die klassiktypischen Pirouettenwirbel und aufregenden Sprünge vorbereiten: die Kniebeuge vor einem Absprung, die ausholenden Arme vor einer Drehung. Er reiht diese Anfänge zu einer Choreografie aneinander. Voilà: ein wunderbar ironischer »Ballett-Interruptus«.
Noé Soulier verkörpert derzeit so ziemlich alles, was die Szene begehrt. Jung, schön, gute Tanztechnik und blitzgescheit – gerade schreibt der 28-jährige Shoot-ingstar sein erstes Buch zur Definition von Bewegung. Er inszeniert die heitere Fusion von Danse d’école und Konzepttanz. Schon im Klang seines Namens liegt ein Schmelz, wie ihn kein Produktentwickler besser hinbekommen könnte.
In seinen folgenden Stücken verwirrt er erst die erzählerischen Eindeutigkeiten der Ballett-Pantomime, dann William Forsythes berühmten Versuch, die eigene Tanztechnik zu analysieren – ein ziemlich dreister Metakommentar zum Thema »Bedeutung und Lesbarkeit von Tanz«.
Die Liste der Koproduzenten für sein neues Stück ist lang, Lyon, Brüssel, Wien. PACT Zollverein bekam den Zuschlag für die Uraufführung: »Removing« mit dem Doppelsinn von wegnehmen und wieder bewegen. Diesmal sind es Elemente aus der Kampfkunst Jiu Jitsu und Alltagsbewegungen wie schlagen, ausweichen, werfen, von denen Soulier und seine fünf Tänzer nur die Vorbereitung zeigen möchten. »Es ist wie ein wiederholtes Einatmen, ohne Ausatmung«, sagt Soulier: »Das Publikum spürt, dass die Bewegung zielgerichtet ist, kann die Absicht aber nicht erkennen. Wenn man nicht weiß, wozu diese Bewegung ist, nimmt man viel bewusster wahr, wie die Bewegung ausgeführt wird.«
8. und 9. Oktober 2015; PACT Zollverein, Essen.



