Bei der Szeniale im KreativQuartier Ückendorf in Gelsenkirchen sind freie Künstler*innen eingeladen, Straßen, Plätze, Hinterhöfe, Ateliers und öffentliche Gebäude zu bespielen. Eine von ihnen ist Sara Hasenbrink – Puppen- und Objektspielerin aus Bochum. Zwei ihrer feinsinnigen Produktionen sind am 28. und 29. August auch in Schmallenberg zu sehen. Ein Porträt.
Sara Hasenbrink hat in die denkmalgeschützte Villa an der Hattinger Straße in Bochum eingeladen, in den ehemaligen Weitmarer Wasserspeicher, in dem heute das Deutsche Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst sein Zuhause hat. Hier hat sie einen Arbeitsraum angemietet, den sie als Atelier nutzen will. Noch ist der helle Raum mit den hohen Fenstern und dem knarzenden Holzboden leer. Einen Stuhl hat sie schon mal mitgebracht – einen selbstgebauten, versteht sich. Den hatte sie mit raumlaborberlin für das Festivalzentrum der Ruhrtriennale 2018 bis 2020 entworfen, ein Prototyp, der es damals dann doch nicht in die zerlegte Transall-Maschine auf den Vorplatz der Bochumer Jahrhunderthalle schaffte. Einen massiven Holztisch hat sie auch schon hergebracht. Und ein paar Koffer, in denen sie ihre Figuren und Materialien für ihre verschiedenen Produktionen immer beisammen hat.
Mobilität ist für die Puppen- und Objektspielerin essenziell, in mehrfacher Hinsicht. Sara Hasenbrink spielt auf Theaterbühnen städtischer Häuser – wie etwa im Bochumer Schauspielhaus oder im Schauspiel Wuppertal. Vor allem aber ist sie unterwegs – auf Straßen, Plätzen, in Schrebergärten und kleineren Kulturräumen. Beweglich und spontan ist sie aber auch stets in ihrem Spiel. Jeder Gegenstand, der ihr begegnet, kann lebendig werden, mit uns sprechen, seine Ängste erzählen oder Gefühle zeigen. »Ich finde einen Gegenstand und weiß, dass der mehr hat als nur sein Äußeres. Er will ja auch was«, sagt Hasenbrink. Und dann nimmt sie die kleine Platte Akustikschaumstoff, die eben noch absichtslos im Regal nebenan lag, und verwandelt ihn in »Nobbi« – der atmet laut, ist grimmig und voller Selbstzweifel, bis er sich unter ihren Händen aufbäumt und plötzlich groß und kraftvoll wirkt. »Die Dinge geben die Richtung vor«, erklärt Hasenbrink. Sie haben zum Beispiel eine Nase – wie das geblümte Milchkännchen auf dem Tisch. Sie haben eine Achse und immer einen Bezug zur Schwerkraft. »Sie führen mich.«

Und sie gibt ihnen eine, ja, Seele. Dank ihrer Gestushand wird das Stück Schaumstoff zu »Nobbi, dem grummeligen Akustik-Schlucker«, ein entsorgter roter Weihnachtsstern, der sich drehend auf- und zuklappen lässt, zu einem wundersamen Wesen mit Angst vor Rolltreppen, der sogenannten Rollfressangst. In Sekunden sprudeln solche klug-verspielten Ideen aus ihrem Kopf mit den kurzen Haaren.
