Die Buchhändlerin Martina Bergmann hat ein Buch über eine Buchhändlerin geschrieben. Voller Herzenswärme, aber auch Klischees.
Erst hat der Kulturbetrieb seine Malerinnen wiederentdeckt, dann seine Musikerinnen und vielleicht noch Architektinnen. Nun kommt offenbar eine neue Spezies hinzu: die Buchhändlerin der Nachkriegszeit. Überhaupt scheinen Buchlädengeschichten Konjunktur zu haben – mit Bestsellern wie »Der Buchspazierer« (zuletzt auch im Kino) oder Neuerscheinungen, die mal »Der Buchladen am Ende der Welt«, »Ein irischer Buchladen zum Verlieben« oder »Sieben Arten von Menschen, die man im Buchladen trifft« hießen.
Dazu passt das neue Buch von Martina Bergmann: 2020 war ihr Debüt »Mein Leben mit Martha« erschienen. Eine schnörkellose, anrührende autobiografische Geschichte über Wahlverwandtschaften, die zumindest in Teilen in ihrem Buchladen spielte: Als der Lebensgefährte einer ihrer Stammkundinnen in Borgholzhausen (Kreis Gütersloh) starb, war die junge Martina überraschend mit der alten Dame Martha zusammengezogen – erkrankt an Alzheimer.
Bielefeld im Sommer 1965
Das »Martha«-Buch wurde zum Überraschungserfolg. Seitdem hat Martina Bergmann nicht nur einen neuen Buchladen in Rietberg eröffnet, sondern unter anderem launig-sachkundige Kolumnen im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels über ihre Branche herausgebracht. So dürfte es kein Zufall sein, dass ihr zweites Buch nun pünktlich zum 200. Jubiläum des Börsenvereins erscheint, gespickt mit Hintergrundgeschichten zur Historie des Buchmarkts in Deutschland. Zugleich erzählt sie darin von der jungen Amanda, die sich im konservativen Westdeutschland der Nachkriegszeit unbeirrt eine eigene Selbstständigkeit erkämpft, während ihr Umfeld eigentlich an Heirat und Häuslichkeit denkt: »War sie am Ende doch nur eine der vielen jungen Frauen, die heiraten und Kinder kriegten? Etwas schlauer als der Durchschnitt, immerhin, und auch ganz nett. Aber damit Ende der Fahnenstange. Eben Bielefeld im Sommer 1965.«
»Das Fräulein Buchhändlerin« ist, man ahnt es schon, eine Emanzipationsgeschichte, in der viel interessantes Lokalkolorit und auch einiges an Branchenhistorie steckt. Eine Erzählung, in der Martina Bergmann ihre Protagonist*innen mit Herzenswärme, aber leider auch Klischees zeichnet: Da wäre die gutaussehende, kluge Amanda, die sich gegen hässlichen Machismus und fiese Männerdomänen durchsetzen muss. Oder ihre sympathische Nachbarin Henriette, die als alleinerziehende Mutter in Amandas neuem Laden als Auszubildende einsteigen darf – wer währenddessen aber ihre vier Kinder betreut (dazu noch im Kita-Entwicklungsland anno 1965), bleibt offen. Schlussendlich erzählt Martina Bergmann erwartbar von starken Frauen, aber auch von Literaturtrends der 1960er Jahre, von Aufbruchstimmung und Biederkeit. Und einem Buchmarkt, der erste Club-Trends und Wertverfälle überstehen muss. Amanda jedenfalls plant für sich »eine Buchhandlung für die Gegenwart«. Handverlesene Literatur statt Mainstream-Belletristik. Geistige Nahrung gegen Fast-Food-Mentalität. Ein Rezept, das zumindest bis heute schmeckt.

MARTINA BERGMANN: DAS FRÄULEIN BUCHHÄNDLERIN, EISELE VERLAG,
256 SEITEN, 23 EURO
LESUNGEN:
12. SEPTEMBER, BEGEGNUNGSZENTRUM B-VIER, LEOPOLDSHÖHE
16. SEPTEMBER, BUCHHANDLUNG MARGRET HOLOTA, HAMM
9. OKTOBER, HOF LANGRECK, RHEDA-WIEDENBRÜCK
11. OKTOBER, CAMPINGPLATZ AM FURLBACH, SCHLOSS HOLTE-STUKENBROCK
6. NOVEMBER, KATHOLISCHES GEMEINDEHAUS »JAKOBSLEITER«, RIETBERG






