Der Theatermacher Gustav Rueb hat das Landestheater Detmold als Regisseur kennengelernt. Seine von Musik getragenen Inszenierungen »Shockheaded Peter« und »Leonce und Lena« verströmen einen anarchischen Geist und zeigen zugleich, das Theater unterhaltsam und kritisch, publikumsorientiert und politisch sein kann. Nun hat er die Schauspieldirektion des Hauses übernommen – was hat er vor?
kultur.west: Herr Rueb, die kommende Spielzeit steht unter dem doppeldeutigen Motto »Gestalten der Vielfalt«.
RUEB: Genau. Dieses Motto verbindet den Vielfaltsgedanken mit der Idee des Gestaltens, in dem Sinne, dass wir Vielfalt mitgestalten wollen. Zugleich verweist es aber auch auf die vielfältigen ›Gestalten‹ des Theaters, die wir natürlich abbilden und zeigen wollen.
kultur.west: Wie stark hat dieses Motto die Auswahl der Stücke geprägt, die Sie auf die Bühne bringen?
RUEB: Es geht auf jeden Fall darum, Diversität abzubilden, also alles, was wir in der Welt um uns herum vorfinden. Dabei interessieren mich aber vor allem Geschichten und nicht allein Identitäten.
kultur.west: Man könnte sagen, Kunst statt Ideologie?
RUEB: In gewisser Weise schon. Ich glaube, es wäre falsch, wenn wir von der Bühne herunter predigen, was die einzig richtige Wahrheit ist. Das Theater ist das Medium, das live und in echt von der unendlichen Vielfalt, aber auch von der Widersprüchlichkeit des Lebens erzählen kann. Und das ist etwas, was wir gesellschaftlich dringend brauchen, dass wir diese Widersprüchlichkeit, die wir gerade ziemlich schlecht aushalten, irgendwie wieder lernen zu akzeptieren. Deswegen bezieht sich der Begriff »Vielfalt« für mich natürlich auf Identitäten, auf die Vielfalt an Menschen, die am Theater arbeiten, die auf der Bühne zu sehen sind, die bei uns als Publikum willkommen sind, aber auch auf die Geschichten und auf die Haltungen, die sozusagen in diesen Geschichten sichtbar werden.
kultur.west: Kann das Theater Haltungen und Verhaltensweisen des Publikums beeinflussen?
RUEB: Ja, daran glaube ich tatsächlich. Ich habe viele antike griechische Stücke inszeniert. In denen wird immer wieder durchgespielt, wie Menschen sich in etwas verrennen. Zugleich führen sie einem vor, dass die anderen Figuren mit ihren Positionen ebenso im Recht sind. Argumente prallen aufeinander und regen das Publikum an, sie gegeneinander abzuwägen.
kultur.west: In dieser Tradition steht auch Ibsens »Volksfeind«, mit dem Sie die Spielzeit eröffnen.
RUEB: Ja, ich inszeniere »Ein Volksfeind« zwar in einer Überschreibung des ukrainischen Autors Dmitrij Gawrisch, aber schlussendlich bleibt diese Fassung ganz nah am Original. Wir erzählen von einer Kleinstadt, in der sehr viele Menschen widersprüchliche, aber in sich stimmige Argumente für ihr Handeln oder nicht Nicht-Handeln haben. Und diese Konfrontation mit gegensätzlichen Positionen, die alle ihre Berechtigung haben, kann im Publikum nachwirken. Natürlich heißt das nicht, dass das Theater die Menschen dazu bringt, sich weniger an die Kehle zu gehen. So direkt funktioniert es nicht. Aber ich glaub schon, dass wir ein Ort sein können, der Menschen in Kopf und Bauch berührt und sie innehalten lässt.

kultur.west: Sie haben im Vorfeld Ihrer Detmolder Schauspieldirektion schon zwei Inszenierungen erarbeitet und so das Haus kennengelernt. Haben Sie das Gefühl, dass das Theater die Stadtgesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt erreicht?
