Das Osthaus Museum in Hagen hat als weltweit erstes Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst Geschichte geschrieben. Von hier aus ging sein Stifter Karl Ernst Osthaus um 1900 eine einzigartige Verbindung zwischen Kunst und Leben ein. Vor diesem Hintergrund hat Pia Goebel nun eine schöne Ausstellung über das Thema »Zuhause« zusammengebracht, die fragt: Wohnst du noch oder lebst du schon?
Wie wäre es denn jetzt mit einer schönen Tasse Kaffee? Natürlich hat Allan Wexler an eine Kanne zum Aufbrühen gedacht. Das Pulver dafür steht auch schon in einem kleinen Regal bereit, die Tassen, der Wasseranschluss und Herd finden sich daneben. Doch wo genau soll man ihn denn nun trinken, fragt man sich, kaum hat man sich mit der Küchen-Kiste vertraut gemacht: Äußerst platzsparend und vorausschauend (denn Tiny Houses waren damals eigentlich noch kein Thema) hatte der US-amerikanische Künstler 1991 vier Wohnboxen mit allem, was man zum Leben so braucht, ausgestattet. Allein, was fehlt, ist der Platz! Wer in seiner Schlafzimmerbox ausruhen will, muss erst das Mobiliar ausräumen. Oder man platziert sich selbst davor und hat dann kein Dach mehr über dem Kopf. Ähnlich ist es mit der Küchen-Kiste: Sie ist und bleibt ein Ausstellungsort. Wirklich wohnen könnte man hier nicht.
»Zumindest irgendwo schlafen müssen wir alle«, fasst es die Kuratorin Pia Goebel pragmatisch zu Anfang des Ausstellungsrundgangs durch das Hagener Osthaus Museum zusammen. Es klingt zunächst so lapidar einfach, wie sie unser Grundbedürfnis nach einem »Zuhause« beschreibt. Dabei ist es – natürlich – so unendlich kompliziert. All die Fotos, Installationen, Malereien oder Videos, die sie von internationalen Künstler*innen wie Elmgreen & Dragset, Benjamin Appel, Ina Wudtke oder den Ostkreuz-Fotografinnen Anne Schönharting und Sibylle Bergemann zusammengetragen hat, sind schließlich nicht dazu da, um Antworten zu geben. Sondern, um Fragen zu stellen.

Da wäre zum Beispiel der Traum vom Eigenheim, den die Bausparkassen mithilfe eines »Sparfuchses« vor allem in den 1970er und 1980er Jahren erfüllen wollten: Karla Zipfel hat dafür das grinsende Markensymbol mit Jeans und gelbem T-Shirt in eine Installation aus Cartoon-Füchsen verwandelt. Einer davon trägt allerdings gleich mehrere Brillen auf einmal – denn angesichts explodierender Immobilienpreise scheint der Bausparvertrag nur noch bedingt an sein Ziel zu führen. Auch Manaf Halbouni hat sich mit dem Traum vom Eigenheim beschäftigt und pittoreske Stadtvillen (»Broken Dreams«) gemalt – die er sich als Künstler wohl niemals wird selbst leisten können. Auch deshalb hat er sie mit Transportgurten nur sporadisch »gerahmt« und in allglatte, unbestimmte Stadtlandschaften gestellt. So stellt die Ausstellung Fragen auf ihre Weise, zeigt Werke über den Kampf zwischen Mieter*innen und Investoren, über die Sehnsucht nach Behaglichkeit oder die Erkenntnis, nirgendwo recht ankommen zu können – selbst wenn die schönste Wohnung zur Verfügung steht. Immer wieder geht es aber auch um Krisen und Kriege, den Verlust der Heimat.
