Marie Jacquot übernimmt als Chefdirigentin das WDR Sinfonieorchester.
Jugend an die Spitze – dieses Motto verfolgen gerade viele Orchester in NRW. Seit diesem Sommer ist der 25- jährige Aurel Dawidiuk Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker. Patrick Hahn hat gerade seine Zeit in Wuppertal beendet – und ist immer noch erst 31. Und beim WDR Sinfonieorchester startet im September eine neue Chefdirigentin, Marie Jacquot. Jahrgang 1990.
Schwung, Offenheit und Humor – das zeichnet alle drei jugendlichen Orchesterchefs aus. Natürlich müssen sie sich noch Repertoire erarbeiten – doch das hat bei Patrick Hahn in Wuppertal prima funktioniert. Er hat mit viel Frische und Präzision Richard Wagner dirigiert und sich mit ebenso sprudelnder Energie unbekannteren Werken gewidmet. Marie Jacquot ist im Vergleich erfahrener und parallel zum Job in Köln noch einige Jahre Chefdirigentin am Königlichen Opernhaus Kopenhagen.
Ihr Dirigierstudium hat sie in Wien und Weimar absolviert, war drei Jahre Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein, hat schon viele internationale Spitzenorchester geleitet. In ihrer französischen Heimat hat sie bisher vergleichsweise selten gearbeitet. »Die französische Ausbildung ist mir zu sehr auf Wettbewerb ausgerichtet«, erzählt Marie Jacquot. »Es geht darum, der Beste, der Schnellste und der Jüngste zu sein. Mir sind Persönlichkeit und Freundschaften wichtiger. Ich bin keine Einzelkämpferin, sondern eine Teamplayerin.«
Das ist auch der Grund, warum Marie Jacquot ihren ersten Berufswunsch nicht weiter verfolgt hat. Sie galt als Tennistalent, eine Profikarriere schien möglich. Doch das schaffen nur Menschen mit einem ausgeprägten Individualismus. Die Posaune ersetzte den Tennisschläger. Drei Jahre hat Marie Jacquot am Pariser Konservatorium studiert, bevor sie sich für das Dirigieren und für Wien entschieden hat: »Heute kann ich sagen, dass Österreich meine Heimat ist.« Nach Frankreich fährt sie heute einmal im Jahr, auch als Dirigentin. Inzwischen hat sie genug Erfahrung und internationales Renommée, um auch die gegenüber Landsleuten stets besonders kritischen französischen Musiker zu überzeugen.
Marie Jacquots Vertrag in Köln läuft zunächst vier Jahre. Doch sie plant nicht, die Zeit als Karrierebeschleuniger zu nutzen, um danach weiter zu ziehen. »Es ist mein Ziel, wirklich lange in Köln zu bleiben«, versichert die Dirigentin. »Ich glaube auch, dass es gut ist, so eine Chance zu bekommen, wenn man noch jung ist. Klar, manche behaupten, man kann erst mit 50 ein guter Dirigent sein. Aber dafür muss man ja auch irgendwann anfangen.«
Die Dirigentin hat schon viele Orchester und Kulturen kennengelernt und sich ein vielfältiges Repertoire aufgebaut. Nun kann sie es verfeinern. »Ein Stück mehrmals zu dirigieren ist, wie ein Gericht häufiger zu kochen. Jedes Mal wird es besser, ich kann mehr in die Tiefe gehen. Irgendwann kenne ich jede Schattierung, jede Geschmacksnuance.« Marie Jacquot bleibt beim Vergleich mit dem Kochen, wenn sie von der konkreten Arbeit mit verschiedenen Orchestern spricht. »Ich kann versuchen, die gleiche Pasta Carbonara zu machen. Aber das Orchester liefert andere Zutaten. Ich habe natürlich meine genaue Vorstellung, wie die Pasta schmecken oder eine Bruckner-Sinfonie klingen soll. Aber dann kommt der Austausch mit den Musikerinnen und Musikern, und ihre Interpretationen bringen vielleicht eine neue Schärfe, ein neues Gewürz in meine Interpretation. Das liebe ich.«
Doch manchmal braucht eine Dirigentin auch Autorität und Durchsetzungskraft. Marie Jacquot lächelt nachdenklich. »Ich würde es ganz persönlich bevorzugen, keine Verantwortung zu übernehmen und lieber Teil des Orchesters zu sein. Aber vielleicht bin ich gerade deswegen gut darin. Weil ich nicht unbedingt führen und alles allein entscheiden möchte.« Marie Jacquot dirigiert mit einer Mischung aus Eleganz und Präzision. Die Musik scheint durch ihren Körper zu fließen, doch das wirkt niemals wie eine Show für das Publikum. »Wir Dirigenten mimen in gewisser Weise, was wir mit der Musik sagen wollen«, sagt sie. »Es ist immer eine Gratwanderung. Manchmal braucht es klare Signale, manchmal erzählt die Musik alles von selbst, und ich kann mich zurück halten. Ich bin da wie ein Chamäleon.«
Vorliebe für Bruckner
Anton Bruckners siebte Sinfonie hat Marie Jacquot 2025 mit dem WDR Sinfonieorchester dirigiert, noch als Gast am Pult. In ihrer ersten Saison als Chefin folgt die sechste. Daraus lässt sich eine Vorliebe für den tief im katholischen Glauben verwurzelten österreichischen Romantiker herauslesen. »Ich bin in Chartres aufgewachsen«, erzählt die Dirigentin. »Da gibt es diese wunderschöne Kathedrale. Mein Harmonielehrer war dort Organist. Ich komme aus einer katholischen Familie, obwohl der Glauben heute bei mir keine zentrale Rolle spielt.«
Diese Prägungen führen zu den spirituellen und monumentalen Klangwelten Bruckners, der nicht nur ein bedeutender Sinfoniker, sondern auch einer der wichtigsten Komponisten für die Orgel war. Und in dessen Orchesterwerken die Posaunen sehr wichtig sind. Obwohl Marie Jacquot das Instrument heute nicht mehr spielt, gibt es weiter eine starke Verbindung. »Bruckners Musik zeigt uns, dass alles mit allem verbunden ist. Sie zwingt uns, in der Gegenwart zu sein. Vielleicht ist es das, was wir gerade jetzt brauchen. Egal, ob du Muslim oder katholisch bist, es geht um Spiritualität. Musik ist Spiritualität. Menschen sind Spiritualität.«
Auch das Programm von Marie Jacquots Einstandskonzert erzählt von dieser Verbindung aus Romantik und Spiritualität. Alexander Skrjabins Orchesterstück »Le poème de l´extase« beruht auf einem vom Komponisten selbst verfassten Gedicht. »Der Geist, vom Lebensdurst beflügelt, schwingt sich auf zum kühnen Flug«, lautet der Anfang. Chopin, Wagners Vorspiel zum »Lohengrin« und ein Stück der französischen Komponistin Augusta Holmès ergänzen das Konzert und versprechen einen Klangrausch. Ebenso den Beginn einer vielversprechenden Zeit einer faszinierenden neuen Chefdirigentin in Köln. Das Konzert am 18. September in der Kölner Philharmonie wird live gestreamt und auf WDR 3 gesendet.
NÄCHSTE KONZERTE MIT MARIE JACQUOT:
18. SEPTEMBER: ANTRITTSKONZERT, KÖLNER PHILHARMONIE (AUSVERKAUFT)
14. OKTOBER: WDR HAPPY HOUR | KONZERTHAUS DORTMUND
16./17. OKTOBER, KÖLNER PHILHARMONIE