RUEB: Das ist die Gretchenfrage aller Theaterschaffenden. Es gibt in Detmold schönerweise eine Bürgerschaft, die unglaublich stolz ist auf dieses 200 Jahre alte Theater, auf das wunderschöne Gebäude wie auf das riesige Angebot, das es mit all seinen Sparten bietet. Insofern ist das Publikum eher ein bürgerliches. Woran ich unter anderem arbeiten möchte, ist, dass wir die Studierenden der Hochschule mehr als bisher als Publikum gewinnen. So haben wir eine Kooperation gestartet, in deren Rahmen Studierende der Architekturabteilung ein Bühnenbild entwerfen. Außerdem wird es ein Art Late-Night-Format geben, das »Kantine Super Deluxe« heißt und sich ganz gezielt an jüngere Menschen richtet.
kultur.west: Als Landestheater spielen Sie nicht nur in Detmold, sondern auch in weiteren Städten…
RUEB: Ja, wir machen Theater für Städte fast überall in Deutschland. Das ist schon verrückt. Wir touren vor allem durch die mittelgroßen Städte, die kein stehendes Ensemble haben. Ich habe den Eindruck, dass in diesen Städten tatsächlich ein breiteres Publikum ins Theater geht. Das liegt natürlich auch daran, dass diese Gastspiele in manchen Städten praktisch das einzige Kulturangebot sind.
kultur.west: Überspitzt gesagt, ein Landestheater wie Detmold muss sich am Markt orientieren.
RUEB: Es stimmt schon. Wir sind mit unseren Produktionen am Markt. Aber Theater darf nicht nur marktorientiert denken. Es ist faszinierend, sich diesem Thema zu stellen und dann auch zu spüren, wow, das interessiert die Leute. Unser wichtigstes Anliegen bleibt trotz allem, wir wollen gutes Theater machen und dabei Räume öffnen, die über die Erwartungshaltung des Publikums hinausreichen. Was wir definitiv nicht wollen, ist irgendetwas erzählen, was nur uns interessiert. Das ist nicht der Sinn von Theater. Theater ist für die Menschen da, für die, die zugucken, ebenso wie für die, die es machen. Beide Seiten gehören zusammen und sollten eine Gemeinschaft bilden.
kultur.west: Sie haben neben der »Volksfeind«-Überschreibung auch Fatma Aydemirs »Doktormutter Faust« im Programm. Sind diese zeitgenössischen Annäherungen an klassische Texte und Stoffe ein Weg, Räume zu öffnen?
RUEB: Unbedingt. Aber es sind nicht nur diese Überschreibungen, auch die Adaptionen von Virginia Woolfs »Orlando« und von Maria Lazars »Die Eingeborenen von Maria Blut« öffnen diese Räume. Wir sind stolz darauf, dass wir Lazars Roman als deutsche Erstaufführung machen Er ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart, aber zugleich können wir zeigen, dass in ihm auch ein Volksstück steckt. Als Landestheater brauchen wir eine klare Haltung, natürlich für Demokratie und gesellschaftliche Offenheit. Aber wir brauchen auch eine Offenheit dafür, für viele Menschen Theater zu machen.
Zur Person
Gustav Rueb wurde 1975 in Zürich geboren und hat Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin studiert. Während seiner Studienzeit war er Assistent bei Inszenierungen von Peter Stein und Klaus Michael Grüber. Darauf folgte eine Regieassistenz am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo auch seine ersten eigenen Inszenierungen entstanden. Seit 2005 war er als freier Schauspiel- und Musiktheaterregisseur an Häusern im ganzen deutschsprachigen Raum tätig, unter anderem am Schauspielhaus Bochum und Schauspiel Essen.
»EIN VOLKSFEIND«
25. SEPTEMBER (PREMIERE), 1., 2. UND 17. OKTOBER






