Tagrid Yousef ist Lehrerin, Neurowissenschaftlerin und Dinslakener Kulturdezernentin. Am Tag des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 war sie im Westjordanland – und engagiert sich als Friedensbotschafterin seitdem noch intensiver für den Frieden zwischen Israel und Palästina. Ein Gespräch zum dritten Jahrestag über die Frage: Wie kann Frieden gelingen?
kultur.west: Frau Yousef, wie kam es, dass Sie am Tag des Terroranschlags, dem 7. Oktober 2023, in den palästinensischen Autonomiegebiet waren?
TAGRID YOUSEF: Meine Tochter und ich sind am 4. Oktober 2023 ins Westjordanland eingereist, weil wir die Familie besuchen wollten. Es war ein Geschenk von mir an meine Tochter zu ihrem Ersten Staatsexamen, weil sie schon lange nicht mehr dort war, um ihre Tanten und Onkel zu sehen. Wir sind über Jordanien eingereist, der einzigen Möglichkeit, wenn man die palästinensische Identitätskarte besitzt. Wir wollten 14 Tage bleiben.
kultur.west: Wie war die Stimmung im Land?
YOUSEF: Es war im Grunde so, wie ich es kannte: Es gab lange Schlangen an den Grenzkontrollen, viele Checkpoints und im Land sind die Menschen ihrem Alltagsleben nachgekommen – was sie heute ja auch machen. Sie üben ihre Berufe aus, feiern Hochzeiten… Das haben wir in diesem Oktober genauso erlebt. Bis wir am 7. Oktober morgens aufgestanden sind und die Welt nicht mehr die alte war.
kultur.west: Wie hat sich das bemerkbar gemacht?
YOUSEF: Wir wollten mit dem Taxi nach Ramallah und von dort nach Jerusalem, um meinen Onkel zu besuchen. Er rief uns aber schon morgens früh an und sagte, er komme aus Jerusalem nicht heraus, man habe alles abgeriegelt. In so einer Situation kommt schnell ein Schockzustand auf, weil man nicht einschätzen kann, was passiert ist und was passieren wird. Ich hatte noch keine Nachrichten gelesen, es hieß nur, die Hamas sei irgendwie beteiligt. Bei meiner Tochter kam Panik auf, weil sie dachte, dass sie vielleicht gar nicht mehr nach Deutschland zurückkommt. Mein Ziel war ab da vor allem: Beruhig dein Kind und schau ohne Aufregung, wie sich alles weiterentwickelt. Das Ausmaß dieses terroristischen Anschlags war uns nicht bewusst. Ich habe Kontakt zum Auswärtigen Amt aufgenommen, versucht, mich in die sogenannte Elefand-Liste eintragen zu lassen, um ausreisen zu können. Was viele andere auch gemacht haben. Das klappte wegen unserer palästinensischen Identität allerdings nicht, trotz einiger Gespräche mit Bundestagsabgeordneten, die ich kannte und die sich persönlich für mich verwendet haben.
kultur.west: Wie sind Sie aus dem Land gekommen?
YOUSEF: Wir konnten einen Taxi-Fahrer überreden, uns bis zur jordanischen Grenze zu bringen. Dort haben wir Plätze in einem Bus ergattert. Es gab einen großen Andrang, viele Menschen wollten das Land verlassen.
kultur.west: Wie haben die Menschen um Sie herum auf das Massaker reagiert?
YOUSEF: Ich muss sagen, wenn ich in der Heimat bin, unterhalte ich mich so gut wie nicht über Politik und Religion, weil man nie genau weiß: Wer ist das mir gegenüber? Ich unterhalte mich mit den Menschen darüber, wie ich sie unterstützen kann, etwa im Bildungssystem. Wie kann ich vielleicht etwas Ehrenamtliches aufbauen?
kultur.west: Wie haben Sie diese Tage verändert?
YOUSEF: Ich bin damit groß geworden, dass der Nahe Osten beziehungsweise West-Asien, also meine Heimat, immer ein Konfliktgebiet war. Ich bin auch groß geworden mit den Worten meines Vaters, der immer gesagt hat: Die jüdischen Menschen sind unsere Schwestern und Brüder. Er war nicht politisch aktiv, aber es war ihm wichtig uns mitzugeben, dass alle Menschen, trotz anderer Religionen, anderer Herkünfte zu uns gehörten. Wir haben nie differenziert. Er berief sich auf den Islam, wenn er sagte: Man solle immer freundlich sein und friedlich mit anderen Menschen zusammenleben. Die Tage haben mich insofern verändert, dass der Wunsch nach einer guten Lösung für uns alle, etwa einen eigenen Staat für die Palästinenser, in unerreichbare Ferne gerückt ist. Für mich war klar, dass dieser Anschlag, der seinesgleichen suchte, eine schreckliche Zäsur darstellt. Es kam die Angst auf, dass wir uns immer weiter von dem Ziel entfernen, irgendwann in Frieden leben zu können.
kultur.west: Haben Sie dann den Plan gefasst, sich für den Frieden zu engagieren?
