Die Band Giant Rooks aus Hamm präsentiert ihr neues Album in NRW – ehe es danach auf Tour durch die USA geht.
kultur.west: Welche Idee hattet ihr für die Gestaltung des neuen Albums »If Heaven Exists, This Might Be It«? Beim Coverfoto ist man nicht ganz sicher, ob die Band auf dem Boden liegt oder durch’s All schwebt?
FINN SCHWIETERS: Kulturhistorisch ist das, was der Himmel ist, ja immer oben. Irgendwo habe ich aber gelesen, dass es sich für Astronauten ganz anders darstellt. Sie gucken nach unten und können sagen: Da unten ist der Himmel. Diese Perspektivauflösung hat uns gefallen. Wir haben dann überlegt: Was ist für uns die irdische Interpretation dieses Titels? Wir leben in sehr turbulenten Zeiten, die vielen Menschen Angst machen, die bedrohlich wirken. Angefangen mit der Klimakrise hin zu den Entwicklungen bei KI, dem Erstarken autoritärer Regierungen. Wir haben uns die Frage gestellt: Welches Signal wollen wir in die Welt senden? Es ist doch immer noch so, dass es ganz viele Gründe gibt, die dem Leben Bedeutung geben, die Hoffnung spenden. Aber auch für uns ganz persönlich die Möglichkeit, dass wir in dieser Band spielen können, auf der ganzen Welt unsere Konzerte geben. Das ist alles so unfassbar schön und man neigt als Mensch dazu, diese ganzen Dinge in einer Negativität zu übersehen. Das Cover sollte also genau ein bisschen nach Weltraum, aber auch sehr irdisch aussehen: Wir liegen auf so einer Drehscheibe auf dem Spielplatz. So entstehen auch die Sparks, die ein bisschen nach Weltraum aussehen.
kultur.west: Der Himmel liegt also direkt vor uns?
SCHWIETERS: Der Albumtitel ist eine Erinnerung für uns alle, die Augen weit offen zu halten und das Schöne im Alltag zu sehen. Das kann ja alles sein: Eine Beziehung. Freundschaft. Eine Begegnung, von der man überrascht wird. Das Konzert, auf dem man war.
kultur.west: Das Cover erinnert auch ein bisschen an das Debütalbum »Rookery«, auf dem es aussieht als würdet die Band aus dem Himmel fallen. Ist das beabsichtigt?
LUCA GÖTTNER: Das ist ein sehr cooler Zufall. Man war damals noch so der junge, fallende Mensch, der gerade das erste Album herausgebracht hat, und jetzt geht man gefestigt durchs Leben.
kultur.west: Fühlt ihr euch tatsächlich so gefestigt?
SCHWIETERS: Persönlich ein Stückweit ja… aber ich würde vor allem sagen, dass wir uns als Band sehr gefunden haben. Wir sind klarer in dem, was wir sein wollen und was nicht. Da waren wir am Anfang unserer Karriere noch deutlich mehr auf der Suche. Jetzt sind wir, glaube ich, weniger anfällig für Meinungen von außen.
GÖTTNER: Wir sind selbstbewusster geworden. Das zeigt sich auch beim neuen Album. Im ganzen Prozess sind wir voll bei uns geblieben, haben gemacht, was wir fünf wollen, wofür wir stehen.
kultur.west: In den letzten Jahren habt ihr die Pop-Welt im Sturm erobert. Welche Rolle spielt es noch, dass ihr aus Hamm im Ruhrgebiet stammt?
GÖTTNER: Das Ruhrgebiet ist ein großer Teil in unserem Leben, immer gewesen und ist es immer noch. Wir verbinden mit Hamm sehr, sehr viel – mit den Menschen, mit der Kultur dahinter. Wir kommen immer sehr gern zurück, lieben es dort einfach. Die Ruhrpott-Mentalität, die ist bei uns drin, und es ist immer schön, mal auf Menschen zu treffen, die genauso ticken.
kultur.west: Man sagt über die Menschen aus dem Ruhrgebiet, dass sie bodenständiger sind, ehrlicher, direkter, sie schauen vielleicht ein bisschen anders auf die Welt. Findet ihr euch in diesen Zuschreibungen wieder?
SCHWIETERS: Die Zuschreibungen klingen erstmal sehr sympathisch, also auf jeden Fall ja (lacht).
