Runder Raum mit eckiger Akustik: Die Tonhalle Düsseldorf wird 100 Jahre alt. Michael Becker wird 2027 20 Jahre ihr Intendant sein. Ein Gespräch über Vergangenheit und Zukunft eines besonderen Konzertsaals.
kultur.west: Herr Becker, was macht die Tonhalle für Sie besonders?
MICHAEL BECKER: Ich hatte das Vergnügen, 1986/87 schon als Student in der Tonhalle zu spielen und war damals wirklich begeistert, sozusagen geflasht – obwohl ich selber aus einer Stadt mit einem Kuppelsaal komme, nämlich Hannover. Die Tonhalle ist ursprünglich 1926 ja mal als Planetarium gebaut worden. Davon merkte man in den 1980ern noch nicht so viel wie heute, weil die Decke noch komplett holzverkleidet war. Sie hatte man damals relativ frisch eröffnet, wurde aber als neues Konzerthaus Nordrhein-Westfalens von der Philharmonie in den Schatten gestellt, die als riesige GmbH geführt wurde mit einem phänomenalen Intendanten: Franz Xaver Ohnesorg, der alles nach Köln gezogen hat, was Rang und Namen hatte. Die Tonhalle war seit ihrer Eröffnung 1978 hingegen »nur« das Zuhause für das Orchester und ansonsten ein Amt der Stadt, das vermietet wurde. Meine Vorgängerin Vera van Hazebrouck hat seit Ende der 1990er Jahre versucht, das zu verändern und es zu einem modernen Konzerthaus zu machen. Als ich zum ersten Mal dort gespielt habe, habe ich das Gebäude so erfahren: tolle Ästhetik, katastrophale Akustik. Die Berliner Philharmoniker haben darin 1978 mit Karajan gespielt, danach soll der Meister gesagt haben: Wir haben hier genau zweimal gespielt – nämlich das erste und das letzte Mal.
kultur.west: Wie ist es gelungen, die Tonhalle zu einem gut klingenden Konzertsaal zu entwickeln?
BECKER: Als das Gebäude als Planetarium gebaut wurde, gab es ja schon ein anderes, das Tonhalle hieß. Das war das deutlich größere Konzerthaus in Düsseldorf vom späten 19. Jahrhundert bis zu den Bombenangriffen in den 1940er Jahren. Danach hatte die Stadt über Jahre gar kein richtiges Konzerthaus, die Symphoniker spielten in Ausweichquartieren. Die heutige Tonhalle wurde 1926 schon nicht nur als Planetarium gebaut, sondern auch mit dem Gedanken, dort Veranstaltungen zu haben. Es war allerdings ein riesiges, hallendes Etwas, eher für elektronisch verstärkte Konzerte interessant.
kultur.west: Wann hat der klassische Konzertbetrieb dann dort angefangen?
BECKER: Erst so richtig, als der Architekt Helmut Hentrich gesagt hat: Ich bau euch jetzt einen Konzertsaal in dieses wunderschöne Planetarium. Er hat etwas Kluges gemacht und die Kuppel gespiegelt nach unten. Insofern sitzt man darin wie in einer Kugel. Ästhetisch hat das gut funktioniert, aber akustisch war es ein Drama. Ein schrecklicher Glücksfall: Während einer Probe 2004 löste sich ein Holzpanel aus der Decke und krachte in den leeren Rang. Das führte dazu, dass man Asbest fand, das ganze Haus saniert wurde und der Freundeskreis sagte: Lasst uns das Problem mit der Akustik heilen. Mit großen Mitteln und viel Zeit haben sie es geschafft, eine wirklich gute Akustik zu realisieren. 2005 konnte die sozusagen »neue« Tonhalle eröffnen. Das Erstaunliche: Man sitzt in einem runden Raum mit einer eckigen Akustik. In meiner Amtszeit sind die Berliner Philharmoniker dann wiedergekommen.
kultur.west: Jetzt steht ein großes Jubiläum an: 100 Jahre Tonhalle. Wird wirklich in jedem Symphoniekonzert ein Stück aus dem Jahr 1926 erklingen?
BECKER: Definitiv. Das können kleine Stücke sein wie im Neujahrskonzert die »Siesta« von William Walton – kennt kein Mensch. Aber vor 100 Jahren wurde mit Franz Lehárs »Paganini« auch die eigentlich erste dramatisch endende Operette uraufgeführt. Was ich spannend finde: Sowohl Bartóks erstes Klavierkonzert als auch Rachmaninows viertes Klavierkonzert sind 1926 entstanden, Sibelius hat noch komponiert. Das gibt vielleicht eine Vorstellung von der Spannweite. Man hat in diesem Jahr nicht nur Roaring Twenties, sondern auch viel auslaufende Romantik. Und wir wollen eben nicht nur spielen, was nie aufgeführt wurde, sondern durch das ganze Jahr durchgehen und zeigen, was damals an unterschiedlichen Musiken nebeneinander stehen durfte und konnte.
kultur.west: Wird es einen großen Jubiläumsakt geben?
