Mit seinen »Kaufhaus-Objekten« nahm er die Konsumwelt spielerisch aufs Korn und ermunterte das Publikum, sich an seinen Aktionen zu beteiligen. Rolf Glasmeier wollte seine Liebe zur Kunst mit möglichst vielen teilen. Nur wenige Gehminuten vom Kunstmuseum Gelsenkirchen hat sich sein Atelier erhalten, im Ausstellungshaus selbst wird ihm nun eine Retrospektive ausgerichtet – die längst überfällig ist.
In unfriedlichen Zeiten berührt dieses Kunstwerk besonders: »Frieden im Kopf« erhoffte Rolf Glasmeier auf einem Plakat, das er 1984 für den Ostermarsch der Friedensgruppe Gelsenkirchen-Buer entwarf. Weil friedfertiges Handeln idealerweise in der Familie beginnt, zeigt das Piktogramm Mutter, Vater und Kind – deren Köpfe der Künstler durch das Peace-Zeichen ersetzte.
Mehr als vier Jahrzehnte später hat der Appell, der sich in der Spätphase des Kalten Krieges unter anderem gegen den NATO-Doppelbeschluss richtete, nichts von seinem zeichnerischen Witz eingebüßt, nichts von seiner Sinnfälligkeit verloren. Ganz zu schweigen von der politischen Dringlichkeit. So macht es Sinn, dass das Kunstmuseum Gelsenkirchen im Untertitel seiner Ausstellung zu Rolf Glasmeier den pazifistischen Appell zitiert.
Mit der Hommage an den Gelsenkirchener Künstler (1945-2003) füllen Direktorin Julia Höner und Sammlungsleiterin Denise Wegener eine Lücke: Längst überfällig war eine Retrospektive, die dem Werk des Künstlers, Typografen und Plakatgestalters gerecht wird. Nicht zuletzt als Strippenzieher darf Glasmeier eine Schlüsselposition in der Kunstszene des Ruhrgebiets beanspruchen – vor allem in den 1960er und 70er Jahren.
2007 hatte die Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt einen großen Teil des Nachlasses übernommen. Rund 30 Arbeiten zählen zur Sammlung des Kunstmuseums Gelsenkirchen. Auch die Familie hält das Vermächtnis lebendig: Bruder Michael, langjähriger Professor für Kunstwissenschaft an der Hochschule für Künste Bremen, wohnt zwar seit 1973 in Berlin – bei der aktuellen Ausstellung ist er jedoch unter anderem als Leihgeber eingebunden. »Rolf war ein absoluter Kommunikator, eine Wohltat für Gelsenkirchen.«
Derweil kümmert sich sein Sohn, der Architekt Jan Glasmeier, vor Ort um die Nachlasspflege. Ihm ist es zu verdanken, dass Rolf Glasmeiers Wohnatelier in der Horster Straße, nur wenige Schritte entfernt vom Museum, das Gedächtnis an den allzu frühen verstorbenen Künstler wachhält. Hier hatte der notorische Netzwerker zahlreiche der mehr als 350 Ausstellungen organisiert, mit denen er andere Kunstschaffende ins Rampenlicht rückte – nicht eben typisch für Künstler*innen, deren Ambitionen sich häufig auf die eigene Karriere konzentrieren. Als »Feste« hat Glasmeier diese Ausstellungen im privaten Rahmen bezeichnet.
Heute erinnern in der kleinen Wohnung Bücher, Kunstmagazine, Dias und CDs sowie eine Auswahl seiner Werke an den Künstler, der zwei Tage nach seinem 58. Geburtstag einer Krebserkrankung erlag. Allerdings haben die Räume ihr Aussehen und ihren Charakter verändert, wie Denise Wegener berichtet: »Das Atelier, in dem Glasmeier in den 1960er Jahren durchaus auch lebte, wird aktuell vor allem als Archiv genutzt.« Für die Öffentlichkeit ist es normalerweise nicht zugänglich.
Ende der 1970er Jahre war Glasmeier in ein Reihenhaus in der Beckeradsdelle gezogen; entworfen hatte es sein Vater, der Architekt Ernst Otto Glasmeier (1921-2021). Im Erdgeschoss wurde anstelle der Garage ein kleiner Atelier- und Ausstellungsraum eingerichtet. »Hier«, so Wegener, »setzte Rolf Glasmeier seine Tätigkeit als Ausstellungsmacher fort. Das Reihenhaus inklusive Atelier ist nach wie vor bewohnt.«
Rund 140 Werke sind nun im Kunstmuseum Gelsenkirchen zu sehen. Von Skulptur, Fotografie und Grafik spannt sich der Radius bis hin zu Aktionen im öffentlichen Raum. Auch stilistisch umfasst Glasmeiers Schaffen eine erstaunliche Spannweite. Geometrische Abstraktion und serielle Strukturen schlagen sich darin ebenso nieder wie Ready-made, Pop Art und Arte Povera. Letztlich waren alle diese Stilphänomene Mittel zu einem höheren Zweck: Sich im Elfenbeinturm der Kunst behaglich einzurichten, das widersprach seinem ganzheitlichen Ansatz. »Kunst und Kultur«, erklärte Rolf Glasmeier, »bieten für mich eine umfassende Chance, seelische, physische und visuelle Phänomene im menschlichen Alltag zu benennen.«
Intellektuell ambitioniert
Das klingt nach einer intellektuell anspruchsvollen Herangehensweise an die Kunstproduktion – und ist es auch. Bemerkenswert von daher, dass der Künstler seine Berufslaufbahn bodenständig begann. Zunächst absolvierte Glasmeier ab 1962 in Gelsenkirchen eine Lehre als Schriftsetzer. Drei Jahre später begann er in Ulm, bei der legendären Hochschule für Gestaltung, zu studieren. Sein Lehrer Otl Aicher, einer der einflussreichsten deutschen Grafikdesigner der Nachkriegszeit, prägte ihn durch die reduzierte Formensprache seiner Piktogramme (1972 wurden Aichers Sportembleme, die er für die Olympischen Spiele München entwarf, weltweit bekannt).