GÖTTNER: Ich finde uns darin aber tatsächlich wieder. Man merkt das in der Dynamik zwischen uns fünf. Wenn man mit Freunden aus Berlin spricht, die merken das glaube ich, dass wir aus Hamm kommen – allein schon am Dialekt.
kultur.west: Neigt ihr bandintern also auch nicht zu den ganz großen Dramen?
SCHWIETERS: Tatsächlich irgendwie nicht. Unser Umgang miteinander ist relativ undramatisch. Wir sind sehr demokratisch organisiert – was aber nicht heißt, dass nicht jeder auch eine klare Rolle in diesem Gefüge hat. Es ist schon so, dass wir über die Jahre gemerkt haben, welcher Bereich uns am besten liegt. Unser Beruf ist extrem divers und hat so viele unterschiedliche Facetten. Das fängt an bei eher technischen Sachen wie »Wie gestaltet man Aufnahmen?« bis hin zu Harmonielehre und Songtexten oder den Fragen, wie eigentlich ein Bühnenbild aussieht. Da haben wir uns alle ein Stückweit professionalisiert und tragen es den anderen dann vor. Luca hat zum Beispiel gerade viel Zeit damit verbracht, mit einem Gestalter den Merch zu designen für unsere kommende Tour. Er pitcht uns die Ideen. Am Ende entscheiden zwar alle, aber es gibt immer einen, der die Verantwortung im Wesentlichen trägt.
kultur.west: Wie würdet ihr beschreiben, wofür ihr steht?
SCHWIETERS: Ich glaube, was unsere Songs auf eine Art verbindet: dass wir uns selten wiederholen. Es ist sehr divers, wir probieren immer viel aus, einen Genre-Mashup. Was sich aber durchzieht sind Dinge, die für unsere Musik essentiell sind: Freds Stimme oder die Art, wie Luca Bass spielt oder wie wir die Texte schreiben. Das neue Album ist vielleicht so divers wie kein Giant-Rooks-Album davor. Ich würde behaupten, es gibt den wütendsten und lautesten Song darauf und gleichzeitig aber auch den sanftesten und ruhigsten. Die Extreme sind vielleicht nochmal stärker geworden. Das war aber ein gezielter Prozess: Wir wollten bei allem, was wir machen, die Essenz noch ein bisschen mehr herauskitzeln. Wenn der Song schnell ist, dann lass ihn uns vielleicht noch ein bisschen schneller machen. Und wie leise kann der leise Song sein?
kultur.west: Erstaunlich ist der Song »The Waves«. Er wirkt sehr besonders, atmosphärisch, treibt auf einen Höhepunkt zu, der schnell wieder vorbei ist.
GÖTTNER: Er ist sehr atmosphärisch, sehr elektronisch. Der Synthesizer-Ton, der am Anfang alleine steht, zieht sich durch den Song durch, der sich ein bisschen wie ein Techno-Mantra anfühlt. Das fanden wir spannend.
SCHWIETERS: Der Song konnte nur entstehen, weil wir gesagt haben: Wir schreiben jetzt einfach Musik und zeigen es niemandem, machen einfach, worauf wir gerade Lust haben, ohne zu überlegen: Ist das eigentlich ein Giant-Rooks-Song? Wir waren uns am Anfang nicht sicher, ob es einer ist. Es ist aber schön zu sehen, dass wir uns diese Freiheit jetzt nehmen können, und die Fans bei Konzerten auch mitgehen.
kultur.west: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der französischen Sängerin Solann?
SCHWIETERS: Wir haben uns für diesen Song französische Gesangslinien gewünscht. Fred war Anfang des Jahres in Paris im Urlaub und dort auf einem Konzert von Patrick Watson – da ist Solann als Gast aufgetreten. Er hat sie hinterher angeschrieben und für die Show gelobt – und sie antwortete umgehend: »Wie witzig, dass du schreibst. Ich bin schon lange großer Giant-Rooks-Fan!« Da war also klar: Wir müssen etwas zusammen machen. Sie war sofort dabei, als sie den Song gehört hat, hat ihre Strophe selbst geschrieben, aufgenommen, und es hat uns sofort weggeblasen. Ich erinnere mich noch, wie ich auf einer nächtlichen Busfahrt nur ihre Gesangsspur ohne Musik gehört und so eine krasse Gänsehaut bekommen habe.