BECKER: Den wollen wir in der Woche um den 8. Mai stattfinden lassen und »Der wunderbare Mandarin« von Béla Bartók aufführen. Das ist ein Lieblingsstück von Adam Fischer, dem Chefdirigenten der Düsseldorfer Symphoniker, es ist von 1926 und das berühmte Werk, das damals nach der Uraufführung in Köln von Oberbürgermeister Konrad Adenauer verboten wurde. Es ist kein Ballett, sondern eher eine Art Pantomime mit einer drastischen Handlung um drei Zuhälter, die Mädchen zur Prostitution zwingen. Es ist damals wohl so drastisch dargestellt worden, dass es zum Verbot geführt hat. In der zweiten Hälfte spielen wir Gustav Mahlers erste Symphonie. Und wir wollen in der Woche auch noch »Die Abenteuer des Prinzen Achmed« zeigen: Das ist der älteste noch erhaltene Trickfilm, den Lotte Reiniger aus ich glaube 80.000 Einzelbildern, Scherenschnitten, zusammengesetzt hat. Dazu gibt es eine Originalmusik aus 1926, mit dem wir ihn auf die Bühne bringen. Wir spielen im Jahr rund 100 Kinder- und Jugendkonzerte, davon soll man in der Jubiläumswoche auch etwas spüren.
kultur.west: Was braucht das Gebäude, um nach 100 Jahren fit für die Zukunft zu sein? Man liest von Pfützen im Besucherfoyer?
BECKER: Wir haben es mit einer alten Bausubstanz zu tun, mit Steinen aus dem Jahr 1926, zweiter Brand, die im Expressionismus gerne verbaut wurden, weil sie so eine schöne, offenporige Qualität haben. Die sind aber alle nicht hydrophob ausgestattet – das heißt, da zieht Feuchtigkeit ins Gemäuer. Wenn es trocken ist, dann zieht sie auch wieder aus. Wenn wir jetzt aber regelmäßig mit Starkregen-Ereignissen zu tun haben, dann wird die Feuchtigkeit vom Gebäude nicht einfach verarbeitet. Ein großes Problem ist dahingehend auch unsere Dachterrasse, die komplett aus rotem Backstein ist. Da gibt es ein Ringleitungssystem aus Gußeisen von 1978. Wenn Starkregen fällt, dann läuft das Wasser mehr oder weniger ungebremst ins Material, sucht sich seinen Weg und kommt irgendwann auch im Foyer raus. Es kommst allerdings nie in den Saal, der als Kugel quasi schwebt. Das größte Thema ist unsere Verwaltung, die auf der Rheinseite liegt und schon mehreren Feuchtigkeits-Ereignissen ausgesetzt war. Die wird jetzt schon komplett saniert.
kultur.west: Was wird bei der Sanierung die meiste Zeit in Anspruch nehmen?
BECKER: Die Fassade. Da fangen wir jetzt an mit der Westseite und über die nächsten Jahre gehen die Arbeiten stückweise um das Gebäude. Es wird also immer wieder vor irgendeinem Fenster ein Gerüst stehen.
kultur.west: Wie am Kölner Dom.
BECKER: Genau. Der Vorteil ist nur, dass wir wahrscheinlich schneller fertig sind als der Kölner Dom. Das kann jetzt vier Jahre dauern, vielleicht auch fünf. Aber es wird im Idealfall keine großen Beeinträchtigungen für das Publikum geben. Weil es zeitintensive Arbeiten im Saal gibt, wo das gesamte Drahtgewebe einmal runter muss, kann es bloß sein, dass wir die Saison mal etwas später beginnen lassen.
kultur.west: Meiner Erfahrung nach gibt es keinen Konzertsaal in der Region, wo so penibel auf die Abgabe der Garderobe geachtet wird. Ist das 2026 noch zeitgemäß?
BECKER: Wir haben Klappsitze, die geben im Notfall den Weg frei. Wenn da eine Jacke drin hängt, dann haben wir ein Problem. Wenn Sie die Jacke anlassen, auch einen Pelz, dürfen Sie rein. Aber wenn man im Notfall im Dunkeln den Ausgang sucht und sich eine ganze Reihe von 20 Leuten langmacht, weil eine Jacke im Weg liegt, kann das schnell ein Drama werden. Da sind wir vielleicht ein bisschen spießig, aber die Abo- oder Besucherzahlen drücken nicht aus, dass die Leute das so furchtbar finden. Als wir angefangen haben, uns über Abonnenten-Werbung Gedanken zu machen, hatten wir 2080. Jetzt sind es über 6000. Wenn sogar Kammermusikprojekte rund 500 Abonnenten haben, gibt das ein sehr gutes Gefühl.

Michael Becker
…wurde 1966 in Osnabrück geboren. Nach seiner Schulzeit in Hannover, in der er Mitglied des Knabenchors war, studierte er die Viola in Düsseldorf. Später studierte er Journalistik und arbeitete unter anderem beim NDR. Ab 1994 war er Intendant der Niedersächsischen Musiktage. Seit 2007 ist er Intendant der Tonhalle Düsseldorf. Er unterrichtet an der Universität Lüneburg und der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf.