Sara Hasenbrink ist 1977 in Dorsten geboren, stammt aus einer Ingenieursfamilie, ist groß geworden zwischen Öl, Bremsreiniger und Stahlblechen in der Werkstatt ihrer Großeltern. Später hat sie Fotografie in Dortmund studiert und danach als Bildillustratorin zum Thema Verhaltenspsychologie gearbeitet. Sie war ein Jahr lang Steuerfrau auf einem Schiff und zehn Jahre mit der Butoh-Tanzgruppe Ten Pen Chii unterwegs. Bis sie merkte, dass sie mehr daran interessiert ist, wie das Publikum auf Objekte reagiert als auf tanzende Körper. Material werde aufgeladen, es brauche immer die starke Beteiligung des Publikums, das seine Gefühle auf die Objekte überträgt. Hasenbrink studierte dann – neben der Erwerbsarbeit – am Bochumer Figurentheaterkolleg (für ein Figurentheater-Studium in Stuttgart oder Berlin sei sie schon zu alt gewesen). Ihr Abschlussstück »König Laurin und sein Rosengarten« spielt sie bis heute.
Die 49-Jährige arbeitet mit Masken und Materialien, mit Puppen von der Handpuppe bis zur Ganzkörperfigur. Sie arbeitet auch mit Papier: Für Anne Mulleners Wuppertaler Inszenierung von »Das Tagebuch der Anne Frank« hat sie ein großes Pop-up-Buch gestaltet, das Kitty – so nennt Anne ihre Tagebuch-Adressatin – als ihr Gegenüber sichtbar werden lässt. Und da beobachten wir mit Anne den blauen Himmel und die Vögel im Wind, während die anderen Darsteller*innen Papierfetzen durch die Luft tanzen lassen. Ein sinnlicher Moment ist das, für den die Figurentheatermacherin mit dem Ensemble viel ausprobiert hat. »Wir haben Papier geknüllt, geknistert, gerissen«, für die Akustikspur in der Inszenierung und immer mit der Hoffnung, dass sich die Schauspielenden infizieren lassen von dieser Poesie, die in den Dingen steckt.
Puppenspieler*innen müssen Raum lassen können für anderes, für die Figuren, Objekte und Materialien. Es sei eigentlich genau das Gegenteil von dem, was Schauspielstudierende lernen. Zur Szeniale in Gelsenkirchen, die in diesem Jahr am 25. und 26. September unter dem Motto »Worauf wollen wir noch warten« stattfindet und 52 Aufführungen an 20 Spielorten im Programm hat, kommt Hasenbrink mit ihrem Ensemble WilderVerband und der Produktion »Das Visionarium – Tischlerei für zukunftsträchtige Ideen«. Die objekt-theatrale Performance lebt von der Improvisation – und von der Beteiligung des Publikums. Auf einem langen Tisch entwickeln sie gemeinsam Visionen des Transhumanen, etwa wie man die Gewalt aus der Welt schaffen könnte oder wie es wäre, grünhäutig zu sein und sich mit der Pflanzenwelt zu verbinden. »Praktiziert wird ein gemeinsames öffentliches Spielen, Zweifeln und Verhandeln«, heißt es in der Ankündigung. Dafür ist natürlich reichlich Material zum Bauen und Kreieren vorhanden. »Die Produktion ist absolut niederschwellig, man kann jederzeit hinzukommen und auch wieder wegtreten«, sagt Hasenbrink. Verhandelt wird dabei nicht weniger als unsere mögliche Zukunft – aber immer mit der großen Freude am Spiel mit den Dingen.
»FURCHTEIS SORGÉ«
28. AUGUST, KULTURKIRCHE GLEIDORF, SCHMALLENBERG
»DAS VISIONARIUM – TISCHLEREI FÜR ZUKUNFTSTRÄCHTIGE IDEEN«
29. AUGUST, DRITTER ORT IM HOLZ UND TOURISTIKZENTRUM, SCHMALLENBERG
26. SEPTEMBER, UMBAULABOR, SZENIALE GELSENKIRCHEN
»DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK«
WIEDERAUFNAHME AM 24. OKTOBER, SCHAUSPIEL WUPPERTAL
»KÖNIG LAURIN UND SEIN ROSENGARTEN«
27. BIS 30. DEZEMBER, 2. UND 3. JANUAR 2027, HAUS DER BEGEGNUNG
BOCHUM






