In seiner Sommerausstellung präsentiert das Osthaus Museum Hagen einen Querschnitt der Grafischen Sammlung. »Von Kollwitz bis Richter« ist mehr als eine Aneinanderreihung großer Namen. Rekapituliert wird die vorausschauende Strategie des Museumsgründers Karl Ernst Osthaus.
Dass die Grafik in Hagen überhaupt einen so hohen Stellenwert genießt, verdankt sich dem ganzheitlichen Kunstverständnis des Sohns einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Als Osthaus (1874-1921) 1902 in der westfälischen Industriestadt das Folkwang-Museum eröffnete, war die Druckgrafik für ihn kein nachrangiges, bloß dekoratives Beiwerk. Vielmehr erwarb er Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken systematisch und gleichberechtigt zur Malerei.
Allerdings erlitt diese Sammlung herbe Verluste. Die ursprüngliche Folkwang-Kollektion wurde nach dem frühen Tod von Osthaus im Jahr 1922 an die Stadt Essen verkauft. Was in Hagen im Nachfolgemuseum verblieb oder in den Jahren darauf erworben wurde, fiel 1937 fast vollständig der nationalsozialistischen Beschlagnahmeaktion »Entartete Kunst« zum Opfer. Die Zeit nach 1945 glich für das Haus einer »Stunde Null«. Erst durch den couragierten Einsatz der Nachkriegsdirektorin Herta Hesse-Frielinghaus und durch bürgerliches Engagement konnte die Lücke im Laufe der Jahrzehnte allmählich wieder geschlossen werden.
Chronologischer Parcours
Museumsdirektor Rainer Stamm bringt die Motivation hinter der aktuellen Schau im Vorwort des begleitenden Katalogs auf den Punkt: »Mehr als 80 Jahre nach Neugründung des Osthaus Museums war es an der Zeit, die Bestände seiner Grafischen Sammlung neu zu sichten.« Neben bekannten Hauptwerken sei es vor allem darum gegangen, »mit frischem Blick auf Entdeckungsreise und Schatzsuche zu gehen, vergessene Schätze zu heben und wieder ans Tageslicht zu bringen«.
Die Ausstellung entfaltet einen chronologischen Parcours durch diese bewegte Sammlungsgeschichte. Den Auftakt machen jene wenigen frühen Erwerbungen aus dem Umfeld des Post-Impressionismus und der Stilwende um 1900, die in Hagen verblieben sind. Darunter finden sich Arbeiten von Edvard Munch, Henri Matisse und Wassily Kandinsky. Im Zentrum der Präsentation stehen der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit, die in den Nachkriegsjahrzehnten gezielt wieder zusammengetragen wurden. Hier leuchten eindringliche Werke von Käthe Kollwitz und Ernst Ludwig Kirchner auf. Schonungslose Gesellschaftsstudien von Otto Dix, George Grosz und Max Beckmann demonstrieren zudem die sezierende Schärfe der 1920er Jahre.
Der Rundgang mündet schließlich in der internationalen Nachkriegsavantgarde. Aus der Not eines schmalen städtischen Ankaufsetats heraus konzentrierte sich Hesse-Frielinghaus früh auf Grafikeditionen, die deutlich erschwinglicher waren als Gemälde. Dank dieser Strategie wurde die Hagener Sammlung durch Lithografien von Pablo Picasso, Joan Miró und Marc Chagall bereichert, nicht zu vergessen Arbeiten der Pop-Art-Ikonen Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Auch frühe, heute hochgehandelte Siebdrucke von Gerhard Richter aus den späten 1960er Jahren haben so ihren Weg ins Museum gefunden.
»VON KOLLWITZ BIS RICHTER. SCHÄTZE AUF PAPIER
AUS DEM OSTHAUS MUSEUM«
OSTHAUS MUSEUM, HAGEN
11. JULI BIS 11. OKTOBER






