Der Kunstmarkt, kann man allerorten lesen, durchlebe eine der schwersten Krisen seit der Finanzkrise 2008. Von einem massiven Einbruch der Umsätze ist die Rede. Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und BVDG-Geschäftsführerin Birgit Maria Sturm warnen vor Panikmache.
kultur.west: Herr Jarmuschek, Frau Sturm, der globale Kunstmarkt ist 2024 um 12 Prozent auf 57,5 Milliarden Dollar eingebrochen – der stärkste Rückgang seit der Pandemie. Besonders bemerkenswert: Verkäufe über 10 Millionen Dollar fielen um 39 Prozent, während China um 31 Prozent abstürzte und vom zweiten auf den dritten Platz rutschte. Gleichzeitig stiegen Privatverkäufe um 14 Prozent. Wie beurteilen Sie diese Fragmentierung des Marktes – ist der klassische öffentliche Kunstmarkt mit seinen Auktionen und Messen ein Auslaufmodell?
KRISTIAN JARMUSCHEK: Bei der Frage vermisse ich den Osten, die arabischen Staaten, die bereits kunstmarktrelevant sind oder die es in Zukunft sein werden. Allen voran Katar, wohin die Art Basel Anfang nächstes Jahr mit einer neuen Messe expandiert. Oder Dubai, wo es seit 2007 eine Kunstmesse gibt – aber offenbar noch keine Zahlen oder Recherchen, die in Kunstmarktstudien hätten einfließen können.
BIRGIT MARIA STURM: Das Wort Fragmentierung trifft eher nicht zu. Es findet global eine Verschiebung oder Erweiterung statt, von der wir in der Breite noch nicht so viel mitbekommen haben oder schlicht zu wenig wissen. In Dschidda gab es in diesem Jahr zum zweiten Mal, in Riad 2026 zum dritten Mal eine Biennale zeitgenössischer Kunst. Auch das sind Indikatoren, die zeigen, dass sich dort viel bewegt. Die Kunstwelt ist noch runder geworden, um ein Bonmot der libanesisch-deutschen Galeristin Andrée Sfeir-Semler etwas abzuwandeln. Wir, also der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler, haben ihr übrigens in diesem Jahr mit der Koelnmesse den Art-Cologne-Preis für Kunstvermittlung verliehen: Weil sie eine Brückenbauerin von der Kunst des Westens zur Kunst des Ostens und umgekehrt ist, weil sie uns einen ganzen Kulturraum nahegebracht und in Beirut vor 20 Jahren eine Galerie nach dem Vorbild des white cubes gegründet hat.
JARMUSCHEK: Der klassische Kunstmarkt ist also überhaupt kein Auslaufmodell. Die Kunstmessen sind es nicht, weil es sie nach wie vor gibt. Nicht nur die großen Tanker, sondern auch die kleinen, wendigen Schiffe, die ganz andere Ort kapern. Galerien sind erst recht kein Auslaufmodell – sie sind systemrelevant für den gesamten Kunstbetrieb, analog mit ihren Ausstellungen ebenso wie im digitalen Raum. Jede Aktivität einer Galerie dient dazu, den Künstlerinnen und Künstlern einen Resonanzraum zu verschaffen.

kultur.west: Läuft also alles wie geschmiert?
STURM: Nein, leider nicht. Die problematische wirtschaftliche Situation, von der wir heute tagtäglich hören, schlägt auch auf den Kunstmarkt durch. Vor der Pandemie war die Welt noch deutlich entspannter und es gab eine extreme Niedrigzinsphase – sprich: es war viel Geld unterwegs. Heute haben wir weltweit Multikrisen mit schwelenden und heißen Kriegen, mit Inflation und einer Politik, die nicht zur Stabilisierung beiträgt. Ein Aussteller auf der Art Cologne hat es jüngst auf den Punkt gebracht: Das Geld ist da, aber wenn die Lage negativ ist, wirkt sich das auf die Stimmung und Kauflaune nicht gerade positiv aus.
kultur.west: Die jüngste Galerienstudie des Instituts für Strategieentwicklung, bezogen auf die deutsche Galerienlandschaft, besagt: 29 Prozent der Galerien planen eine Übergabe in den nächsten fünf Jahren, aber nur 17 Prozent haben eine konkrete Nachfolgeregelung. Sie haben kürzlich im Handelsblatt gesagt: »Viele unserer Mitglieder sind bereits über 70 und arbeiten einfach immer weiter.« Wie dramatisch ist diese Nachfolgekrise für traditionsreiche Galeriestandorte wie Köln oder Düsseldorf?