Verstörend wirken etwa auf einer Fotoserie von Taysir Batniji die Strandhäuser im Gazastreifen, die die Israelis zu Ruinen zerschossen haben: Der palästinensische Künstler hat Fotos von zerstörten Häusern in Hochglanz-Immobilienanzeigen platziert, die nun mit ihren leeren Fensterhöhlen erschütternd-ironisch dem Betrachter entgegenschauen und ihren »unverstellten Meerblick« anpreisen. Tieftraurig wirkt auch das, was Thomas Rentmeister in einem Flüchtlingsheim im sächsischen Elbisbach fand: Auf Hochbetten aus Drahtgestellen platzierte er die wenigen zurückgelassenen Habseligkeiten der Menschen, die hier einst schliefen. Spielzeug oder Kleidung. Fremd zu sein – dieses Gefühl vermitteln auch die Videos, die Anna Jermolaewa von sich selbst am Wiener Westbahnhof gedreht hat: 1989 war sie hier auf ihrer Flucht aus der damaligen UdSSR gestrandet und hatte einige Nächte auf einer Bahnhofs-Bank verbracht. 17 Jahre später hat sie diese Nächte nun nachgestellt: Unruhig dreht und wendet sich die heute längst etablierte Künstlerin auf dem harten Holz hin und her, um eine einigermaßen erträgliche Liegeposition zu finden. Inzwischen eingebaute Armlehnen sorgen dafür, dass hier allerdings niemand gut ausruhen kann.
Pia Goebel hat die Werke – zumindest im Katalog – um die fünf Schlagwörter Traumhaus, das »Nicht-Zuhause«, die Nachbarschaft, den Wohnungsmarkt und das »Innenleben« gruppiert. In der Ausstellung selbst wird die Kunst aber eher assoziativ arrangiert. Dringend empfohlen sei, ein paar Meter weiter einen Blick auch in die historischen Museumsräume zu werfen, die Henry van de Velde für den Gründer Karl Ernst Osthaus ausstattete. Denn das Haus an sich erzählt als Gesamtkunstwerk des Jugendstils viel von dem einstigen Bedürfnis, Kunst und Leben zusammenzubringen. Einen Ort zu schaffen, der Museum und Stadtgesellschaft miteinander verbindet. Dazu passt natürlich ein weiterer Streifzug in den »Hohenhof«, zum einstigen Wohnhaus des Stifters – in sein einstiges Zuhause, das privat sein sollte und öffentlich zugleich.
Wohnst du noch oder lebst du schon? 2007 hatte sich Guy Ben-Ner mit seiner (echten) Familie aufgemacht, um in Spontan-Aktionen (falsche) Ikea-Wohnzimmer in Deutschland, Israel und den USA zu bevölkern. Die Kaffeetassen, die die Familie an ihrem Einrichtungshaus-Küchentisch verwendet, sind natürlich nur geliehen. Was wie ein scheinbarer Werbetrailer für Küchenutensilien beginnt, endet allerdings in einer echten Debatte über Privatbesitz. Und kreist schließlich um die Frage, was uns als Menschen denn eigentlich zusammenhält – die gemeinsamen vier Wände allein sind es wohl nicht. Dazu hat Pia Goebel einige eindrückliche Fotoserien zusammengetragen: Fast schon ikonisch sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Sibylle Bergemann Anfang der 1980er Jahre in Berliner DDR-P2-Plattenbauten machte. Um im immer gleichen Einheitsbrei aus Schrankwand, Wohnzimmertisch, Sesseln und Couch feine Details und den Wunsch nach Individualität einzufangen. Den Grundriss der P2-Plattenbauten hat schließlich Luise Ritter in ein maßstabgetreues Hinkelkästchenspiel übertragen – so kann man in Hagen durch den ostdeutschen Wohntraum von einst hüpfen. Und dabei darüber nachdenken, wie man denn selbst so wohnt. Wie zufrieden wir mit den eigenen vier Wänden sind – oder wie sehr wir uns wohl von den eigenen Nachbarn unterscheiden.
ZUHAUSE / AT HOME. KÜNSTLERISCHE PERSPEKTIVEN AUF WOHNEN, OBDACH
UND UNTERKUNFT
OSTHAUS MUSEUM, HAGEN
28. FEBRUAR BIS 21. JUNI





