Diesmal mit dem ehemaligen Obdachlosen und heutigen Bestsellerautor Dominik Bloh, der mehr Gerechtigkeit auf dem Wohnmarkt fordert.
… ist die stärker werdende Ungleichheit in der Stadt. Ich beobachte das in beide Richtungen. Es gibt allein in Hamburg, wo ich wohne, mittlerweile 3000 Menschen, die unter freiem Himmel überleben müssen. Die Wohnkrise ist in der Stadt überall sichtbar. Man sieht die Containerdörfer von Geflüchteten, wo Menschen zum Teil seit 2016 immer noch auf 14 Quadratmetern verweilen und nicht rauskönnen. Ich höre mich um bei Freunden, die sagen, dass sie nicht wissen, wie lange sie ihre Miete noch bezahlen können, weil die Nebenkosten und die Preise für Lebensmittel und Lebenshaltung so hoch geworden sind. Andere mussten bereits aus ihrer Wohnung raus und finden nichts Neues. Viele retten sich über Couchsurfing – ein Freund hat jetzt ein halbes Jahr bei mir auf dem Sofa übernachtet, bis er zum Glück etwas gefunden hat.
Gleichzeitig sehe ich die andere Seite: Ich wohne in Blankenese, was man als Villen-Viertel von Hamburg beschreiben könnte. Da sieht man überschwellenden Reichtum. Ich bin mittlerweile so weit, zu sagen: Die Schere zwischen Arm und Reich ist nicht nur weiter auseinander geklafft, sondern auseinandergebrochen. Der eine Teil liegt mit Schlafsack und Isomatte auf der Straße. Der andere Teil lebt hinter hohen Hecken gut versteckt in großen Häusern.
18 Tote gab es in den vergangenen zwei kalten Wintermonaten allein in Hamburg auf der Straße. Ich frage mich, wo die Empörung ist. Wenn in deutschen Städten Menschen den Tod durch Erfrierung sterben, hört man darüber viel zu wenig. Ich benutze das Schreiben und meine Stimme, um auf die Belange der Menschen ohne Obdach und auf die Wohnkrise aufmerksam zu machen.
»Die Stadt gehört meines Erachtens allen.«
Dominik Bloh
Ich würde mir wünschen, dass jeder mit dem, was er kann, dazu beiträgt, dass sie wieder fairer wird. Was wir bräuchten, wäre ein gesellschaftliche Mehrheit dafür, das Thema Wohnen anzugehen. In München gab es gerade eine große Demo gegen den Mietenwahnsinn. Sich zusammenzuschließen und gemeinsam für eine Wohnwende zu protestieren, ist eine sehr sinnvolle Sache. Das Ich bestimmt das Wir und nur gemeinsam können wir Druck aufbauen. Ich darf mittlerweile auf Länder- und kommunaler Ebene Politik beraten und sehe überall das Gleiche: fehlenden politischen Willen. Um akut zu entlasten, gibt es ja die Mietpreisbremse. Die reicht aber nicht aus. Ein gutes Instrument wäre der Mietendeckel, dass man sagt: In den nächsten Jahren steigen die Mieten nicht. Das könnte erstmal helfen. Mit der letzten Regierung haben wir den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit erarbeitet und auch durch das Kabinett gebracht. Da sind gute Maßnahmen drin: Prävention – etwa die Verhinderung von Zwangsräumungen, wenn ich mal meine Miete nicht zahlen kann. Das ist im letzten Jahr über 30.000 Haushalten passiert. Dann der Punkt, Standards zu erhöhen für Unterkünfte und Einrichtungen, die dann ein wirkliches Sprungbrett für Wohnungslose sein können. Außerdem das Bündnis Sozialer Wohnungsbau – Wohnen muss Sozialgut sein. Es gilt, wieder Gerechtigkeit auf dem Wohnmarkt herzustellen. Ich weiß nicht, was aus diesem Plan geworden ist unter der neuen Regierung.
Das Problem sind nicht nur Superreiche, die sich in München ganze Straßen kaufen wie bei Monopoly. Daneben ist es so, dass die meisten Haushalte in Großstädten Single-Haushalte sind. Viele einzelne Menschen verfügen also über komplette Wohnungen. Noch vor 30 Jahren hat jeder Mensch durchschnittlich auf 20 Quadratmetern gelebt, inzwischen sind es schon 50. Wir brauchen also immer mehr Raum und teilen ihn nicht mehr. Deshalb müssen wir alle gemeinsam überlegen, wie wir in Zukunft wohnen werden. Das wird eine der größten zivilgesellschaftlichen Herausforderungen sein.
Aufgezeichnet von Max Florian Kühlem
Name: Dominik Bloh
Alter: Jahrgang 1988
Beruf: Autor
Wohnort: Hamburg
Dominik Bloh ist Autor und sozialpolitischer Aktivist zum Thema Obdachlosigkeit. In Hamburg, wo er mittlerweile in einer Wohnung wohnt, hat er jahrelang selbst auf der Straße gelebt. Im Bestseller »Unter Palmen aus Stahl« schreibt er darüber und tourt damit nun auch nach NRW.
LESUNGEN:
20. APRIL, KATHOLISCHE FAMILIENBILDUNGSSTÄTTE, BONN
23. MAI, ORANGE BLOSSOM FESTIVAL, BEVERUNGEN
2021 ERSCHIEN DOMINIK BLOHS BESTSELLER »UNTER PALMEN AUS STAHL« (161 SEITEN, ANKERHERZ VERLAG, 8,95 EURO). 2024 »DIE STRAßE IM KOPF« (KAMPENWAND VERLAG, 190 SEITEN, 24,90 EURO)