GÖTTNER: Sie ist eine ganz besondere, krasse Künstlerin und auch in ihrem Wesen eine ganz tolle Person. Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit ihr abzuhängen.
kultur.west: Wenn man sich einen frühen Song anhört wie »New Estate«, so fragt man sich: Wie habt ihr das geschafft, als ehemalige Schüler aus Hamm gleich groß und international zu klingen, nach Coldplay oder Kings of Leon?
SCHWIETERS: »New Estate« war made in Köln, die erste Zusammenarbeit mit unserem langjährigen Produzenten Jochen Naaf.
GÖTTNER: Wir haben uns in Hamm auch deswegen gefunden, weil wir da gefühlt die einzigen Menschen waren, die dieselbe Musik gehört haben – Kings of Leon, Balthazar oder James Blake. Das war ein schöner Zufall, dass genau wir fünf diese verschiedenen Musiken in einer Musik reproduzieren wollten. Ich würde auch sagen, wir sind sehr perfektionistisch veranlagt, von Anfang an. Wir feilen krass an unserem Sound.
SCHWIETERS: Wir haben das erste Jahr auf keiner Bühne gestanden, uns jeden Tag im Proberaum getroffen, um Musik zu machen, es nach und nach zu lernen. Und dann gehört noch viel Glück dazu, dass dann jemand wie Jochen sagt: »Ich produziere eure erste EP.«
kultur.west: Warum seid ihr irgendwann kollektiv nach Berlin gezogen?
SCHWIETERS: Wir haben in unterschiedlichen Jahren Abitur gemacht und aufeinander gewartet, um dann in die große, weite Welt zu ziehen. Gleichzeitig kannten wir in Berlin aber auch schon viele Menschen aus der Musikbranche, in der wir schon Fuß gefasst hatten. Unser Management, Verlag, Label und Booking-Agentur saßen da.
GÖTTNER: Es ist eine sehr inspirierende Stadt, sehr international. Man trifft Menschen aus der ganzen Welt. Das hilft nicht nur in der Musik, sondern auch in der eigenen Persönlichkeit. Natürlich kann das manchmal auch überfordernd sein, weil es einfach so groß ist und so viel von allem da ist.
SCHWIETERS: Es ist eine der freiesten Städte der Welt. Die Menschen können so sein, wie sie sein wollen. Es gibt relative wenig Judgement, das genieße ich sehr. Aber klar: Manchmal ist es überfordernd und trubelig. Wenn vor deiner Lieblingsbar eine Schlange ist… oder man sich einfach nur einen Döner holen will und da steht schon eine Schulklasse an, die einen Ausflug nach Berlin macht.
kultur.west: Einige von euch sind schon 30, andere gehen darauf zu. Verändert das etwas?
SCHWIETERS: Ich hätte es vorher nicht gedacht, aber tatsächlich ja. Man fragt sich plötzlich: Was habe ich in der ersten Hälfte meines Erwachsenenlebens eigentlich gemacht? Die Frage war vorher nicht da. Da hat man einfach von Jahr zu Jahr gelebt. Jetzt ist man so selbstreflektiv unterwegs: Wie habe ich meine Zeit verbracht? Habe ich meinen Wertekompass richtig eingestellt, meine Zeit mit den richtigen Dingen verbracht?
Der Sänger Frederik Rabe und Gitarrist Finn Schwieters haben schon als Kinder zusammen Musik gemacht. Während der Schulzeit in Hamm fanden sie drei weitere Gleichgesinnte wie den Bassisten Luca Göttner und gründeten 2014 die Band Giant Rooks. 2015 erschien ihre erste EP. Mit der zweiten »New Estate« gelang ihnen 2017 der Durchbruch und sie spielten erste Shows als Headliner. »If Heaven Exists, This Might Be It« ist bereits ihr drittes Studioalbum.
10. OKTOBER, MITSUBISHI ELECTRIC HALLE, DÜSSELDORF
15. OKTOBER, HALLE MÜNSTERLAND, MÜNSTER
AB NOVEMBER SPIELEN DIE GIANT ROOKS IN KANADA, DEN USA
UND SÜDAMERIKA.