STURM: Galeriearbeit ist sehr generationenspezifisch. Es wachsen ständig junge Künstlerinnen und Künstler nach, und die arbeiten natürlich bevorzugt mit Galerien zusammen, die ihren eigenen Zeitgeist nachempfinden können und ähnlich ticken. Hinzu kommt die enge, persönliche Bindung, die zwischen Galerist und Künstler mitunter seit Jahren und Jahrzehnten besteht. Dieses Beziehungsgefüge ist kaum übertragbar. In NRW konnte man in den letzten Jahren einige gelungene Übergänge beobachten, beispielsweise bei der Galerie Ludorff in Düsseldorf oder der Galerie Löhrl in Mönchengladbach. In beiden Fällen handelt es sich um ›Familienbetriebe‹, wo der Nachfolger über Jahre hinweg in das Unternehmen, das die Eltern aufgebaut haben, hineingewachsen ist. Ganz anders verlief es bei der legendären Düsseldorfer Galerie von Hans Mayer. Nach dessen Tod 2022 wurde die Galerie von seinem Sohn Max zwar weitergeführt, aber er zog in diesem Jahr nach Berlin.
kultur.west: Die Art Cologne ist die älteste Kunstmesse der Welt und ein Aushängeschild für NRW. Gleichzeitig gab es zuletzt Absagen von Galerien, und die Kölner Entdeckermesse Discovery Art Fair, deren nächste Ausgabe im April 2026 stattfindet, positioniert sich als »sinnvolle Ergänzung«. Welche Rolle spielen Kunstmessen für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit von Galerien in Zeiten der Krise – sind sie unverzichtbare Vertriebskanäle oder zunehmend zu teuer für kleinere Unternehmen?JARMUSCHEK: Solange ich denken kann, gab es parallele Events zur Art Cologne, vor allem in Düsseldorf, aber auch in Köln selbst – die Unfair, die Art Fair und neuerdings die Neu Coeln. Andere große Kunstmessen haben ebenfalls sogenannte Satelliten. Das Andocken ist ein gutes Zeichen dafür, dass man am richtigen Ort ist. NRW hat mit zwei etablierten Messen für moderne und zeitgenössische Kunst – in Köln und in Düsseldorf – in jedem Fall ein besonderes Alleinstellungsmerkmal.
kultur.west: Im Frühjahr präsentiert die Art Cologne eine Filialmesse auf Mallorca. Was halten Sie davon?
STURM: Ob der abermalige Weg der Art Cologne nach Mallorca nur ein Ausflug ist oder Zukunft hat, wird sich zeigen. Die Kölner Messe hätte noch mehr an der Cologne Fine Art & Design feilen sollen, anstatt diesen Bereich (fast) gänzlich aufzugeben. Auch die Stadt Köln selbst sollte mehr Initiativen ergreifen, um ihr Profil als Kunststandort zu schärfen.
JARMUSCHEK: Berlin hat soeben mit einem Ideen-Wettbewerb für seinen Kunstmarkt ein Zeichen für die Zukunft gesetzt. Die Stadt hat ihr Ohr direkt in die Galerienszene gehalten und wird 30 Ideen mit einem vier- bis fünfstelligen Preisgeld belohnen. Da kann sich NRW, da können sich Köln und Düsseldorf etwas abschneiden – oder etwas ähnliches ausdenken.
Zu den Personen
Kristian Jarmuschek gründete 2003 die Berliner Galerie Jarmuschek + Partner. Seit 2013 ist er Vorstandsvorsitzender des BVDG. 2014 rief er die Kunstmesse Positions Berlin Art Fair ins Leben. Seit 2023 leitet er zudem als Co-Direktor die Messe art karlsruhe.
Birgit Maria Sturm ist Germanistin, Kunsthistorikerin und seit 2007 BVDG-Geschäftsführerin. In dieser Funktion ist sie maßgeblich für die Konzeption sowie die kulturpolitische Lobbyarbeit des Verbandes verantwortlich.