Dass Rolf Glasmeier wegen seiner Lehre mehr als das kleine Einmaleins der Typografie beherrschte, belegen in der Ausstellung mehrere präzise durchgearbeitete Blätter, die zwischen Schrift und Bild changieren. Zu diesen Werken, in denen buchstäblich jeder Millimeter der Bildfläche in Anspruch genommen wird, gehört die Serie der »Zeilenbilder«. Ferner Zeichnungen, die ein wohlgeordnetes Dickicht ineinander verschlungener Elemente offenbaren (»Überlappung«). Nicht zu vergessen zeichnerische Exerzitien, bei denen der Titel deckungsgleich ist mit dem Inhalt – der sich freilich in 35 Textblöcken unzählige Male wiederholt (»Mit dem Bleistift schreiben, verwischt«, »Mit dem Filzstift schreiben, verwischt«). Als Fleißarbeit und Botschaft der Visuellen Poesie gleichermaßen faszinierend. »Es ging ihm nicht darum, Sprache als Informationsmedium zu benutzen, sondern als ästhetisches Projekt«, erklärt sein Bruder Michael Glasmeier. »Das ABC als eine Ästhetik, die lesbar ist – aber dann doch wieder nicht.«
Diese Zeugnisse aus dem Skriptorium der damaligen zeitgenössischen Kunst könnten zu der Vermutung Anlass geben, Rolf Glasmeier habe sich mit solchen virtuosen Fingerübungen selbstgenügsam im eigenen künstlerischen Kosmos eingekapselt. Nichts könnte unzutreffender sein. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Mit seinen »Kaufhaus-Objekten« nahm er die Sphäre des Konsums einfallsreich und spielerisch aufs Korn. Korrespondierend reagierten seine »Bergbauobjekte« auf die Arbeitswelt im Ruhrgebiet, die in den späten 60ern und frühen 70ern noch durch die Schwerindustrie geprägt war. In beiden Fällen bezog er sich auf das Ready-made, wie es Marcel Duchamp im frühen 20. Jahrhundert ›erfunden‹ hatte, um die Kunstwelt zu provozieren. Glasmeier dagegen ging es um Tuchfühlung mit dem ›Otto Normalbetrachter‹.

Sein erstes »Kaufhaus-Objekt« schuf er 1967, noch während des Studiums an der HfG Ulm. Zahlreiche handelsübliche Fenstergriffe schraubte er in strengen Reihen auf eine quadratische schwarze Platte. Der Clou: Die Komposition der »Fenstergriffe« ist nicht festgelegt, weil das Publikum die Griffe drehen kann – mal alle ordentlich nach links, mal alle akkurat nach rechts oder aber chaotisch durcheinander. Den Betrachter lud Glasmeier ein, an seinen Objekten »zu fummeln«, um ihnen auf diese Weise eine individuelle Gestaltung zu geben. Die allerdings nur vorübergehend war – sie dauerte so lange, bis der nächste Rezipient die Elemente in eine andere Konstellation brachte.
»Die ›Kaufhaus-Objekte‹«, sagt Michael Glasmeier, »führen dazu, dass man einen anderen Blick auf die Dinge wirft. Wenn man sie dann selbst noch drehen kann, ist die ganze haptische Funktion mit angesprochen.« Im Katalog verweist Vanessa Joan Müller auf Umberto Ecos bekannten Essay »Das offene Kunstwerk« – aus dem eine vergleichbare Haltung spreche. Darin beschreibt der Philosoph und Semiotiker eine Avantgarde-Kunst, die mit dem Zufall spielt und festgelegte, starre Bedeutungen ad acta gelegt hat. In den folgenden Jahren plünderte der Künstler förmlich die Regale der Kaufhäuser und Baumärkte, unermüdlich auf der Suche nach Gegenständen, die als Ausgangsbasis seiner Kunst geeignet erschienen: Kleiderbügel und Handtuchhalter, Lichtschalter, Briefkastenschlitze, Radioantennen, Kamintüren, Besenstielhalter und Mausefallen – all diese trivialen Gegenstände adelte er zum Kunstwerk. Die serielle Anordnung trug das ihre dazu bei, dass die Dinge ihren Charakter veränderten.