YOUSEF: Ich habe das vorher auch schon gemacht, aber eher im Stillen. Ich habe von Freunden gehört, dass es schwieriger ist, in die Heimat einzureisen, wenn man sich für den Frieden engagiert, wenn man politisch aktiv ist. Aber als ich Lehrerin in der Berufsschule war, habe ich Schülerinnern und Schüler versucht, einen differenzierten Blick auf das Thema Isarel und Palästina, Muslime und Juden, zu vermitteln, was Religion und was die Politik eines Landes ist, ihnen versucht beizubringen, dass wir alle in Frieden leben wollen und oft die gleichen Gedanken und Gefühle haben. Ich habe viele jüdische Freundinnen und Freunde aus meiner Zeit an der Uni, war auf Forschungsreisen in Jerusalem und Israel, habe durch meine Arbeit und meiner Friedensarbeit viele Freundschaften mit Jüdinnen und Juden aufgebaut.
kultur.west: Ist der Frieden in Israel nicht tatsächlich in immer weitere Ferne gerückt?
YOUSEF: Ich war letztens bei einer Lesung des israelischen Journalisten und Autors Joseph Croitoru in der katholischen Akademie Wolfsburg in Mülheim, der Netanjahus Biographie »Das System Netanjahu« geschrieben hat. Der Saal war voll: Wie geht es weiter, wie verhält sich Deutschland? Wird es jemals einen Staat Palästina geben? Israel ist als Staat anerkannt, das ist auch gut und richtig so, aber auf der anderen Seite muss sich dieser Staat auch an internationale Regeln und an Menschenrechte halten. Maoz Inon und Aziz Abu Sarah haben ein Buch geschrieben, dass jetzt auch in deutscher Sprache erscheint. Der Titel »The future is peace« spricht uns aus dem Herzen. Denn hier geht es darum, dass wir im Dialog bleiben müssen, ohne Waffen, mit Gesprächen, an einem Tisch und mit uns Frauen.
kultur.west: Wofür stehen die Initiativen »Women Wage Peace« und »Women of the Sun«, in denen Sie sich engagieren?
YOUSEF: Palästinensische und israelische Frauen treten dafür ein, dass unsere Kinder in Frieden und Sicherheit aufwachsen können. Wir erkennen das Leid beider Völker an. Unser Ziel ist eine politische Lösung des Konflikts über Verhandlungen – in die auch Frauen eingebunden werden sollen. Uns eint die Tatsache, dass wir Frauen sind, dass wir Mütter sind und dass unsere Kinder, unsere Väter unsere Männer in den Krieg ziehen – und viele von ihnen nicht zurückkommen. »Women Wage Peace« gibt es seit über 15 Jahren und es engagieren sich über 50.000 Mitglieder. In Deutschland sind wir noch nicht so bekannt und es fehlen noch palästinensische Mitglieder. Wir haben alle weiblichen Bundestagsabgeordneten angeschrieben und auch einen Austausch mit der Frau des Bundespräsidenten begonnen. Unser Wunsch ist, dass wir im Bundestag oder einem Ausschuss sprechen können. Wir waren schon beim Papst in Rom, werden in Amerika, Italien, Spanien gehört.
Zur Person
Tagrid Yousef wurde 1967 in Palästina geboren, in einem Dorf etwa 20 Minuten entfernt von Ramallah. Mit eineinhalb Jahren kam sie mit ihrer Mutter nach Deutschland, ihr Vater arbeitete bereits als Gastarbeiter in einem Stahlwerk in Essen. Sie studierte Biologie, Physik, Mathematik und Chemie mit Schwerpunkt Neurowissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, promovierte, arbeitete als Lehrerin und Wissenschaftlerin, Integrationsbeauftragte und ist heute Beigeordnete der Stadt Dinslaken für Bildung, Kultur, Freizeit, Sport und Europa, Jugend und Soziales.






