Wer erhält den Zuschlag für das deutsche Yad Vashem Education Center? Drei Bundesländer, darunter NRW, bewerben sich um die Ansiedlung der pädagogischen Außenstelle. Mit ihr will das Jerusalemer Holocaust-Gedächtniszentrum hierzulande Flagge zeigen.
Als das israelische Parlament 1953 beschloss, das Holocaust-Gedächtniszentrum Yad Vashem in Jerusalem zu eröffnen, waren damit vier zentrale Anliegen verbunden. Vordringlich das Gedenken an den nationalsozialistischen Völkermord, dem sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Das entstand das Holocaust History Museum, dem zentralen Ort innerhalb des weitläufigen Campus auf dem Har Hazikaron, dem Berg des Gedenkens in Jerusalem. Ebenso unverzichtbar sind Dokumentation und Erforschung des Holocaust. Und schließlich spielt der erzieherische Aspekt eine wesentliche Rolle – dies scheint umso dringlicher in einer Zeit, da der Antisemitismus in Europa wieder salonfähig geworden zu sein scheint.
Die Internationale Schule für Holocaust-Studien, Teil der weitverzweigten Aktivitäten von Yad Vashem, bietet Programme in über 20 Sprachen an. In den letzten 40 Jahren wurden hier nicht zuletzt Tausende deutsche Pädagog*innen fortgebildet. Den Opfern ihre Individualität zurückzugeben und die Geschichte aus der jüdischen Perspektive zu erzählen, das steht im Zentrum dieser Erziehungs- und Bildungsangebote.
Bislang fanden sie vor Ort in Jerusalem statt – und per Online-Kurs im Internet. Mit dem Yad Vashem Education Center, das in Deutschland geplant ist, soll nun erstmals ein Bildungszentrum außerhalb Israels etabliert werden. Es richtet sich in besonderer Weise an Lehrkräfte. Der Impuls zu dieser pädagogischen Außenstelle geht zurück auf das Jahr 2023. Den Stein ins Rollen brachte ein Treffen zwischen Dani Dayan, dem Yad-Vashem-Vorsitzenden, und dem damaligen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. »Die Gedenkstätte für die Opfer will ins Land der Täter kommen«, titelte damals plakativ die Bild-Zeitung.
Das Bildungszentrum, das, dem föderalen Gedanken folgend, nicht in Berlin, sondern in einem der Bundesländer seinen Sitz nehmen soll, erfährt maßgebliche Unterstützung durch die Bundesregierung. Es ergänzt die rund 300 deutschen Gedenk- und Dokumentationsstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es – von Bonn bis Wuppertal – circa 30 solcher Memorialorte.
In welchem Bundesland das Yad Vashem Education Center angesiedelt wird, welche Stadt nach dem Länderentscheid den Zuschlag erhält, darüber soll eine Machbarkeitsstudie Aufschluss geben. Vorerst hat Dani Dayan drei Bundesländer – Bayern, Sachsen und NRW – in die engere Wahl genommen. Eine Entscheidung will Yad Vashem noch in der ersten Jahreshälfte verkünden.
An Rhein und Ruhr stehen Düsseldorf, Köln, Essen und Dortmund auf der Liste der Aspiranten. Ende vergangenen Jahres war eine Delegation von Yad Vashem auf Deutschlandtour, um zu prüfen, wie es bei den Bewerbungen um die Vergabekriterien bestellt ist – darunter die Zugänglichkeit des in Aussicht genommenen Gebäudes oder Neubaus, das Potenzial für Partnerschaften vor Ort und die jeweilige Gedenkstätten-Topographie.
Düsseldorf ist die Heimat der drittgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland und lockt bereits mit einem konkreten Standort: Eine städtische Immobilie an der Münsterstraße, ehemals bespielt vom Jungen Schauspiel, käme in Betracht, erklärte Oberbürgermeister Stephan Keller bei der Stippvisite der Delegation aus Jerusalem. Die derzeitige Nutzung als Probenraum des Düsseldorfer Schauspielhauses soll Mitte des Jahres auslaufen. Anschließend stünde das im Stadtteil Mörsenbroich gelegene Gebäude als Domizil des Yad Vashem Education Center zur Verfügung. Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, wünscht sich jedenfalls, dass das Zentrum in der Landeshauptstadt vor Anker geht. Die cityferne Lage sieht er nicht als Handicap: »Es kann durchaus eine eigene Dynamik entwickeln, dass man zu dieser Bildungsstätte bewusst hinfahren muss.«