»Das Spielen mit diesen Objekten verlangt keine Durchdringung einer möglicherweise empfundenen ›Kunst‹-Aura, sondern macht spontan Spaß«, hielt erstaunt der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath 1972 fest. Pflichtschuldig bescheinigte er den Werken zugleich einen »pädagogisch-didaktischen Wert«. »Der Witz ist«, kommentiert Michael Glasmeier aus heutiger Warte, »dass er die seriellen Strukturen etwa der Konkreten Kunst übernimmt, aber sie durch seine Objekte umformuliert in eine sehr heitere, spielerische Angelegenheit.« Inzwischen ist das Berührungsverbot im Museum, das der Künstler für seine »Kaufhaus-Objekte« programmatisch außer Kraft gesetzt hatte, aus konservatorischen Gründen für einige Werke wieder eingeführt worden. In der Gelsenkirchener Ausstellung signalisiert ein Händesymbol neben dem Exponat, wo man nach wie vor zugreifen darf.
Musterbeispiele für Umberto Ecos Konzept vom »offenen Kunstwerk« sind auch jene Kugellager, Zahnräder oder Schrauben, aus denen Rolf Glasmeier seine »Bergbauobjekte« zusammensetze. Zweifellos ist diese Werkgruppe, die vor allem in den frühen 1970er Jahren entstand, ein Highlight der Retrospektive im Kunstmuseum Gelsenkirchen. Auch hier kann und soll der Betrachter in die Rolle des Schöpfers schlüpfen und bei einer Reihe von Arbeiten Hand anlegen, um dem Objekt eine – vorläufig – abschließende Gestaltung zu geben.
Kunst am Arbeitsplatz
So zeigte Glasmeier 1973 die Ausstellung »Mobil-Objekte mit Bergbau-Material« – passenderweise im Ruhrkohle-Haus in Essen. Ein Jahr später war die Zeche General Blumenthal in Recklinghausen Schauplatz der partizipativen Aktion »Von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz«. Fotos zeigen Glasmeier als langhaarigen Hippie, wie er die Malocher für das künstlerische Potenzial ihrer Gerätschaften sensibilisiert. Wie kam der Kontakt zu dem (2001 stillgelegten) Steinkohlebergwerk überhaupt zustande? »Das war eine Einladung der Ruhrfestspiele«, so Michael Glasmeier. »Thomas Grochowiak, der von 1954 bis 1980 die Städtischen Museen Recklinghausen leitete und wegweisende Ruhrfestspiel-Ausstellungen organisierte, hat meinen Bruder sehr gefördert.«
Später erhielt die Beschäftigung mit dem Bergbau einen zunehmend kritischen Unterton. Beim Künstler*innen-Symposion »das revier: motiv und motivation«, das 1983 auf der stillgelegten Zeche Carl in Essen über die Bühne ging, ließ der Künstler aus einer »Lutte« (einem Bergbau-Lüftungsrohr) tote Baumwurzeln quellen. Beinahe so, als hätte sich das Bergwerk die Natur gefräßig einverleibt, um sie dann zu erbrechen. »Er war«, sagt Michael Glasmeier, »ein Prophet unseres heutigen Naturverständnisses. Im Grunde einer der ersten Klimakämpfer.« Mehr und mehr driftete Rolf Glasmeier im Spätwerk weg von den Dingen der Konsum- und Arbeitswelt. Nun ging es ihm vor allem darum, durch Meditation und Schamanismus einen Zugang zur geistigen Welt zu finden. Konsequent von daher seine Zuwendung zur Arte Povera, zur Kunst der ärmlichen Gegenstände: Dinge, die andere wegwerfen, präsentierte er in hölzernen Schaukästen, die wie Reliquienschreine wirken, als »Ikonen des Recyclings«.
In der Ausstellung hängt die vielteilige Serie mit verschlissenen Fundstücken – sie entstand Mitte der 1990er Jahre – dicht an dicht in drei Reihen. Verpackungsmüll von Kerzen, leere Orangennetze, Bananenschalen, Baumrinden oder Wurstenden – kein Gegenstand war dem Künstler zu schäbig, alles war es aus seiner Sicht wert, zur Ikone erhöht zu werden. Welch ein Kontrast zu den properen, makellosen »Kaufhaus«- und »Bergbau«-Objekten im Frühwerk! Einer der Objektkästen trägt den Titel »Tote Melone«. Geschaffen hat ihn Glasmeier 2002, ein Jahr vor seinem Tod. Vanitas-Symbolik im Allgemeinen und persönliche Vorahnung seines baldigen Abschieds von der Welt, hier gehen sie eine beklemmende Allianz ein.
»ROLF GLASMEIER: FRIEDEN IM KOPF«
KUNSTMUSEUM GELSENKIRCHEN
BIS 8. MÄRZ






